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Kultur

Tschaikowsky im hohen Norden

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky ist ebenso missverstanden wie auch beliebt beim Publikum. Wie viel man vom Komponisten noch nicht kennt, beleuchtet ab diesem Wochenende das Schleswig-Holstein Musik Festival.

Für das russische Musik-Establishment war seine Musik zu deutsch und zu akademisch, nicht "russisch" - das hieß damals - folkloristisch genug. In westlichen Musikkreisen dagegen wurden Tschaikowskys Melodien als sentimental, zu romantisch und eingängig, geradezu kitschig empfunden. In Bezug auf sein Violinkonzert fragte der gefürchtete Musikkritiker Eduard Hanslick sogar, "ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört".

Nachhaltige Popularität

Starker Tobak für einen der beliebtesten Komponisten der Musikgeschichte, dessen Melodien in das kollektive Bewusstsein eingegangen sind - auch derer, die nicht zum treuen Klassikpublikum gehören. Schlachtrösser wie Tschaikowskys Violinkonzert, sein erstes Klavierkonzert, die Balletmusik zum "Schwanensee" oder die Fünfte und Sechste Sinfonie werden in allen Herren Ländern gespielt. Man kennt Tschaikowsky halt - aber kennt man ihn wirklich? Das größte Klassikfestival in Deutschland - und eines der größten der Welt - meint: Nein, nicht gut genug. Zum Jubiläum - 175 Jahre nach seiner Geburt am 7. Mai 1840 - wird der Komponist wieder entdeckt, aber nirgendwo intensiver als im Norden Deutschlands.

Über nur wenige Komponisten gibt es so viele Klischees wie über Pjotr Iljitsch Tschaikowsky. Damit aufzuräumen, sagt Frank Siebert, Chefdramaturg des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF), war ein "inneres Bedürfnis". Weil jeder diesen Komponisten kenne. "Aber wenn man sich wirklich fragt, was wir eigentlich von ihm kennen, dann fällt uns gar nicht so viel ein. Das war für uns Motivation, die ganze Bandbreite dieses Komponisten zu zeigen."

Schwanensee (Foto: AP)

Es gibt viel mehr von Tschaikowsky als nur den "Schwanensee"

Musikalische Schwüle oder schwuler Musiker?

Das Bild Tschaikowskys wurde nachhaltig von Biographen um die Wende zum 20. Jahrhundert geprägt. Zu dieser Zeit verbreiteten sich Gerüchte über die Homosexualität des Komponisten außerhalb Russlands. Die Emotionalität seiner Musik, sogar seine unvergleichliche melodische Gabe, wurden dann jahrzehntelang im Licht seiner sexuellen Orientierung gesehen und pathologisiert. Lange hielt sich sogar das Gerücht, der Komponist sei nicht an Cholera gestorben, sondern durch Selbstmord - als logische Folge seines Lebensstils. Das Gerücht wurde längst von der Forschung widerlegt. Das hielt Biografen jedoch nicht davon ab, vermeintliche Schwächen in seiner Musik als vermeintliche Charakterschwächen zu "erklären" und dem Image des Komponisten nachhaltig zu schaden.

Dabei, meint Siebert, gibt es bei Tschaikowsky viel Entdeckungswürdiges. "Wir sind offensiv in die Diskussion mit den Künstlern gegangen, und es kommt dann wirklich Erstaunliches heraus." Eine wenig bekannte Klaviersonate Tschaikowskys etwa hat die russische Pianistin Lilya Silberstein für sich entdeckt. Das Zweite Klavierkonzert wird in der selten gespielten Originalfassung von Elisabeth Leonskaja mit der Radiophilharmonie Hannover gespielt. Und ein konzertanter Querschnitt aus Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" liegt dem Dirigent Christoph Eschenbach am Herzen.

Christoph Eschenbach (Foto: dpa)

Christoph Eschenbach ist beim SHMF ein "Wiederholungstäter"

Das musikalische Innenleben nach Außen getragen

"Es geht darum, Tschaikowskys Popularität zu erweitern und noch mehr Facetten reinzubringen," sagt Frank Siebert der DW. Jedes der rund 180 Konzerte der aktuellen Saison (vom 11. Juli bis zum 30. August) - zumindest die im Klassikbereich - hat einen Tschaikowsky-Bezug, so Siebert. Das gipfele in einer Kammermusiknacht im Kieler Schloss, in der das Klaviertrio des Komponisten, sein Streichsextett sowie einige seiner Lieder wiedergegeben werden.

Dass das Innenleben eines Komponisten die Beschaffenheit seiner Musik - auch ihren seelischen Inhalt - beeinflusst, scheint selbstverständlich. Wie das aber genau geschieht, da hat die seriöse Forschung inzwischen gelernt, vorsichtiger mit Erklärungen umzugehen. Besucher des Schleswig-Holstein Musik Festivals bekommen auf jeden Fall jetzt die Möglichkeit, Klischee von Wahrheit zu trennen - und ihr eigenes Tschaikowsky-Bild zu finden.

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