Tschadsee: Wie der Klimawandel den Terror befördert | Afrika | DW | 04.12.2015
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Afrika

Tschadsee: Wie der Klimawandel den Terror befördert

Dürren, Landkonflikte, Arbeitslosigkeit - die Bewohner um den Tschadsee kämpfen mit den Folgen des Klimawandels. Terrorgruppen wie Boko Haram wissen daraus Profit zu schlagen.

Eine Viehherde steht am Tschadsee in der Zentralafrikanischen Republik, Foto: S. Bengali/MCT/Landov

Der See zieht sich zurück: Tiere müssen immer weiter laufen, um zum Wasser zu gelangen

"Der Tschadsee stirbt." So deutlich formulierte Nigers Präsident Mahamadou Issoufou seine Worte beim Auftakt der Weltklimakonferenz am Montag in Paris. Seine Amtskollegen aus Nigeria, Tschad und Kamerun, den Nachbarländern rund um den Tschadsee, stärkten ihm den Rücken und forderten geschlossen mehr Hilfevon der internationalen Gemeinschaft. Der Binnensee erstreckte sich einst über etwa 25.000 Quadratkilometer - heute ist der See nur noch 1.500 Quadratkilometer groß. Der Grund: Schwere Dürren in den 1970er- und 1980er-Jahren trockneten den See beinahe aus und verknappten somit den Wasserspeicher und die Lebensgrundlage für Millionen Menschen.

"In Baga im Nordosten Nigerias gab es ein Gasthaus mit dem Namen 'Am Hafen', aber der Hafen war damals schon drei Kilometer weit weg", erinnert sich Norbert Cyffer. Er war in den 70er-Jahren Gastdozent an der Universität in Maiduguri im Norden Nigerias und hat beobachtet, wie der Tschadsee zu einem Zehntel seiner Größe zusammenschrumpfte.

"Innerhalb kürzester Zeit hat der Regen um 10 Prozent abgenommen", fügt Sara Vassolo von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Ressourcen hinzu. Dadurch habe der Wasserstand der zulaufenden Flüsse drastisch abgenommen. Dem See habe somit plötzlich eine wertvolle Wasserquelle gefehlt. Vassolo beschäftigt sich seit 2009 mit der Wasserknappheit am Tschadsee. Zwar ist die Seefläche seit den 80er-Jahren konstant geblieben, doch das Bevölkerungswachstum in der Region hat sich seitdem fast verdreifacht: Inzwischen leben mehr als 30 Millionen Menschen in den angrenzenden Gebieten. Sie sind von der Landwirtschaft, der Viehhaltung und vom Fischfang abhängig.

Zulauf für Boko Haram

Hier trifft eine schleichende Klimakatastrophe auf eine chronisch instabile Region: Die Islamistengruppe Boko Haram hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer weiter ausbreiten und an Stärke gewinnen können. Einen Zusammenhang halten Experten für wahrscheinlich: Die knappen Ressourcen, hohe Arbeitslosigkeit und kaum Perspektiven machten gerade junge Menschen anfälliger für die Ideologien der Terroristen. Auch Afrikanist Cyffer kann sich vorstellen, dass sich diese Menschen von extremen Gruppen wie Boko Haram eine Lebensgrundlage erhofften und "sich gute Zukunftsaussichten ausmalen."

Dass der schrumpfende Tschadsee zunehmend zum Sicherheitsproblem wird, davor warnen auch Politiker. "Die knappen Wasserressourcen verschlimmern Armut, Hunger und Unsicherheit", sagte Nigers Verteidigungsminister Mahamadou Karidjo auf der Weltklimakonferenz. Die Jugend höre nicht mehr auf ihre Eltern und werde zur Zielscheibe für Boko Haram. Sie werde unter Drogen gesetzt, indoktriniert und brächte dann den Terror zurück in ihre Dörfer, fuhr er fort. Tschads Staatsoberhaupt Idriss Deby sprach in Paris sogar vom Tschadsee als Basis für Boko Haram.

Das Problem ist nicht neu: Die Klimaveränderung gefährdet schon lange die Stabilität in der ganzen Region, schreibt die Tschadsee-Kommission. Sie berät ihre Mitgliedstaaten, also Länder, die an den See grenzen, in Sachen Wassermanagement. Auf der Suche nach fruchtbaren Böden wandern die Menschen seit Jahrzehnten vom lebensfeindlichen Norden nach Süden, etwa nach Nigeria. Nach Angaben der Kommission hat Nigeria bereits knapp 60 Prozent der gesamten Bevölkerung aus dem Seebecken aufgenommen.

Sie drängen in Städte wie Kano, Maiduguri oder nach N'Djamena im Tschad. Maiduguri schwoll auf 1,5 Millionen Einwohner an - das ist das Zwanzigfache im Vergleich zu den 60er-Jahren. Dadurch explodierte auch die Nachfrage an Wohnraum. "Immer mehr Weideland wird absorbiert und das führt zu Landkonflikten", sagt Afrikanist Cyffer. Die Bauern hätten nicht mehr genug Boden zur Verfügung.

Menschen flüchten in einem Fischerboot über den Tschadsee Foto: K.Palitza/dpa

Viele Bewohner des Sees flüchteten in Fischerbooten vor Boko Haram

Streit um Land und Ressourcen

Der Streit um Weideflächen eskaliert: Jedes Jahr sterben Hunderte Menschen in Auseinandersetzungen zwischen ansässigen Bauern und aus dem Norden kommenden Hirten. Die Regierung tue jedoch wenig gegen die klimabedingten Landkonflikte, sagt Philip Jakpor von der Umweltgruppe 'Friends of the Earth Nigeria'. "Die Regierung hat dazu keine Position. Es gibt kein Ministerium, das sich um die Folgen des Klimawandels kümmert", sagt er der DW. Jakpor glaubt nicht, dass die Weltklimakonferenz in Paris die afrikanischen Staatsoberhäupter in die Pflicht nimmt. "Sie laufen umher, sitzen in Meetings und wenn sie zurückkommen, passiert nichts."

Es ist ein Teufelskreis: Der Klimawandel verschärft Konflikte um Land und Ressourcen und befördert schlimmstenfalls den Aufstieg terroristischer Gruppen. Die fehlende Sicherheit wiederum erschwert den Umweltschutz. "Es gibt immer ein Land, das Probleme hat. Erst war es der Tschad, dann Libyen - und jetzt haben wir das Problem in Nigeria und in Teilen von Kamerun und Niger", sagt Vassolo. Bislang bohrten einige Länder um den See Grundwasserbrunnen, um die Dörfer mit Frischwasser zu versorgen. Der Hydrologin zufolge müsse man im Norden Nigerias bereits bis zu 300 Meter tief bohren. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung ständig vor Boko Haram flüchten müsse. Das mache langfristige Wasserschutzprojekte unmöglich.

Soldaten im Kampf gegen Boko Haram in Nigeria

Eine Militäroffensive mit Soldaten aus dem Tschad, Kamerun, Niger und Nigeria bekämpft in der Region die Terrormiliz

Die Lösung sei zuerst eine sicherheitspolitische, sagt Abubakar Bobboi Jauro, ehemaliger Chef Tschadsee-Kommission im DW-Interview. "Die Staatsoberhäupter müssen zuerst die Region sichern und befrieden, dann erst ist es möglich die wirtschaftlichen und klimabedingten Probleme zu bekämpfen." Indessen beteiligt sich der Tschad ebenso wie Kamerun und Niger am Kampf gegen Boko Haram. Doch ein Faktor bleibt unberechenbar: Der Regen müsse weiter konstant bleiben, damit sich genügend neues Grundwasser bilde, sagt Vassolo."Sollte es aber in den nächsten 15 Jahren große Dürreperioden geben, dann haben wir ein Problem."

Mitarbeit: Salisou Boukari

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