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Gesellschaft

Trumps Bude

Der Mann hat Nerven! Wenige Tage vor seiner Vereidigung zeigt uns Donald Trump seinen Lieblingsplatz. Sein Büro - unaufgeräumt. Was für ein Chaos! Nun wissen wir endgültig Bescheid über ihn - oder doch nicht?

Wenn der so sein Land regiert, wie sein Schreibtisch aussieht, na dann gnade uns Gott! Was für ein Durcheinander. Aber bei Donald Trump, demnächst 45. Präsident der immer noch mächtigsten Nation der Welt, weiß man nie: Er liebt das Unkonventionelle. Er hat sich scheinbar nicht darum geschert, noch schnell ein bisschen Ordnung zu machen, bevor der Chef der größten deutschen Boulevard-Zeitung zum Interview erschien.   

Sein Büro jedenfalls im eigenen Trump-Tower lässt tief blicken, in Herz und Seele der Reizfigur. Die leichthin gesagte Formel, zeig mir Dein Zimmer und ich sage Dir, wer Du bist, wird plötzlich bedeutungsschwanger. "Bild" sei Dank, Donald Trump hat's jedenfalls gemacht und seinen Arbeitsplatz gezeigt, von dem aus er mit Milliarden jongliert, seine Vergangenheit stilisiert und sich auf den neuen Job im Weißen Haus vorbereitet.

Was der Psychologe zu diesem Anblick sagen würde, wissen wir nicht. Versuchen wir es also selbst. Was Millionen heute in der "Bild"-Zeitung sehen, ist - je nach Blickwinkel - entweder das Eine oder sein Gegenteil. Bücherstapel, offene Schubladen, Bilder und Skulpturen und vor allem ein Telefon, das vielleicht schon Ronald Reagan in der 80er Jahren in Betrieb hatte. Und wer genau hinsieht, entdeckt die offene Schublade unter der Schreibtischplatte - oder ist es eine Holzkiste? -, jedenfalls übervoll mit Papierrollen bepackt. Und: eine Schere, Modell Haushaltsschere mit orangefarbenem Plastikgriff. So sieht es in manchem Hobbykeller aus. Und dann sagt Trump auch noch, er mag Ordnung. Aber warum dann so ein Billigteil?

USA Donald Trump im Interview mit Kai Diekmann (picture alliance/dpa/BILD/D. Biskup)

Da, wo er sich offensichtlich am wohlsten fühlt: Donald Trump in seinem Büro mit Kai Diekmann

Kokettieren mit der eigenen Durchschnittlichkeit?

Was der neue US-Präsident uns da im 26. Stockwerk seines Hochhauses präsentiert, ist ein Abbild von Normalität. Der Mann, der schon vor seinem Einzug ins Weiße Haus als Bösewicht Karriere gemacht hat, zeigt uns unverstellt den kleinen Jungen in sich: das Gewehr an der Wand, ein Segelbootrumpf, private Fotos (nicht nur von ihm, aber vor allem), ein Bumerang. Ansonsten Bücher und mindestens 30 Zentimeter hohe Papierberge. Pokale, Urkunden, Büromappen. Alles dicht an dicht. Keine Frage: Der Mann ist so normal wie du und ich. Ein Chaot eben.

Vielleicht aber verhält es sich ganz anders mit der Trumpschen Kunterbunt-Bude. Vielleicht sitzen wir nur einem Paradoxon auf. Weil das Gegenteil von dem zutrifft, was uns augenscheinlich vorgespiegelt wird. Gut möglich, dass der Mann mit der gelb-blonden Scheitelfrisur, die nur mit stärkstem Allwetter-Taft die Façon halten kann, sich einfach nur perfekt stilisiert. Die Enge seines Büros, die wahllos und anscheinend nur zufällig herumliegenden Blätter, Hefte, Bücher - alles nur ein PR-Gag? Gut möglich. Wir kennen das psychologische Moment bei Schwerreichen, die alles haben und nichts mehr lieben als die wärmende Enge eines Zimmers, randvoll mit persönlichen Devotionalien der eigenen Vergangenheit. Hier blüht die Sentimentalität auf die eigene Jugend, hier gedeiht die Melancholie.     

Aber gut, dass wir jetzt, nach seinen unflätigen Reden, dem Dauer-Casting seiner Familie und der in jeder Hinsicht spektakulären ersten Pressekonferenz des etwas anderen Präsidenten, auch den Ort kennen, wo all seine Ideen, Pläne und Kampagnen entstanden sind. Im Oval Office dürfte sein Schreibtisch anders aussehen. Von Amts wegen. Da hat er dann auch mehr Platz. Ob es ihm da gelingt, den großen Jungen in sich und seine Footballhelm-Sammlung einfach zuhause zu lassen?