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Wirtschaft

Trump oder Clinton? Wen will die Wall Street?

Die Börsianer sind zwar keine Clinton-Fans, doch sie sehen sie als das kleinere Übel an. Während Trump unberechenbar scheint, steht seine Gegnerin immerhin für politische Stabilität. Sophie Schimansky aus New York.

Die Wall Street war eines der Lieblings-Wahlkampf-Themen sowohl von Hillary Clinton wie auch von Donald Trump. Kein Wunder, ist sie doch das Feindbild der Amerikaner schlechthin. Sie hat die Finanzkrise ausgelöst, den Amerikanern die Jobs und die Hoffnung auf Gerechtigkeit genommen. Auch acht Jahre nach der Krise müssen skrupellose CEOs wie John Stumpf von Wells Fargo ihren Hut nehmen, weil sie ihre Mitarbeiter so unter Druck setzten, dass die falsche Konten anlegten. Das Fehlverhalten der Deutschen Bank, mit dem sie die Finanzkrise mit losgetreten hat, wird aktuell neu aufgerollt und auf einmal wirkt 2008, als sei es erst gestern gewesen. Wie kein anderer Bereich der Wirtschaft steht die Wall Street für Gier, Skrupellosigkeit und Abzocke.

Mit der Wall Street auf Stimmenfang

Damit lässt es sich wunderbar auf Wählerfang gehen. Das wissen beide Präsidentschaftskandidaten für sich zu nutzen. Clinton sagte auf einer Wahlkampfveranstaltung Anfang des Jahres, sie wolle entschlossen gegen die Wall Street vorgehen, Schlupflöcher schließen, Managergehälter kürzen. Die Dodd-Frank-Gesetzgebung habe nach der Finanzkrise bereits dazu beigetragen, dass die Regierung die Banken in Schach halten kann - durch höhere Anforderungen an Kapital und engmaschigere Kontrollen. Nicht zuletzt die Banken-Stresstests sollten die Geldhäuser auf ihre Standfestigkeit überprüfen. "Ich bin stolz auf unsere Bemühungen und werde die Dodd- Frank-Regeln als Präsidentin noch viel energischer durchsetzen", sagte Clinton.

US TV Debatte Trump vs Clinton (picture alliance/AP Photo/J. Locher)

Auch Wirtschaftsthemen prägten die TV-Debatten

Auch Trump wettert gegen die New Yorker Börse. "Ich will was gegen die Jungs an der Wall Street unternehmen, die verdienen zu viel und zahlen zu wenig Steuern", schimpft er in einem Interview mit Fox News im April. Clinton und Trump sind sich nicht in vielen Punkten einig, aber in diesem sind sie es.

Beide Kandidaten also wollen rigoros regulieren. Das klingt bei beiden nur bedingt glaubwürdig. Trump selbst ist Geschäftsmann, der in der Kritik steht, zu wenig Steuern gezahlt zu haben. Jahrelang soll er den Fiskus mit dem "schlauen" Gebrauch von Hintertürchen ausgetrickst haben. Dass er diese Schlupflöcher nun stopfen will, ist schwer vorstellbar. Clinton hingegen muss sich immer wieder wegen ihrer zahlreichen Reden bei Banken rechtfertigen, für die sie horrende Summen eingestrichen hat. Und während Trump die Herausgabe seiner Steuerunterlagen verzögert, rückt Clinton nicht mit den Skripten ihrer Reden heraus. Doch einer gehackten Mail ist zu entnehmen: Sie vertritt auf der politischen Bühne eine schärfere Meinung als hinter den Kulissen. Sie hat in einer ihrer Reden gar die Banker von einem Teil ihrer Schuld an der Finanzkrise entlastet.

Angstthemen der Börsianer: Steuern und Regulierung

Macht es dann überhaupt einen Unterschied für die Wall Street, wer Präsident wird? Schon, sagt der Börsenhändler Peter Costa. Seit mehr als 35 Jahren steht er auf dem Parkett der New Yorker Börse. Sechs Präsidenten hat er in seiner Laufbahn kommen und gehen sehen, drei Demokraten, drei Republikaner. "Den Märkten ging es unter Demokraten immer besser."

Die Wall Street schaue vor allem auf Steuern und Regulierung, sagt Costa. Zu hohe Steuern und eine zu komplexe Regulierung hinderten vor allem kleine Unternehmen daran, zu wachsen. Die amerikanische Unternehmenssteuer ist mit 39 Prozent eine der höchsten der Welt. Als Republikaner sollte Trump per se für unternehmerfreundliche Politik stehen. Er will die Unternehmenssteuern von 39 auf 15 Prozent senken, sagt er. Er will die inländische Wirtschaft vor Billigimporten aus dem Ausland schützen und so die Handelsbilanz wieder ins Gleichgewicht bringen, also wieder mehr exportieren. Damit vertritt er eine Wirtschaftspolitik wie der frühere Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren. "Die ist ganz klar auf die Angebotsseite ausgerichtet", sagt Oren Cass vom Manhattan Institute. Er hat den Republikaner Mitt Romney 2011/12 in seiner Kampagne gegen Obama unterstützt. Trump klingt zunächst ganz nach dem Traumkandidaten der Wall Street.

Wall Street ist kein Trump-Fan und mag Clinton nicht

Doch die Wall Street ist trotz all dem kein Trump-Fan. "Das Problem mit Trump ist ein ganz anderes - er ist unberechenbar für uns", sagt Costa. Donald Trump legt kaum konkrete Konzepte vor und wenn Anleger eines nicht mögen, dann ist es Unsicherheit. Genau das ist Clintons Vorteil: Sie steht für Stabilität, sie hat einen Plan, auch wenn die Wall Street den nicht gut findet. Sie will die Steuern lassen wo sie sind, und während Trump den Dodd-Frank-Act kippen will, will sie schärfer regulieren. Deswegen fürchtet die Wall Street die Demokraten. Und trotzdem: "Hillary ist Hillary, man weiß, was sie vorhat und kann dementsprechend investieren", sagt Costa. Selbst die Tatsache, dass Trump ein Unternehmer ist, beeindruckt an der Wall Street niemanden. Zu oft und öffentlich wurden seine Misserfolge breitgetreten: Seine Pleiten mit der Trump Airline, der Trump Universität, seinen Casinos.

Die Immobilien des Donald Trump Trump Taj Mahal USA (Getty Images/W.T.Cain)

Beileibe nicht immer erfolgreich: Trump-Immobilie Taj Mahal in Atlantic City

Wie die Märkte auf die beiden Kandidaten reagieren werden

Costa rechnet damit, dass die Märkte bei einem Wahlgewinn Trumps ins Minus stürzen. Die aktuellen Studien geben ihm Recht: Das private Forschungsinstitut Macroeconomic Advisers rechnet damit, dass die Aktien acht Prozent verlieren würden, wenn der Republikaner Präsident würde. Damit wäre der Gewinn eines Jahres zerbröselt. Dazu haben sie die Meinungsumfragen und parallel dazu die Aktienkurse verfolgt; immer dann, wenn die Meinungsumfragen Trump vorne sahen, sanken die Aktienkurse und die Risikoprämien stiegen - das ist die Summe, die Investoren zusätzlich zur Dividende verlangen, um in risikoreiche Anlagen im Vergleich zu risikoärmeren Anlagen wie Staatsanleihen zu investieren. Sie wollen für ihr Risiko entschädigt werden, und unter Trump halten sie das Risiko offenbar für höher.

"Ich bin keineswegs ein Clinton-Fan, das ist hier niemand", sagt Costa. Er ist nicht alleine mit seinen Gedanken. Doch die Wall Street hat sich entschieden. Sie will Clinton und sie setzt auf Clinton. Laut einer Umfrage würde die Wall Street momentan 82 Cents auf Clinton und nur 22 auf Trump setzen, wenn es einen Dollar zu gewinnen gibt. Diese Rechnung macht nur dann Sinn, wenn die Wahrscheinlichkeit für Clinton um ein Vielfaches über der für Trump liegt.

 

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