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Kultur

Trump, Clinton und die Kultur: Was wäre wenn?

Die Themen Kunst und Kultur kamen im US-Wahlkampf kaum vor - aber vergangene Äußerungen und Aktivitäten der beiden Kandidaten lassen auf mögliche Positionen in puncto Kulturpolitik schließen.

Harry S. Truman und Richard Nixon spielten Klavier, Bill Clinton Saxofon. Bei der Amtseinführung von John F. Kennedy hielt der Dichter Robert Frost eine Ansprache. Als Präsident lud Kennedy dann verschiedene Klassik-Ensembles ein, im Weißen Haus zu spielen. Während seiner Amtszeit begann Jimmy Carter seinen Arbeitstag oft mit einer halben Stunde Mozart, hörte abends stundenlang Richard Wagner und war ein eifriger Theatergänger.

Theodor Roosevelt lud Ferruccio Busoni und Ignacy Paderewski - beide waren Pianisten und Komponisten - ins Weiße Haus ein. Während Ronald Reagans Amtszeit sollte dort eine bekannte Opernsängerin auftreten. Da sich die First Lady Nancy Reagan zunächst nicht sicher war, ob das eine gute Idee wäre, schlug sie ihrem Ehemann vor, sie mögen Rat bei ihrem Freund Frank Sinatra holen.

Bundestagswahlkampf im Fernsehen - Nixon und Kennedy (Foto: picture-alliance/dpa)

Die Klassik-Fans Kennedy und Nixon

George H.W. Bush mochte Country-Musik. Barack Obamas verehrt seit seiner Jugend Stevie Wonder. Auf seiner Spotify-Liste stehen außerdem Titel von Marvin Gaye, Bruce Springsteen, Aretha Franklin und Kanye West.

Welche Hinweise liefern die Kunst- und Kulturaffinitäten von US-Präsidenten in Hinblick auf ihre jeweilige Kulturpolitik? Fast gar keine. Kulturförderung gehört in den USA kaum zu den staatlichen Aufgaben.

Der Jahresetat des "National Endowment for the Arts" (NEA), der einzigen Kulturfördereinrichtung auf Bundesebene, liegt bei gegenwärtig $148 Millionen (133 Millionen Euro). Bei der US-Bevölkerungszahl von 319 Millionen ergibt das ein pro-Kopf-Ausgabe von jährlich 46 US-Cent. Zum Vergleich: Die öffentlichen Mittel für Kultur der Stadt Berlin belaufen sich auf jährlich 400 Millionen Euro ($445 Millionen); das sind 114 Euro ($127) pro Kopf. Dieser Vergleich hinkt natürlich ein wenig. Ein aufschlussreicheres Beispiel wäre der Kulturetat der Stadt New York: $18,58 (16,67 Euro) pro Einwohner, 40 Mal höher als auf Bundesebene.

US-Kultur: dezentralisiert und privat finanziert

In den USA wird die Kulturförderung größtenteils den Städten und Bundesstaaten überlassen - und vor allem dem Privatsektor. Der Einfluss eines Präsidenten - oder einer Präsidentin - auf die Kultur ist gering. Dennoch sendet er oder auch sie Signale aus, die durchaus eine Auswirkung auf schöpferische Tätigkeiten haben können - von den Lehrplänen der Schulen bis hin zu Hollywood-Produktionen. Was würde die Präsidentschaft einer Hillary Clinton oder eines Donald Trump für Kunst und Kultur im Lande also bedeuten?

George H. W. Bush (picture alliance/dpa)

George H. W. Bush bevorzugte Country-Musik

Weder die Kandidatin noch der Kandidat noch ihre Teams haben dazu Stellung bezogen - und das wird in Kulturkreisen durchaus mit Erleichterung aufgenommen. Man erinnert sich an die Mitte der 1990er Jahre, als die Kulturpolitik durchaus kontrovers, auch hysterisch, diskutiert wurde. Es war die Zeit des "Contract with America", eines vorgeschlagenen Gesetzespakets von Newt Gingrich, der unter anderem eine Reduzierung und - im Laufe der Zeit - Streichung des NEA-Etats vorsah. Unterstützung fand der ehemalige republikanische Abgeordnete bei politisch-religiösen Aktivisten und Moralpredigern, die der Regierung vorwarfen, unsittliche und blasphemische Kunstwerke mit öffentlichen Geldern zu finanzieren.

Die Kulturpolitik ist zwar kein Thema im diesjährigen Wahlkampf, dennoch geben frühere Aussagen und Aktivitäten der beiden Kandidaten Aufschluss auf ihre Grundüberzeugungen zum Thema.

Der Lehrling und die Schule

Donald Trump erschien 14 Jahre lang in den Reality-TV-Sendungen "The Apprentice" und "The Celebrity Apprentice." Ob Reality-TV allerdings zum Kulturbereich gehört, da gehen die Meinungen auseinander.

Zum Thema Kulturerziehung in Schulen gab der Kandidat bei einem Interview im Frühjahr ein erstaunlich ausgewogenes Statement ab: "Kritisches Denkvermögen, gute Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit: Das sind Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg." Trump fuhr weiter fort: "Eine ganzheitliche Erziehung, in der die Literatur und die Künste einbezogen sind, gehört ebenfalls zu den entscheidenden Elementen, wenn es darum geht, gute Bürger heranzuziehen." Wäre das dann eine Priorität der Trump-Regierung? Keinesfalls: "Die Bundesregierung sollte sich vom Bildungs- und Erziehungsgeschäft völlig zurückziehen. Die Entscheidung darüber, was auf unseren Lehrplänen steht, sollten wir den Bundesstaaten, Bezirken und Eltern überlassen."

Ein enger Kunstbegriff

Nach "The Art Newspaper" spendete Donald Trump im Zeitraum zwischen 1994 und 2010 mindestens $465 125 (417 420 Euro) an verschiedenen New Yorker Kultureinrichtungen - was eine vergleichsweise geringe Summe ausmacht angesichts seines geschätzten Gesamtvermögens von $10 Milliarden (8,97 Milliarden Euro).

USA Wilmington Donald Trump, Melania Trump (picture-alliance/AP Photo/J. Bazemore)

Trump hat durchaus einen Sinn für Ästhetik

Was seinen Kunstgeschmack betrifft, so gibt es Hinweise, dass dieser sich in einem relativ engen Rahmen bewegt. 1999 kritisierte Trump das kontroverse Gemälde "The Holy Mary Virgin", bei dem Kuhkot als Kunstmittel eingesetzt wurde, als "absolut abstoßendes, entartetes Zeug". Das Wort "entartet", im Englischen "degenerated", schreckte Menschen mit Geschichtswissen auf: Den selben Begriff benutzte Adolf Hitler, um ideologisch nicht konforme Kunstwerke zu beschreiben. Trump fuhr dann fort: "Als Präsident würde ich dafür sorgen, dass das National Endowment of the Arts mit solcher Art von Kunstförderung aufhört." Damals kandidierte er allerdings nicht - und wusste offenbar nicht, dass das NEA die Ausstellung mit dem Reizwerk gar nicht gefördert hatte.

Im Februar 2016 lieferte der mittlerweile offiziell bestätigte Kandidat einen Hinweis auf die Art von Kunst, die er gut heißen könnte: "Ich werde die Mauer wohl verzieren lassen müssen. Schließlich wird sie vielleicht eines Tages nach mir benannt und ich möchte, dass sie richtig gut aussieht." Die Mauer, auf die Trump hier Bezug nahm, ist die, die nach seiner Vorstellung entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko verlaufen sollte. Welches der beiden Länder für den ästhetischen Zusatz finanziell aufkommen müsste, blieb unerwähnt.

Im Jahr 2013 stufte das "Bureau of Economic Analysis" den Wert des Kunst- und Kulturgeschäfts in der US-Gesamtwirtschaft bei $704,2 Milliarden (630 Milliarden Euro) ein, was einen Handelsüberschuss von $24,1 Milliarden (21,6 Milliarden Euro) bedeuten würde. Einmal wurde Trump gefragt, was er als Präsident tun würde, um diesen Lichtblick in der klammen amerikanischen Außenhandelsbilanz zu sichern. Wohl nichts: "Der freie Markt wird bestimmen, welche Unternehmen gedeihen und welche scheitern werden", kam standardmäßig die wirtschaftsliberale Antwort.

USA Jay Z und Beyonce (Foto: Getty Images/B. Bennett)

Rapper Jay Z und Sängerin Beyoncé unterstützen Clinton

Fortschritt oder Plattitüde?

Hinweise auf die Kulturpolitik einer möglichen von Hillary Clinton geführten Regierung findet man in Äußerungen aus vergangenen Jahren. 2013, am Ende ihrer Amtszeit als Außenministerin, lobte Clinton das "Art in Embassies"-Projekt ihres Ministeriums. Dieses beweise, so Clinton, dass der Einfluss der Kunst "weiter reiche als Regierungstätigkeit". "Sie hilft uns, Kontakt mit immer mehr Menschen an immer mehr Orten aufzunehmen. Sie ist eine universelle Sprache, die uns hilft, gemeinsame Interessen zu finden - und ein Ausdruck unserer geteilten Menschlichkeit."

Dazu passt ein Satz des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton: "Kunst und Kultur fordern unsere Fantasie heraus, ernähren den Geist und helfen uns dabei, unsere Demokratie aufrechtzuerhalten."

Beide Aussagen mögen zwar etwas hochgestochen klingen, bei Clintons kulturpolitischen Vorstellungen geht es zudem auch um den Faktor Wirtschaft. Im Oktober 2015 sagte sie: "Ich halte Kunst und Kultur zwar für wichtig um ihrer selbst willen. Sie sind aber auch wichtige Antriebe für wirtschaftliches Wachstum und Tourismus und ziehen junge Leute an." Clinton fügte hinzu: "Bei der Stadterneuerung spielt die Kunst eine wichtige Rolle. Man sieht das in Gemeinden, wo Künstler moderne Pionierarbeit geleistet haben."

USA Florida Präsidentschaftswahl Hillary Clinton (Foto: picture-alliance/AP Photo/A. Harnik)

Bei der Kulturförderung stellt Clinton eine Mischkalkulation auf

Dass der Staat jetzt plötzlich ein wichtiger und eigenständiger Akteur bei der Kulturförderung in den USA werden wird, daran glaubt keiner. Ein Großteil der Amerikaner bleibt skeptisch. Mit Blick auf die Realität äußerte Clinton 1997 ihre Vision: "Für Kunst und Kultur braucht man Partnerschaften zwischen Regierungsbehörden, Privateinrichtungen, Firmen, Nicht-Kommerziellen-Organisationen und Mäzenen, um Talente zu fördern und die Arbeit unserer besten Künstler und Kunsthandwerker einem möglichst breiten Publikum zu vermitteln."

In den Wochen nach der US-Wahl wird die mögliche Kulturpolitik von Donald J. Trump oder Hillary R. Clinton keinesfalls im Vordergrund stehen. Andere Themen - etwa zwischenstaatliche Beziehungen, die Polarisierung der US-Bevölkerung und Fremdenfeindlichkeit - werden weiterhin wichtiger sein. Dennoch liefern Politikermeinungen zur Kultur manchmal Hinweise auf eine mögliche zukünftige Gesamtpolitik.

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