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Asien

Trucker auf der Seidenstraße

Zwischen China und Zentalasien werden die Kontakte enger. Wo vor zwanzig Jahren militärisches Sperrgebiet war, ist jetzt ein reger Warenverkehr entstanden. Die alte Seidenstraße ist wieder eine wichtige Handelsroute.

Laster mit Fernsehern(Foto: Mathias Bölinger / DW)

Fernseher für Zentralasien hat dieser LKW geladen

Das Asphaltband schlängelt sich durch die Berglandschaft. Dawrat Schamsunsinow sitzt hinter dem Steuer seines alten sowjetischen Kamas-Lasters. Mit heulendem Motor schieben sich zwei Vierzigtonner mit Waren aus China im Konvoi durch die kirgisischen Berge. Immer kleiner werden seine Augen. "Erzähl ihm was“, sagt Abisar Trakiew, der neben ihm sitzt. "Er schläft sonst ein.“ Nach einigen Kilometern ist die Gefahr gebannt. Der spiegelglatte Asphalt endet abrupt und geht in eine löchrige Schotterpiste über. Auf einer solchen Straße schläft niemand ein. Sechs bis acht Stunden werde er für die Nächsten zwanzig Kilometer brauchen, schätzt Dawrat. "Berge, Pässe, kein Stück ebene Straße. Da können wir nur im ersten Gang fahren.“

Ausverkauf des Altmetalls

Straße (Foto: Mathias Bölinger / DW)

Direkt hinter der Grenze ist die neue Straße bereits fertig

Nur ganz am Anfang, hinter der Grenze ist ein Stück Straße asphaltiert. China hat vor zwei Jahren begonnen, die Strecke auf kirgisischer Seite auszubauen. Die Passstraße zwischen der Oasenstadt Kashgar auf der chinesischen Seite und der südkirgischen Metropole Osch war einmal Teil der Seidenstraße. Während des Kalten Krieges war die Grenze gesperrt, doch seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist sie wieder eine wichtige Handelsroute. "Früher sind wir in beide Richtungen beladen gefahren“, erzählt Dawrat. Die Chinesen kauften Altmetall aus Zentralasien und die Kirgisen Kleidung, Elektrogeräte und diverse andere Produkte aus China. Inzwischen, sagt er, fahre er leer zur Grenze. "Es gibt kein Altmetall mehr in Zentralasien.“

Mit voller Kraft hält Schamsunsinow jetzt das Lenkrad fest, während er den Lastwagen um die tiefsten Schlaglöcher herumlenkt. Schamsunsinows Lastwagen ist Baujahr 1985. Sowjetische Technik. Immer wieder überholen neue LKWs mit chinesischem Kennzeichen den alten Kamas. Seit zwei Jahren dürfen chinesische Lastwagen auch auf kirgisischer Seite fahren. "Schau sie dir an“, murmelt Abisar Trakiew durch seine Zahnlücke, "die Chinesen. Essen unseren Fahrern das Brot weg.“ Er arbeitet als Mechaniker in Osch und ist raus zur Grenze gefahren, weil der Schamsunsinows LKW liegen geblieben ist. Ein Kurzschluss an der Elektronik.

Ein alter Mann in traditioneller kirgisischer Tracht (Foto: Mathias Bölinger / DW)

Ein alter Mann in traditioneller kirgisischer Tracht

Chinesische Konkurrenz

Während Schamsunsinow zwei Tage für die Strecke braucht, schaffen es die Chinesen doppelt so schnell. Er möchte trotzdem nicht auf seinen Kamas verzichten. Die chinesischen Lastwagen würden auf der Straße nicht lange halten, glaubt er. Zu viele Plastikteile zu dünnes Blech. Wenn bei seinem LKW etwas kaputt gehe, dann könne er es wieder anschweißen. "Die chinesischen Laster schmelzen dir doch weg, wenn Du anfängst etwas zu schweißen.“ Nach jeder Fahrt müsse der Wagen in die Werkstatt. Die Schotterpiste nimmt die Fahrzeuge regelrecht auseinander.

Die Nacht senkt sich über die Berge. Plötzlich bleibt Schamsunsinow stehen. Ein Lastwagen ist mitten auf der Straße liegen geblieben, hat den Hang nicht geschafft. Er ist zu stark beladen, um selbst wieder anzufahren. Nur ein schmaler Streifen Platz ist daneben. Dawrat schickt den zweiten Laster vor. Der ist leichter, sagt er. Auf dem Hügel koppelt der Kamas den Anhänger ab. Dann fährt er rückwärts an den liegengebliebenen LKW heran.

Fahrermangel

Dorf an der Straße (Foto: Mathias Bölinger / DW)

Leben mit dem Fernverkehr: ein Dorf an der Straße

Mit einem Abschleppseil haben die Fahrer die LKWs zusammengebunden. Nun heulen zwei Kamas-Motoren gemeinsam durch die Nacht, und versuchen mit vereinter Kraft, die vierzig Tonnen wieder anzuschieben. Nach zehn Minuten ist es geschafft. Dawrat steigt wieder in seinen Kamas und fährt weiter. Seit acht Jahren fährt er LKW. Gemeinsam mit seinen Brüdern besitzt er sieben Kamas. Eigentlich wolle er nicht mehr selbst fahren, sagt er. Aber es ist nicht so einfach, Fahrer zu finden. Die meisten Jungen gingen als Gastarbeiter nach Russland. Die Arbeit als Fahrer ist schwer, nicht besonders gut bezahlt. Er stelle inzwischen sogar schon Achtzehnjährige ein, sagt er. Unerfahrene Jungs, die kaum auf die schwierige Strecke vorbereitet seien. Dawrat Schamsunsinow ist Anfang dreißig. Eigentlich wollte er einmal Arzt werden, hat ein Medizinstudium abgeschlossen. Doch Ärzte sind in Kirgistan so schlecht bezahlt, dass er lieber Fernfahrer geworden ist.

Dann hält er noch einmal an. Ein junger Fahrer steht am Straßenrand, sein Lastwagen liegt auf der Wiese neben der Straße, Baumwollballen sind quer in die Landschaft verstreut. Er war nur leicht beladen und ist zu schnell gefahren, da ist der Laster von der Straße gekippt. Schamsunsinow und Trakiew sprechen mit dem Jungen. Verletzt ist niemand. Sie geben ihm etwas von dem Fladenbrot ab, das sie als Proviant dabei haben. Er wird die Nacht bei seinem Fahrzeug verbringen und warten, bis sein Spediteur einen Kran vorbeischickt, der den LKW wieder auf die Straße hieven wird. Nach kurzer Zeit steigen Dawrat und Abisar wieder ein. Dawrat wirft den Motor an und lenkt seinen Kamas mit grimmiger Miene weiter durch das nächtliche Gebirge.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders