Trostpflaster für Europas Jugend | Europa | DW | 27.03.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Trostpflaster für Europas Jugend

Ein Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag? So viel Spendierfreude legt man in Brüssel nun doch nicht an den Tag. Eine neue Initiative soll aber zumindest einige Schülerinnen und Schüler für Europa-Reisen begeistern.

Die Vision einiger Europaparlamentarier klang reizvoll: Nach dem Schulabschluss für einige Wochen durch Frankreich, Italien, Spanien, Kroatien reisen - und das kostenlos. Ginge es nach dem CSU-Abgeordneten Manfred Weber, hätte jeder europäische Bürger zum 18. Geburtstag einen Interrail-Pass erhalten sollen, um mit dem Zug quer durch Europa zu fahren. Gut 300.000 junge Menschen kaufen sich bereits jährlich Interrail-Tickets.

Nun holt die EU-Kommission die Parlamentarier zurück in die Realität: Diese Initiative würde zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro jährlich kosten, heißt es. So viel Geld gibt es nicht.

Die abgespeckte Version sieht nun folgendermaßen aus: Etwa 5000 Schülerinnen und Schüler werden gefördert, um alleine oder mit ihrer Klasse durch Europa zu reisen. "Move2Learn, Learn2Move" heißt die Initiative, die mit 2,5 Millionen Euro aus dem Bildungsprogramm "Erasmus plus" finanziert wird. Wer davon etwas abhaben will, muss sich auf einer Plattform bewerben, die schon seit einigen Jahren zur Koordination europäischer Lehrerinnen und Lehrer genutzt wird.

Manfred Weber CSU EVP Europaabgeordneter (picture-alliance/tagesspiegel/Heinrich)

Weber: "Wir wollen kein neues Bürokratiemonster"

Europäische Gefühle erleben

"Diese Initiative wird jungen Menschen die Möglichkeit geben, andere Länder und Kulturen in ganz Europa aus erster Hand zu entdecken und zu erleben", erklärt Tibor Navracsics, EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport. Er nennt die Initiative "ein weiteres Beispiel für die Erfolgsgeschichte des Erasmus-Programms, das Menschen zusammenführt und so dazu beiträgt, ihnen ein Gefühl dafür geben, was es bedeutet, Europäer und Europäerinnen zu sein."

Zwei Wochen zwischen August und Dezember nächsten Jahres dürfen junge Menschen dieses Gefühl auskosten. Die ausgewählten Schülerinnen und Schüler erhalten ein Ticket im Wert von 350 Euro. In einigen Ausnahmefällen darf es bis zu 530 Euro kosten, unter folgender Bedingung: Umweltfreundlich muss die Reise sein. Damit ein gewisser CO2-Wert nicht überschritten wird, soll möglichst wenig geflogen werden.

Ein "Bürokratiemonster"?

Manfred Weber, der Vorsitzende der Fraktion der Europäischen Volkspartei, ist von der Umsetzung seines Vorschlags nicht begeistert. Der CSU-Politiker war es, der im vergangenen September angeregt hatte, allen EU-Bürgern ein Interrail-Ticket zu schenken. "Die EU-Kommission vergibt eine große Chance", kritisierte Weber. Zum 60. Jubiläum der Römischen Verträge hätte man ein Signal des Aufbruchs senden können. Stattdessen verzettele sich die Kommission ausgerechnet jetzt in einen bürokratischen Vorschlag. Er wolle "kein neues Bürokratiemonster", betonte Weber. 

SPD-Abgeordneter im Europäischen Parlament Jens Geier (Jens Geier)

Geier: "Jeder Jugendliche soll ins Ausland gehen können"

Jens Geier von der SPD-Fraktion im Europäischen Parlament ist weniger skeptisch. Es sei einfach, alles zu kritisieren, meint er. "Aber wenn die Kommission der Forderung der Abgeordneten entgegen kommt, mehr für Jugendmobilität zu tun, finde ich das erstmal gut." Ihm sei wichtig, dass die Gelder im EU-Haushalt nicht bloß umgeschichtet werden, sondern kontinuierlich mehr finanzielle Mittel für die Mobilität junger Menschen ausgegeben wird. Das sei mit dieser Initiative nun geschehen. 

Einmal Ausland für jeden

Dass zunächst nur 5000 Tickets für Jugendliche finanziert werden, sei "angesichts der Menge der Leute, die gefördert werden müssten, ziemlich unzureichend", räumt Geier ein. Deshalb kämpfe das Europäische Parlament jedes Jahr dafür, mehr Geld für Erasmus-Programme zur Verfügung zu stellen. Geiers Fernziel: "Jeder Jugendliche soll während seiner Ausbildung die Möglichkeit haben, ins Ausland zu kommen." Die Unterstützung solle nicht nur Studenten zugute kommen, sondern auch denjenigen, die nicht studieren können oder wollen.

Ein Interrail-Ticket für jeden Jugendlichen zum 18. Geburtstag lehnt Geier ab. Das Geld dafür habe die EU schlicht nicht: " Ich kann mir eine Verzehnfachung von Erasmus Plus vorstellen", sagt Geier. Das gehe mit den Mitgliedsländern der Europäischen Union nur leider nicht. "Ich bin nicht dafür, Versprechungen zu machen, die wir nicht halten können."

CSU-Politiker Manfred Weber will seine Idee allerdings nicht so schnell verloren geben. Für das Jahr 2018 kündigt er einen neuen Anlauf an - damit doch noch jeder 18-Jährige die Chance bekommt "diesen wunderbaren Kontinent zu erleben".

Die Redaktion empfiehlt