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Kultur

Triumph für Rumänien bei der Berlinale

Mit der Preisverleihung ging am Samstag der offizielle Teil der Berlinale zu Ende. Den Goldenen Bären erhielt "Child's Pose" aus Rumänien. Es war nicht der einzige ausgezeichnete Film aus Osteuropa.

Die Berlinale knüpft an ihre Ursprünge an. Endlich, muss man sagen. Denn das, was die Berliner Filmfestspiele einst ausgezeichnet hatte, war von Dieter Kosslick und seinem Team in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt worden. Berlin, die Stadt zwischen Ost und West, die Metropole zwischen den einstigen politischen Blöcken, hatte lange die Funktion eines kulturellen Brückenbauers - indem sie Filme zeigte, die hinter dem Eisernen Vorhang produzierten wurden.

Comeback des osteuropäischen Films

Auch wenn das inzwischen über zwanzig Jahre her ist, war es in der vergangenen Zeit kaum verständlich, dass Filme aus Russland und anderen Staaten Mittel- und Osteuropas nur noch einen Platz am Rande des Festivals gefunden hatten. Das asiatische Kino wurde mehr beachtet, auch der deutsche Film, seitdem Festivaldirektor Dieter Kosslick vor zwölf Jahren das Berlinale-Ruder übernommen hatte. In diesem Jahr fanden sich plötzlich wieder außergewöhnlich viele Filme aus dem Osten des europäischen Kontinents im Wettbewerb - und wurden ausgezeichnet!

Szene aus dem Film Child´s Pose mit Luminiţa Gheorghiu (Foto: © Cos Aelenei)

Luminiţa Gheorghiu als überbesorgte Mutter im rumänischen Film "Child´s Pose"

Der Goldene Bär ging an das rumänische Gesellschaftsdrama "Child's Pose" von Regisseur Călin Peter Netzer. Der Film erzählt die Geschichte einer Mutter, die ihren gesellschaftlichen Rang nach dem selbstverschuldeten Autounfall ihres Sohnes bedroht sieht. Das mit Handkamera aufgenommene und auf vielen Dialogen basierende Drama ermöglicht dem Zuschauer einen ungeschminkten Blick auf menschliche Verwerfungen in einer postsozialistischen Gesellschaft. Zwischen Raubtierkapitalismus und bitterster Armut - "Child's Pose" entwickelt ein dichtes Panorama des modernen Rumänien.

Drama aus Bosnien

In tiefste soziale Missstände führt auch der mit gleich zwei Silbernen Bären ausgezeichnete Film "An Episode in the Life of an Iron Picker" von Regisseur Danis Tanović (Großer Preis der Jury), eine Produktion aus Bosnien/Herzegowina, die mit Geldern aus Frankreich und Slowenien finanziert wurde. Tanovićs Werk ist eine Mischung aus Spiel- und Dokumentarelementen. Erzählt wird die dramatische Geschichte einer Roma-Familie, die verzweifelt versucht, die lebensnotwendige Operation einer Frau zu finanzieren. Der Fall, der sich so tatsächlich zugetragen hat, wurde von den Akteuren nachgespielt. Es sind also keine Schauspieler, die die Zuschauer auf der Leinwand sehen. Dass der Silberne Bär für die beste Darstellerleistung an den Vater der Roma-Familie Nazif Muijc ging, ist also eine bemerkenswerte Entscheidung der Berlinale-Jury.

Das Team von An Episode in the Life of an Iron Picker mit Senada Alimanovic, Danis Tanovic und Nazif Mujic (Foto: Joerg Carstensen/dpa)

Das Team von "An Episode in the Life of an Iron Picker" mit Senada Alimanovic, Danis Tanovic und Nazif Mujic (von links)

Schließlich wurde auch ein Film aus Kasachstan geehrt. "Harmony Lessons" von Emir Baigazin ist nicht nur ein Debüt, sondern der erste Film überhaupt aus diesem Land, der es in einen Berlinale-Wettbewerb schaffte. Er erhielt den Preis für die beste Kamera-Arbeit (Kamera: Aziz Zhambakiyev). "Harmony Lessons" erzählt in karg-strengen Bildern die Leidensgeschichte eines Jungen, der von seinen Mitschülern drangsaliert wird. Vier Preise gingen damit an Kino aus Osteuropa, ein starkes und auch nachvollziehbares Zeichen der Jury um den chinesischen Filmregisseur Wong Kar Wai.

Chilenischer Film sorgte für Höhepunkt

Auch bei den anderen Auszeichnungen bewies die Jury ein gutes Händchen. Als beste Schauspielerin wurde die Chilenin Paulina García für ihren herzzerreißenden Auftritt im Film "Gloria" bedacht. Als einer der wenigen guten Filme mit Unterhaltungspotential stach "Gloria" von Regisseur Sebastián Lelio in einem ansonsten eher düsteren Wettbewerb heraus.

Und natürlich wurde auch der iranische Film "Pardé" mit einem Bären geehrt. Regisseur Jafar Panahi steht in seiner Heimat unter Hausarrest und ist mit Berufsverbot belegt. Dass er überhaupt einen Film machen konnte, der dann auch noch zur Berlinale gelangte, grenzt an ein Wunder. Doch sollte man den Preis für das beste Drehbuch für "Pardé" nicht nur als gutwilliges Zeichen für einen verfolgten Künstler interpretieren. "Pardé", die Geschichte eines Schriftstellers, der sich mit seinem Hund in einer Villa am Meer versteckt, ist ein überaus subtiles Werk, eine politische Parabel, aber auch eine Meditation über Leben und Kunst, Fiktion und Wahrheit. Viele Beobachter des Wettbewerbs hatten den Film Panahis als Favoriten für den Goldenen Bären angesehen.

Kamboziya Partovi auf der Berlinale-Bühne mit dem Silbernen Bären (Foto: JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images)

Nahm den Silbernen Bären für "Pardé" entgegen: Jafar Panahis Co-Regisseur Kamboziya Partovi

Insgesamt präsentierte sich der Wettbewerb der 63. Berlinale nur von mäßiger Qualität. Auch das deutsche Kino, das in den vergangenen Jahren stark vertreten war und dabei oft überzeugen konnte, enttäuschte diesmal. Zur schlechten Stimmung vieler Fachbesucher trug zudem die anhaltende Schwäche des Hollywood-Kinos bei. Hier haben Dieter Kosslick und seine Auswahljury kein gutes Gespür für Film-Kunst bewiesen. Offenbar hat Berlin gegen die Konkurrenz aus Cannes inzwischen kaum noch eine Chance im Rennen um die starken Filme aus Nordamerika. Dem Wettbewerb der Berlinale kann das auf Dauer nicht gut tun.

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