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Politik

Tritt der Dalai Lama bei anhaltender Gewalt zurück?

Der Dalai Lama hat die Tibeter nachdrücklich aufgefordert, bei den Unruhen gegen die chinesische Regierung auf Gewalt zu verzichten. Bei einer Eskalation will er zurücktreten.

Der geistige und politische Führer der Tibeter: Der Dalai Lama am 10. März in Indien (Foto: AP)

Der geistige und politische Führer der Tibeter

Der Dalai Lama erwägt für den Fall einer weiteren Eskalation der Lage in Tibet seinen Rückzug als Führer der tibetischen Exil-Regierung. "Wenn die Dinge außer Kontrolle geraten, ist ein Rücktritt die einzige Option", sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter am Dienstag (18.3.2008) in Dharamsala. Kurz zuvor hatte Peking die Anhänger des Dalai Lama für die Unruhen in Tibet und anderen Teilen Chinas verantwortlich gemacht.

Nach Angaben der tibetischen Exil-Regierung wurden bei neuen Protesten in der Provinz Gansu 19 Demonstranten erschossen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) forderte die Weltgemeinschaft auf, sich vor Beginn der Olympischen Spiele für eine Verbesserung der Menschenrechtslage in China stark zumachen.

"Diese Bewegung ist außerhalb unserer Kontrolle"

Der Dalai Lama rief die Tibeter nachdrücklich zum Gewaltverzicht und "guten Beziehungen" zu China auf. Tibeter und Chinesen müssten "Seite an Seite leben", sagte der 72-jährige Friedensnobelpreisträger am Sitz der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala. Die Unabhängigkeit der von China kontrollierten Himalaya-Region stehe nicht zur Debatte, betonte er. Allerdings sei er nicht in der Position, den unter chinesischer Herrschaft lebenden Tibetern zu sagen, was sie tun sollten: "Diese Bewegung ist außerhalb unserer Kontrolle." Der Dalai Lama lud chinesische Regierungsvertreter ein, ihn direkt zu den Vorwürfen zu befragen, er stecke hinter den Unruhen in Tibet.

Unterstützung für die Tibeter bei einer Demonstration im australischen Sydney: Ein Mann hat sich die tibetische Flagge auf das Gesicht gemalt (Foto: AP)

Unterstützung für die Tibeter bei einer Demonstration im australischen Sydney

Die gewaltsamen Proteste in Tibets Hauptstadt Lhasa seien "von der Clique des Dalai Lama angezettelt und organisisiert" worden, hatte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao nur Stunden zuvor in Peking vor Journalisten gesagt. Erstmals bestätigte Wen, dass die Unruhen von Tibet auf andere Teile des Landes übergegriffen hätten. Die Regierung habe dafür "zahlreiche Beweise".

Peking bezichtigt den Dalai Lama der Lüge

Ein Dialog mit dem Dalai Lama sei erst möglich, wenn dieser das Ziel eines unabhängigen Tibet aufgebe, betonte Wen: "Wenn der Dalai Lama auf eine Unabhängigkeit verzichtet und akzeptiert, dass Tibet ein unveräußerlicher Teil Chinas ist wie Taiwan, dann ist unsere Tür weit offen für einen Dialog mit ihm." Die Aussage des Dalai Lama, er strebe nicht die Unabhängigkeit an, sei eine "Lüge". Der Dalai Lama hat immer wieder betont, den Tibetern gehe es lediglich um mehr Autonomie innerhalb Chinas - die Volksrepublik lehnt dies jedoch strikt ab.

Binnen einer Woche hat es nach Angaben der Exilregierung bei den Protesten von Tibetern in China 99 Todesfälle gegeben, Peking spricht hingegen von 16 Opfern. Anlass der Proteste war der 49. Jahrestag eines Aufstandes in Lhasa gegen die chinesischen Besatzer am 10. März. Die Demonstrationen weiteten sich auf andere Regionen Chinas aus, in denen viele Exil-Tibeter leben. Proteste wurden aus den Provinzen Sichuan, Gansu und Qinghai gemeldet. Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von der Volksrepublik beherrscht.

"Unheimliche Stille" in Tibet

Nach dem Ablauf eines Ultimatums der chinesischen Regierung an die Demonstranten in Tibet war zunächst unklar, ob und wie viele Demonstranten sich den Behörden stellten. Auch Menschenrechtsgruppen mit verlässlichen Kontakten nach Tibet konnten nur wenig Angaben machen. Es herrsche eine "unheimliche Stille", sagte Kate Saunders von der Internationalen Tibet-Kampagne. Tibet ist von der Außenwelt abgeriegelt, die meisten ausländischen Touristen und Journalisten mussten abreisen.

Die Staatengemeinschaft, das Nationale und das Internationale Olympische Komitee müssten sich dafür einsetzen, dass Peking die Menschenrechtslage bis zu den Olympischen Spielen "spürbar und nachhaltig" verbessere, erklärte die Menschenrechtsorganisaion ai. Die Organisation rufe nicht zum Boykott der Spiele auf. Die Journalistenorganisation "Reporter ohne Grenzen" verlangte dagegen von den Staats- und Regierungschefs, der Eröffnungszeremonie fernzubleiben, um damit gegen die Menschenrechtsverletzungen in Tibet und ganz China zu protestieren.

Kein Olympisches Feuer auf dem Mount Everest?

Das Olympische Feuer soll angesichts der blutigen Unruhen in Tibet einen anderen Weg nach Peking nehmen. Das internationale Netzwerk zur Unterstützung Tibets hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) in einem Schreiben am Dienstag aufgefordert, den geplanten Fackellauf umzuleiten. "Wenn das IOC nicht will, dass das Olympische Feuer ein Symbol für Blutvergießen und Unterdrückung wird, muss es sofort alle tibetischen Provinzen aus der Route herausnehmen", heißt es in dem Brief.

Das Feuer, das am 24. März traditionell im Heiligen Hain von Olympia entzündet wird, soll auf seiner 137.000 Kilometer langen Route über fünf Kontinente unter anderem quer durch den Himalaya bis hinauf zum höchsten Punkt der Erde, dem Mount Everest, getragen werden. An diesen Plänen hält das IOC nach wie vor fest und hofft dabei auf eine friedliche Lösung des Konflikts. (kap)

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