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Sport

Trendwende im Sport

Russland und Kenia trifft ein Olympiabann. Selbst für IOC-Präsident Thomas Bach waren die Manipulationen in beiden Ländern so extrem, dass er den Kollektivausschluss anregte. Es bleiben aber Schlupflöcher.

Die Sonne spiegelte sich im Genfersee. Ein Murmeltier huschte über den Rasen vor dem Olympischen Museum am Ufer. Dort hatten sich Kamerateams aufgebaut und berichteten über die Entscheidung des IOC, russischen und kenianischen Athleten wegen der Regelwidrigkeit der nationalen Antidopingsysteme das Startrecht für Rio zu entziehen. Russische Kommentatoren kritisierten die Entscheidung als eine weltpolitische Strafe gegen Russland, die an die Wirtschaftssanktionen anknüpfe und den Weg für eine Wegnahme der Fussball-WM 2018 vorbereite. Kommentatoren westeuropäischer Sender betonten hingegen die Konsequenz, mit der jetzt das IOC dem Beispiel des Weltleichtathletikverbandes IAAF folge, indem es auch den anderen 27 olympischen Fachverbänden empfahl, russische und kenianische Sportler nicht für die Spiele zuzulassen. Kenianisches Fernsehen war nicht zu erblicken. Die afrikanische Sportnation hatte nur über die Auslandsdienste der anwesenden Fernsehanstalten Zugang zu dieser auch für das eigene Land wichtigen Entscheidung.

Das Ende der Unschuldsvermutung

Wichtig ist diese Entscheidung tatsächlich. Erstmals werden Athleten zwei Länder pauschal des Dopings verdächtigt. Dafür gibt es gute Grunde. Bei der Läufernation Kenia wurden mehrere Jahre lang keine Blutkontrollen im Lande vorgenommen. Ein Freifahrtschein für Doper. In Russland gab es Kontrollen. Aber die wurden manipuliert, wie der frühere Leiter des Moskauer Labors, Grigori Rodshenkov, zugab. Russische Athleten entzogen sich zudem systematisch den Tests, die seit November durch die britische Antidopingagentur im Auftrag der WADA vorgenommen wurden. "Sie trainierten in sogenannten geschlossenen Städten, zu denen der russische Geheimdienst FSB unseren Kontrolleuren den Zugang verweigerte. Die Sportverbände informieren oft die Dopingagenturen erst 24 Stunden vor Beginn eines Wettkampfs über Ort und Zeit. Weil viele Wettkämpfe in abgelegenen Gebieten stattfinden, gibt es deshalb kaum eine Möglichkeit der Kontrolle. Und oft reagieren Trainer und Betreuer sehr feindselig auf die Kontrolleure", beschrieb der designierte WADA-Generalsekretär Olivier Niggli die Problemlage.

Symbolbild Urine

Urinproben: mal vertauscht, mal nicht abgegeben

Es war so schlimm, dass IOC-Präsident Thomas Bach gar nicht anders konnte, als zu sagen: "Weil das Antidopingsystem Russlands und Kenias nicht regelkonform ist und weil es schwere Doping-Beschuldigungen gegenüber Russland gab, ist die Unschuldsvermutung für Athleten dieser Ländern sehr ernsthaft in Frage gestellt." Nun müssen die Athleten beweisen, dass sie sauber sind.

Das stellt einen Paradigmenwechsel dar. Bisher galt nur der als gedopt, der auch erwischt wurde. Jetzt bewirkt ein Kollektivverdacht den Olympiabann. Das ist keine mehrjährige Sperre, aber eben doch der Ausschluss vom wichtigsten Sportereignis der Welt. Diese Entscheidung ist eine Konsequenz aus dem Versagen des Antidopingsystems. Wer schlau genug war, die Einnahme von Substanzen gut dosierte, in "Hochlade"-Phasen am besten seinen Aufenthalt verschleierte und möglicherweise sogar über Tippgeber über den Zeitpunkt von Kontrollen verfügte, musste die Enttarnung kaum fürchten.

Manöverspielraum für Russen und Kenianer

Ob aus dem Pauschalverdacht eine Pauschalsperre wird, ist aber nicht sicher. Denn Thomas Bach, der oberste Olympier, ließ eine Hintertür offen. Athleten, die zeigen, dass sie außerhalb des korrupten Testsystems ihrer Länder standen und auch selbst sauber sind, können sich um eine Teilnahme in Rio bewerben.

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Was diese Athleten genau nachweisen müssen, ließ Bach aber offen. "Dafür sind die internationalen Fachverbände zuständig", meinte er. Formal ist das korrekt. Aber es stellt auch eine geschickte Ausweichbewegung dar. Der frühere Fechter legte einen an Finten und Meidbewegungen so reichen Tanz auf das sportpolitische Parkett, dass seine ehemalige Fechterschule in Tauberbischofsheim glatt einen Lehrfilm daraus drehen könnte. Denn verbal verurteilte Bach zwar Russen und Kenianer. Den Ausschluss selbst und auch die Modalitäten der Wiederzulassung übertrug er aber anderen. Für seinen sportpolitischen Freund Wladimir Putin ist nicht er der Böse, der den Russen Olympia vermasselt. Diese Rolle überlässt er Männern wie Sebastian Coe, dem Präsidenten des Leichtathletikverbands. Und sollten dann doch viele Sportler den olympischen Persilschein erhalten, fällt die Empörung darüber auf Coe & Co.

Die müssen festlegen, welche Art von Kontrollen für die Wiederaufnahme ausreichen. Moderne Doper fängt man nicht mit ein, zwei Tests, die zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin kaum überraschend ausfallen. Man braucht längere Reihen, um Hormon- und Blutbilder zu erstellen. Jetzt durchgeführte Kontrollen geben auch gar keinen Aufschluss darüber, ob das aktuelle Leistungsniveau nicht doch durch heftiges Doping im Winter und Frühjahr mitaufgebaut wurde. Weil jeder einzelne Fachverband für die Entscheidung zuständig ist, ist zudem eine bunt gemischte Entscheidungspraxis zu erwarten. Mehr Führungsstärke vom IOC wäre hier gut gewesen. Denn die Qualität der Individualkontrollen ist ausschlaggebend dafür, ob solch ein neues System Zukunft hat oder doch nur als eine Lex Russia in die Geschichte des Sports eingeht. So spannend wie jetzt immerhin war eine Olympiaqualifikation noch nie.