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Deutschland

Treiben Subventionen Milchbauern in die Pleite?

Viel Arbeit für immer weniger Geld - die Milchbauern stecken in einem Dilemma. Immer mehr von ihnen müssen ihre Betriebe aufgeben. Von Subventionen halten trotzdem nicht alle etwas.

"Wenn Sie jemanden suchen, der auf die Tränendrüse drückt, sind Sie bei mit falsch", stellt Michael Greshake klar. Er ist Milchbauer im nordrhein-westfälischen Velbert und der niedrige Marktpreis macht ihm durchaus zu schaffen.

Bereits im September 2015 hatte die Europäische Union wegen der niedrigen Agrarpreise 500 Millionen Euro Liquiditätshilfen für Landwirte zugesagt. Knapp 70 Millionen davon gehen 2016 an deutsche Milchbauern. Nun fordert der Deutsche Bauernverband weitere Hilfen vom Bund. Am Montag (30.5.2016) will sich Landwirtschaftsminister Christian Schmidt deshalb mit Vertretern der Milchindustrie treffen. Dabei soll es vor allem um "die gerechte Verteilung des Marktrisikos" innerhalb der Wertschöpfungskette gehen.

Globaler Milchmarkt

"So ein Quatsch!", spottet Landwirt Greshake. Sein Abnehmer, die niederländische Firma Campina, sei vertraglich verpflichtet, ihm jeden Liter Milch abzukaufen, den er produziert. Das Risiko der Überproduktion trage damit also erst einmal die Molkerei. Wenn die Vertragsbauern nun plötzlich mehr produzieren, sei es logisch, dass der Abnahmepreis irgendwann sinkt, wenn die Nachfrage nicht steigt.

Portrait Greshake, graue Haare, Brille, grauer Strickpullover

Kämpft mit dramatisch gesunkenen Preisen: Milchbauer Michael Greshake

Auch Bernhard Rüb, Pressesprecher der Landwirtschaftskammer (LWK) Nordrhein-Westfalen, will für die Misere nicht große Handelskonzerne und Molkereien verantwortlich machen. Das sei schon unlogisch, weil deutsche Molkereien meist den Erzeugern selbst gehörten. Ein höherer Milchpreis, sagt Rüb, würde nur die Produktionsmenge weiter steigen lassen: "In anderen Ländern warten Bauern nur darauf." Eine deutschlandweite Lösung, um die globale Überproduktion zu bremsen - das hält Rüb für eine politische Illusion.

Hilfen schüren Probleme

Auf den Weltmarkt haben auch deutsche Bauern gesetzt, und die Bundesregierung hat sie darin bestärkt. Investitionsförderungen haben viele Landwirte dazu veranlasst, riesige Kuhställe zu bauen. Um die sechs- bis siebenstellige Kredite abzubezahlen, lasten sie ihre Betriebe aus und stellen fest, dass sich Milch woanders trotzdem billiger produzieren lässt.

Aus diesen Gründen hält Bauer Greshake von Subventionen wenig bis gar nichts: "Sie verzerren vor allem den Markt", sagt der 52-Jährige. Das gelte für die Prämie, die die EU pro Hektar Agrarland zahlt, für die 2015 abgeschaffte Milchquote und eben auch Investitionshilfen: "Ohne sie stünden viele Kollegen heute nicht vor der Pleite." Auch die nun gewährten Liquiditätsstützen hält Greshake für reine Politik.

Deutschland Milchbauer Michael Greshake

Milch allein macht's schon lange nicht mehr: viele Bauern müssen diversifizieren

Aufgeben oder weitermachen

Auch LWK-Sprecher Rüb glaubt nicht, dass der "Milchgipfel" verhindern kann, dass die Zahl der Milcherzeuger weiter sinkt." Das aktuelle Preistief mag diese Entwicklung beschleunigen, aber sie schreitet - weitgehend unabhängig davon - seit Jahren fort. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Milchkuhhalter in Deutschland auf 73.300 nahezu halbiert. 2015 schlossen mit 1700 vergleichsweise wenige Betriebe.

Dass nur kleine Höfe verschwinden, stimme nicht, sagt Rüb: "Ehemalige Genossenschaftsbetriebe in Ostdeutschland haben teils um die 1000 Kühe, werden aber relativ schnell abgewickelt, wenn sie unprofitabel werden, weil sie Investoren gehören und nicht Familien." Zudem hänge der Erfolg eines Milcherzeugers stärker von der Betriebsführung, als von der schieren Größe ab.

Kühe machen Mühe

Mit seinen gut 60 Milchkühen liegt Michael Greshake etwas über der mittleren Betriebsgröße in Deutschland. Auf 60 bis 70 Stunden schätzt er seine Wochenarbeitszeit, Urlaub hat er keinen. Kühe müssen eben jeden Tag zweimal gemolken werden. Sein einziger Mitarbeiter hat nur eine halbe Stelle. Manchmal helfen auch seine gerade erst volljährigen Kinder aus. Doch obwohl er für zwei arbeitet, liegt sein Einkommen unter dem deutschen Durchschnitt.

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Aufgeben komme für Greshake trotzdem noch nicht in Frage. Lieber verkleinert er seinen Betrieb: Einige weniger produktive Kühe bringt er nun zum Schlachter. Für den aktuellen Nachwuchs - einmal pro Jahr müssen Kühe kalben, um Milch zu geben - hat er eine Rasse eingekreuzt, die mehr Fleisch als Milch bringt: "Die Lust am Melken nimmt beim derzeitigen Milchpreis schon ab", gibt er zu. Die Zeit nutze er dann lieber, um teure Reparaturen selber durchzuführen.

Diversifikation als Risikoausgleich

Eine echte Option ist die Fleischproduktion für Greshake allerdings nicht. Dazu sei sein "Gut Hixholz" mit 58 Hektar Land zu klein und das Bergische Land zwischen Köln und Ruhrgebiet viel zu hügelig. Einen kleinen Teil des Weizens, den er vor allem als Futter für seine Kühe anbaut, verkauft er. Ein paar Kürbisse zieht er auch, aber bedeutende Einkünfte seien damit für ihn nicht zu erzielen.

Um die Einkommensquellen zu diversifizieren, rät die LWK vielen Landwirten, eine Biogasanlage zu betreiben oder Photovoltaik-Anlagen zu installieren. Aber da ist Greshake skeptisch: "Als sei das ein Selbstläufer!" Nach der persönlichen Situation der Landwirte frage niemand, dabei können solche Investitionen für Familienbetriebe sehr belastend sein: "So etwas funktioniert nur, wenn alle dahinterstehen. Was hat man von dem Geld, wenn einem die Familie wegläuft?" Dann solle man lieber das Land verpachten und etwas anderes machen.

Zuverdienst mit Kinderpartys

Die Greshakes haben ihren Weg gefunden: Ehefrau Claudia nutzt den Bauernhof, um Klassenfahrten und Kindergeburtstage auszurichten. Eine Diversifikation seines Betriebs sei das nicht: "Der 'Lernort Bauernhof' ist der Beruf meiner Frau, ich bin Milchbauer", betont Greshake. Jeder verdiene das eigene Geld, wie in anderen Ehen auch.

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Ob eines der drei Kinder den Hof einst übernimmt, sei fraglich: "Dann müssten sie wohl einen neuen Stall bauen. Ob sich das dann noch lohnt? Bisher wissen sie nicht einmal, ob sie überhaupt wollen." Greshake sagt das ohne Wehmut, obwohl er sich als "gebürtigen Bauern" versteht: Er ist auf "Gut Hixholz" aufgewachsen, hat sich früh entschieden, Landwirt zu werden, und den Betrieb von seinem Onkel übernommen. Aber Greshake ist auch bewusst, dass es ein Knochenjob ist, den man lieben und richtig machen - oder eben lassen muss.

Genau deshalb lehnt er Subventionen ab: weil sie halbherzig geführte, unprofitable Betriebe erhalten. Das mache es Leuten wie ihm, die sich bei niedrigen Preisen mit kleineren Margen zufrieden geben, noch schwerer. Der Milchgipfel, fürchtet Greshake, werde nur das "Milchtal" nur vertiefen.

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