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Afrika

Treffpunkt der algerischen Filmszene

Zehn Jahre nach Ende des Bürgerkriegs gehört die Kulturszene Algeriens zur lebendigsten in der Region. Hier wächst eine neue Generation von Filmemachern heran, die mit den Themen der Vorkriegsgeneration brechen.

Die Stadt Béjaia in Algerien (Foto: Sarah Mersch)

Die Stadt Béjaia ist Gastgeber des Filmfestivals

Béjaia, eine 200.000-Einwohner-Stadt an der algerischen Küste mitten in der Kabylei, macht mit ihrer gelassenen Atmosphäre nicht den Eindruck, als würde hier jährlich eines der wichtigsten Treffen der algerischen Filmszene stattfinden. Doch die Rencontrés Cinématographiques de Béjaia finden dieses Jahr schon zum achten Mal statt - ein kleines Festival, das ohne Glamour und roten Teppich auskommt, dafür aber mit einer lebhaften Diskussionskultur und familiärer Atmosphäre aufwarten kann. Direkt nach Ende des Bürgerkriegs gegründet, konnte es sich als einziges unabhängiges Filmfestival in Algerien etablieren. Hier treffen sich Jahr für Jahr Koryphäen des algerischen Films und junge Regisseure vor allem aus Algerien, aber auch aus Marokko, Tunesien und Frankreich.

Die Spuren des Bürgerkriegs sind immer noch offensichtlich (Foto: AP)

Die Spuren des Bürgerkriegs sind immer noch offensichtlich

Während des Bürgerkrieges war die algerische Filmproduktion quasi zum Erliegen gekommen. Einige Filmemacher arbeiteten in Frankreich, doch in ihrer Heimat war es fast unmöglich geworden, einen Film zu drehen. Doch inzwischen sind einige zurückgekehrt, und langsam meldet sich die nächste Generation Regisseure zu Wort: junge Männer und Frauen, die als erste Nachkriegsgeneration einen anderen Blick auf ihr Land werfen, was während des Festivals immer wieder zu erregten Debatten zwischen Zuschauern und den verschiedenen Filmemachern führt.

Abarbeiten am Totalitarismus

Denn in vielen Filmen ist die Geschichte des Landes sehr präsent. Fatma Zohra Zamoum mischt in "Z'har" (Zufall) radikal Fiktion und Dokumentarfilm. Eigentlich wollte sie ein klassisches Roadmovie drehen: zwei Reisende – ein Mann und eine Frau - und der Fahrer eines Sammeltaxis, die mitten im Krieg durch Algerien fahren. Die Frau, die nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder in ihre Heimat zurückkehrt, weil ihr Vater im Sterben liegt. Der Mann, ein Schriftsteller, der herausfinden möchte, warum in den Zeitungen sein Tod verkündet wurde.

Doch Zamoum fand keinen Produzenten für ihren Film, und so hat sie einige Passagen der Reise im Studio nachgestellt. Mit diesen theatralischen Passagen mischt sie Ausschnitte ihrer Motivsuche für den Film und wirft einen intimen, verstörenden Blick auf die Jahre des Totalitarismus.

Neue Stile, neue Themen

Ahmed Benaissa, einer der bekanntesten Schauspieler Algeriens (Foto: Sarah Mersch)

Ahmed Benaissa, einer der bekanntesten Schauspieler Algeriens

Doch die junge Generation befreit sich mehr und mehr von der Last des Krieges, und versucht neue Themen und neue Formen zu finden. Regisseur und Produzent Mouness Khemar verarbeitet in "Le dernier passager" (Der letzte Reisende) in theatralen Traumbildern den Selbstmord eines Freundes, May Bouhada nimmt mit subtilem, präzisen Humor Stereotype über Algerier in Frankreich auf die Schippe und Amine Hattous "Le temps d’une danse" (Die Zeit eines Tanzes) analysiert präzise Männer- und Frauenrollen beim Tango.

Die Filmindustrie in Algerien – früher die stärkste in Nordafrika – befindet sich zwar noch im Wiederaufbau, Strukturen und Ausbildungsmöglichkeiten für Filmemacher fehlen. Aber die Lebhaftigkeit, mit der in Béjaia debattiert wird, und der oft außergewöhnliche, neue, manchmal verstörende Blick der neuen Generation von Regisseuren zeigt, dass Algerien gerade das Land in der Region ist, in dem sich filmisch am meisten bewegt.

Autorin: Sarah Mersch

Redaktion: Katrin Ogunsade