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Kultur

Traunmüller: "Das war nicht der letzte Anschlag"

Gewalt sei keine muslimische Spezialität, sagt der Frankfurter Politikwissenschaftler Richard Traunmüller im DW-Interview. Doch in den letzten Jahren mehren sich die Terrorakte islamischer Extremisten.

DW: Der Anschlag von Paris fand am Erscheinungstag des neuen Romans von Skandalautor Michel Houellebecq statt, der darin eine islamische Horrorvision für Frankreich entwirft. Zufall?

Richard Traunmüller: Solche Anschläge sind kein Einzelfall mehr. Scheinbar waren die Täter sehr wohl vertraut mit der französischen Gesellschaft und mit den Debatten. Das Satiremagazin stand schon länger unter Beobachtung. Für mich liegt nahe, dass es kein Zufall war, sondern Kalkül.

Sollten wirklich islamistische Extremisten hinter der Tat stecken - was glauben Sie, hat sie provoziert?

Beim islamistischem Terror geht es um zwei Dinge: Zum einen wird Gewalt angewandt, um eigene Vorstellungen oder Normverletzungen, die sich aus eigenen Überzeugungen speisen, zu rächen. Das andere sind strategische Ziele. Es sind immer diese beiden Komponenten - die psychische und die strategische, vermutlich außenpolitische Ziele.

Freie Medien und freie Meinungsäußerung sind im Westen wichtige Ziele. Waren sie das Ziel der Terroristen?

In diesem Fall: Ja!

Richard Traunmüller (Foto: Goethe-Universität Frankfurt/Main)

Richard Traunmüller

Kann man den Islam noch offen kritisieren?

Man kann, natürlich….

Sollte man?

Die Frage ist, welche Konsequenzen das nach sich zieht.

Islamistische Gewalttäter berufen sich auf religiöse Motive. Aber Terror ist doch keine muslimische Spezialität…

Sicher keine muslimische Spezialität, aber gleichzeitig muss man die Akteure schon beim Wort nehmen. Das waren hier offensichtlich nicht Vegetarier oder Kreationisten, die hier ans Werk gingen, sondern es gab eine klare Botschaft. Gleichzeitig ist es so, dass islamistische Organisationen sehr prominent mitwirken. Gewalt ist kein muslimisches Alleinstellungsmerkmal. Aber anteilsmäßig ist es der Teil des Terrorismus, der uns in den letzten Jahren am meisten beschäftigt und am meisten bedroht.

Hat das auch damit zu tun, dass islamische Religion keine Privatsache ist? Und wenn ja, woher kommt eigentlich dieser Anspruch, mit einer religiösen Ideologie gleich eine ganze Gesellschaft zu beglücken?

Wann war denn Religion jemals Privatsache? Mit dieser Annahme wird man keiner Religion gerecht. Auch den Missionsgedanken kennen alle Religionen. Wenn man die Wahrheit hat, möchte man sie verbreiten. Das ist in der Religion angelegt.

Wird dieser ideologische Machtanspruch auf muslimischer Seite viel stärker und offensiver vertreten?

Das ist momentan wohl so. Aber man kann es nicht generalisieren. Klar ist, den Gruppen, mit denen wir jetzt zu tun haben, geht es genau darum: einen politischen Machtanspruch zur Geltung zu bringen - und sei es mit Gewalt. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Islam. Aber derzeit fällt diese Weltreligion durch dieses Gebahren auf.

Herr Prof. Traunmüller, rechnen Sie mit weiteren Anschlägen?

Das war sicher nicht der letzte. Es wäre naiv, das zu glauben.

Was empfehlen Sie Journalisten und Satirikern?

Klar, es gibt ein Risiko, das ist offensichtlich. Man kann es unter Berufsrisiko verbuchen. Aber es gibt auch ein Berufsethos. Journalisten sollten sich - und das ist meine Meinung als Bürger - keinesfalls wegducken.

Richard Traunmüller lehrt Politikwissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung war er beteiligt an der "Sonderauswertung Islam" zum Religionsmonitor von Bertelsmann.

Das Gespräch führte Stefan Dege.

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