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Bücher

Traumland Island?

Lohnt es sich, für ein paar Arbeitsplätze einzigartige Naturlandschaften zu opfern? Auf keinen Fall, meint Andri Snær Magnason in seinem Buch "Traumland" - und erklärt, warum das kein rein isländisches Problem ist.

Die Stahlrohre des Geothermiekraftwerks Hellisheidi durchziehen die Landschaft bei Reykjavik (Foto: dapd)

Geothermiekraftwerk in Island

Der isländische Schriftsteller Andri Snær Magnason passiert inmitten einer Lava-Wüste ein einsames Häuschen mit einem Wachmann darin. Der schaut kurz auf, lässt den Wagen passieren. "Scheint so, als ob sie jetzt Wachpersonal eingestellt haben - wegen solchen Umweltextremisten wie mir", scherzt Magnason. Ein paar Meter weiter bringt er bringt den Wagen vor einem riesigen, kantigen Geothermiekraftwerk zum Stehen.

"Dieses Kraftwerk hier wurde eigens für die Aluminiumindustrie gebaut", erklärt Magnason. Island erzeugt seit den 1930er Jahren Strom aus Erdwärme. "Unser landeseigener Strombedarf ist längst gedeckt. Doch anstatt sich damit zufrieden zu geben, wird die Energiegewinnung maßlos ausgeweitet." Und das in weltweit einzigartigen Landschaften, die manche Isländer als heilig empfinden.

Isländische Landschaften in der Nähe von Reykjavik, geprägt von Lavagestein und geothermischen Quellen (Foto: DW / Nadine Wojcik)

Überall blubbert und dampft es in Islands Weiten – Naturdenkmal oder billiger Strom?

Vom Schriftsteller zum Umweltaktivisten

Wie Island aussähe, wenn alle geplanten Vorhaben zur Energiegewinnung zukünftig verwirklicht würden, lässt sich hier besichtigen: Frisch asphaltierte Straßen, Strommasten und überdimensionierte Rohre durchziehen die rotbräunlich zerklüftete Landschaft, rund um das Kraftwerk steigt Dampf aus dem Boden. Die Zivilisation hat in dieser einst einsamen Lava-Wüste deutlich ihre Spuren hinterlassen, ein Anblick, der Andri Snær Magnason ziemlich wütend macht.

Magnason ist einer der bekanntesten und beliebtesten Schriftsteller im Land. Mit 22 brachte er seinen ersten Gedichtband im Selbstverlag heraus, der sich überraschend erfolgreich verkaufte. Es folgten weitere Gedichtbände, Kurzgeschichten, Kinderbücher und ein Science-Fiction-Roman. "Als ich mit dem Schreiben anfing, gab es keine drängenden politischen Themen. Ich wollte einfach nur lustig sein und Fantasy schreiben."

Doch als Fantasy unter der extrem neoliberalen Marktwirtschaft in Island zur Realität wurde, dachte sich Magnason, dass "hier irgendwas völlig falsch läuft". Er legte seine fiktiven Texte zur Seite und recherchierte mehrere Jahre lang, welche Logik Politiker und Unternehmer dazu bringe, die schönsten Landschaften der Welt zu zerstören, stets gewappnet mit dem Argument, dass es aufgrund drohender Arbeitslosigkeit und im Sinne des Fortschritts keine Alternative dazu gäbe. Andri Snær Magnason hält in "Traumland" dagegen, einem Buch angesiedelt zwischen Sachbuch und Essay, das nun anlässlich des Gastland-Auftritts Islands zur Frankfurter Buchmesse ins Deutsche übersetzt wurde:

Eine Million Tonnen Aluminium sind eine ganze Menge, nämlich ungefähr fünf Prozent der Weltproduktion. Verdammt viel für ein Volk von 300.000 Menschen. Offenbar ist geplant, das Land, das unsere Kinder einmal erben werden, in einen der größten Aluminiumhersteller der Erde zu verwandeln - ohne dass irgendjemand wüsste, worauf wir uns dabei einlassen.

Zeit für Vernunft statt Gewinnmaximierung

Andri Snær Magnason, isländischer Schriftsteller steht in einer blauen Jacke vor heißen dampfenden Quellen in der Nähe von Reykjavik (Foto: DW / Nadine Wojcik)

Andri Snær Magnason

Im isländischen Original trägt das Buch den Untertitel "Selbsthilfebuch für eine verängstige Nation". Andri Snær Magnason, 38 Jahre alt, geht es nicht darum, stumpfsinnig gegen die Aluminiumindustrie zu wettern. Stattdessen öffnet er weite Perspektiven und untersucht die Sprach- und Sachlogik, die hinter der naturzerstörenden Schwerindustrie steckt. "Das Buch schlug ein wie eine Bombe", schreibt die Sängerin Björk in ihrem Vorwort zu "Traumland". Auch sie kämpft bereits seit Jahren gegen die maßlose Energiegewinnung.

Magnason nennt weitere Beispiele: "Werden wir den Regenwald weiterhin abholzen, nur weil wir die Maschinen dafür entwickelt haben? Und weil die Bevölkerung vor Ort Arbeit braucht? Oder kommen wir irgendwann an den Punkt, dass wir damit aufhören?" In "Traumland" macht Andri Snær Magnason Mut, sich mit diesen Themen neu auseinanderzusetzen. Es gäbe immer eine Alternative - und das gilt nicht nur für den kleinen Inselstaat. Vielmehr zeigt Magnason anhand des "Mikrokosmos Island", wie globales Wirtschaften funktioniert.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Gabriela Schaaf

Andri Snær Magnason: Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist? Frankfurt: Orange Press 2011; 20 Euro.