1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Traumkunden Christo und Jeanne-Claude

Seit 12. Februar laden die Künstler Christo und Jeanne-Claude in New York zu ihrem neuen Projekt "The Gates" ein. Wie beim "Verhüllten Reichstag" half ihnen bei der Verpackung ihrer Kunst eine Firma aus Emsdetten.

default

Solche Auftraggeber hat man gern

Bedächtig nähert sich Stefan Schilgen der Tür des massiven Eichenschrankes in seinem sonst sehr modernen Büro, und holt sein derzeit bekanntestes Produkt heraus. Auf beiden Händen trägt er vorsichtig, was normalerweise nur Verpackungsmaterial, in diesem Fall aber Kunst ist: ein Stück grell orangener Nylonstoff, robust und wetterfest. Der Geschäftsführer der Schilgen GmbH streicht fast zärtlich über das Material - vielleicht weil es das Herzstück des neusten Projektes von Christo und Jeanne-Claude, genannt "The Gates" ist. Der Familienbetrieb aus dem Münsterland hat mehr als 100.000 Quadratmeter davon gewebt.

Stoff aus Emsdetten für Christo und Jeanne-Claude

Stoff wird zur Kunst

Christo habe präzise künstlerische Vorstellungen von Farben und Gewebekonstruktionen gehabt, sagt Schilgen. "Und dann haben wir gesagt, man kann nun die Garne, die wir ja zukaufen, in verschiedenen Arten machen. Da haben wir dann einige Alternativen aufgezeigt und dann hat er das Material ausgesucht, das ihm geeignet erschien."

Reichstag

7500 Metalltore, jedes einzelne fünf Meter hoch, sind mit großen orangenen Sonnensegeln behangen, gemacht aus Schilgens speziellem Stoff. Für den Textilienspezialisten ist die Installation, die in den kommenden zwei Wochen im New Yorker Central Park präsentiert wird, die dritte Zusammenarbeit mit dem Künstler. Vor zehn Jahren produzierte Schilgen den Stoff für Christos "Verhüllten Reichstag". Damals wurde das deutsche Parlamentsgebäude für mehrere Wochen mit einem silber-glänzenden Stoff verhüllt.

The Gate - Christo, Central Park - New York

The Gates , Project for Central Park, New York City

Stefan Schilgen hatte die Idee, dem Verpackungskünstler die Verpackung für den Reichstag zu liefern, schon vor langer Zeit. 1968 fuhr er als Schüler mit der Schulklasse nach Kassel und hatte seine erste Begegnung mit Christos Kunst. Damals war es eine Riesenwurst, die senkrecht in der Natur stand. "Das war ein spannendes Thema und irgendwann habe ich dann in diesem Unternehmen angefangen zu arbeiten", sagt er. "Und da überlegen sie eigentlich jeden Tag: wo gibt's noch Kundenpotentiale, und dann weiß man, dass Christo eben viele Quadratmeter Gewebe braucht, und dann ist es eigentlich logisch, dass man versucht diesen Kunden zu gewinnen."

Brief

Schilgen schrieb dem Künstler einen Brief, in dem er ihm seine Dienste anbot. Schon drei Monate später diskutierten Christo und Schilgen, welcher Stoff der beste sei, um den Reichstag künstlerisch zu verhüllen. Sie entschieden sich für ein synthetisches Material, das normalerweise als Filterstoff in Kläranlagen fungiert. Solche industriellen Nutzer sind die normalen Kunden der Firma Schilgen. Jeden Tag weben die Maschinen 160.000 Qudratmeter Stoff, die dann als Planen für Baugerüste oder Membranen von Lautsprecherboxen verwendet werden. Die Fähigkeit, spezielle Materialien für spezielle Bedürfnisse anzufertigen ist das, was der Verhüllungskünstler schätzt. Stefan Schilgen ist überzeugt, dass das der Grund dafür ist, dass eine deutsche Firma für einen bulgarischen Künstler arbeitet, der in New York ausstellt.

Mit dem neusten Ergebnis sind Christo und seine Frau Jeanne-Claude jedenfalls vollauf zufrieden, wie Jeanne-Claude sagt: "Christo und ich fanden diese Farbe sehr schön, sehr gefällig. Es passt so harmonisch zur silbergrauen Farbe des Rahmengestells, und sie erinnert außerdem an die Farben des Herbstes."

Traumkunde

Reichtag in Berlin mit Christo und Frau

Christo (li.) und Jeanne-Claude vor einem Modell des "Wrapped Reichstag" von 1995

Der Unternehmer aus dem Münsterland freut er sich, einen Kunden zu haben, der aus seinen Industrieprodukten Kunst macht, freilich ohne sich selbst als Künstler zu sehen. "Es ist ja keine Kunst, auf die Wünsche des Kunden einzugehen, sondern es ist zwingende Notwendigkeit", meint er, "aber irgendwo - und das ist das spannende an Christos und Jeanne-Claudes Kunst, dass man das Ganze, wie sie sagen, als Kunstwerk sehen muss: von der ersten Entwicklung bis zur Fertigstellung und späteren Entsorgung und insofern ist es schon interessant, dass ein Unternehmen praktisch Bestandteil des Kunstwerks wird." Auch abgesehen vom Publicity-Effekt für Schilgens Firma ist Christo ein Traumkunde: Er bestellt Stoff. Stellt ihn aus. Zerstört ihn. Und bestellt wieder neuen.