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Kultur

Traumjob gefunden

Die deutsche Kirche war ihr zu konservativ und zu anonym. Deshalb wanderte die Wuppertaler Theologin Sigrid Rother in die USA aus. Dort hat sie ihren Traumjob als Pastorin in der UCC-Gemeinde in Ohio gefunden.

Sie predigt wie ein US-Pastor, begeistert sich für Football und Marshmallows - dass Sigrid Rother Deutsche ist, merken die Gottesdienstbesucher der United Church of Christ (UCC) in Westerville nahe Columbus eher selten. Doch wenn die Pastorin beim Abendmahl vom frisch gebackenen Brot ihrer Kindheit schwärmt, ist ihre Herkunft unverkennbar. "Dieser wunderbare Geruch, die vielen Brotsorten - das vermisse ich manchmal", gibt die 48-jährige Theologin zu - und viele Besucher nicken. So mancher hat schließlich Verwandtschaft in Deutschland. Fast 30 Prozent der Bewohner des Bundesstaates Ohio, in dem Westerville liegt, stammen von deutschen Einwanderern ab.

Das Gebäude der UCC-Kirchengemeinde in Westerville/Ohio (Foto: DW)

Familienkirche im Grünen: Die UCC in Westerville/Ohio

Bis auf die Brotsorten gibt es allerdings wenig, was Sigrid Rother in ihrer amerikanischen Wahlheimat vermisst. Seit zehn Jahren leitet sie gemeinsam mit "Senior Pastor" Harold Steindam die 700 Mitglieder starke UCC-Gemeinde. Über 300 Besucher kommen jeden Sonntag in den Gottesdienst. Zahlen, von denen die meisten deutschen Pfarrer nur träumen können. "Ich lebe in einer engagierten und lebendigen Kirche", sagt Sigrid Rother. "Einen besseren Arbeitsplatz kann ich mir nicht wünschen."

Einen Doktor im Predigen

Lange hat die Theologin danach gesucht. Ihr Weg führte sie von einer Wuppertaler Kirchengemeinde zunächst in die Townships nach Südafrika. Dort arbeitete sie als einzige weiße Pastorin in einer schwarzen Kirchengemeinde. Sie kämpfte gegen AIDS und Vergewaltigungen und engagierte sich in Flüchtlingslagern. Hier lernte sie ihren Ehemann Tom kennen, dem sie später nach Michigan folgte. Dort machte sie noch ihren Master in Theologie, danach in Chicago den Doktor im Fach "Predigen".

Der Chor der UCC-Gemeinde Westerville (Foto: DW)

Zur lebendigen Kirche gehört der Gospel im Gottesdienst

"Jeden Sonntag habe ich damals Kirchen besucht, um zu entscheiden, in welcher ich mich als Pastorin bewerben möchte", erzählt Sigrid Rother. Ihre Wahl fiel schließlich auf die UCC. Mit rund 1,5 Millionen Mitgliedern in 6000 Gemeinden ist sie eine eher kleine protestantische Kirche, die aber engagiert Stellung bezieht für Menschen- und Umweltrechte, soziale Gerechtigkeit und gegen die Todesstrafe. 2005 sprach sie sich als erste große Kirche für die Gleichberechtigung homosexueller Paare aus.

Zurückhaltung im US-Wahlkampf

Der amerikanische Präsident Barack Obama gehörte zur UCC-Kirche in Chicago. Viele Gemeinden unterstützen ihn offen im derzeitigen Wahlkampf. Auch Sigrid Rother steht hinter seinem Bemühen um eine allgemeine Krankenversicherung, seiner liberalen Einstellung zu Homosexualität und Abtreibung. Doch mit ihren politischen Ansichten hält sich die Pastorin zurück. "In unserer Gemeinde sind alle politischen Strömungen vertreten", weiß die Theologin, "aber man redet nicht darüber."

Die beiden UCC-Pastorinnen Gini Lohmaur Bauman (l.) und Sigrid Rother (Foto: DW)

Zwei Pastorinnen, eine Kirche: Gini Lohmaur Bauman (l.) und Sigrid Rother

Manchmal, so gibt die Pastorin zu, wünscht sie sich von ihrer Gemeinde mehr öffentliches Engagement in politischen und sozialen Fragen. Doch das gehört nicht zum Profil der Kirche in Westerville, die sich als Familienkirche versteht. Anders sieht es dagegen in der Nachbarstadt Columbus aus, wo die amerikanische Kollegin Gini Lohmaur Bauman, ein ehemaliges Mitglied der Westerville-Gemeinde, Pastorin ist. "Diese Kirche macht eine sehr engagierte Obdachlosenarbeit, hier steht das Thema soziale Gerechtigkeit stärker im Vordergrund", so Rother.

Kirche als soziales Netz

In Westerville dagegen wirken die UCC-Mitglieder mehr im Stillen. Zwölf Diakone hat die Gemeinde, die nicht nur das Abendmahl verteilen und bei der Organisation des Gemeindelebens helfen. Sie organisieren auch Hilfe, wenn Familien in Not geraten sind. "Die Kirche ist für die Amerikaner das soziale Netz", erklärt Sigrid Rother. "Wer krank oder arbeitslos ist und Unterstützung im Alltag braucht, wendet sich an seine Kirche."

Die beiden Diakone Susan und Tom White (Foto: DW)

Diakone und Chormitglieder: Susan und Tom White

Kein Wunder, dass fast 90 Prozent der Amerikaner Mitglied einer Religionsgemeinschaft sind. Allein in der 30.000-Einwohner-Stadt Westerville gibt es rund 50 Kirchen. Nicht alle sind so familiär wie die UCC, aber die Pastoren kennen ihre Gemeindemitglieder. "In Wuppertal habe ich Menschen getraut und beerdigt, die ich vorher noch nie gesehen hatte", erzählt Sigrid Rother. In einer solchen Anonymität zu arbeiten, könne sie sich nicht mehr vorstellen, gibt die Theologin zu. "Hier kann ich etwas bewegen, weil ich nicht alleine kämpfen muss, sondern aufgehoben bin in einer starken Gemeinschaft."

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