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Alltagsdeutsch – Podcast

Traumberuf Schauspieler

Viele träumen von einer Karriere als Schauspieler am Theater. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Tausende bewerben sich jährlich an den staatlichen Schauspielschulen in Deutschland. Nur wenige schaffen die Aufnahme.

Sprecher:

Kunstblut, Schreie, Tränen, nackte Haut – in mancher Theaterinszenierung wird den Schauspielern so einiges abverlangt. Und dennoch bewerben sich Jahr für Jahr tausende junge Menschen an den staatlichen Schauspielschulen in Deutschland, um ihrem vermeintlichen Traumberuf ein Stück näher zu kommen. Dabei ist Schauspielerei nicht nur ein Traum-, sondern auch ein Knochenjob. Das heißt, die Schauspieler, die Mimen, müssen oft an ihre physischen und auch emotionalen Grenzen gehen. Ein Beispiel ist Friedericke Bellstedt. Ihre ersten Rollen spielte sie splitterfasernackt, komplett ohne Kleidung. Nicht jeder ist bereit dazu.

Friedericke Bellstedt:

"Wie weit man geht, das muss jeder für sich entscheiden. Also ich musste als Anfängerin gleich die ersten drei Rollen nackt spielen und hab' darin einen Sinn gesehen, als Adam und Eva zum Beispiel. Also ich denke, man sollte sich nicht begrenzen im Kopf, in der Fantasie. Deswegen soll man weit gehen in dem Beruf. Man muss weit gehen."

Sprecher:

Friedericke Bellstedt hatte damals, als sie mit der Schauspielerei anfing, einen Sinn darin gesehen, die Rolle der Eva nackt zu spielen. In der biblischen Schöpfungsgeschichte war Eva – bevor sie und Adam den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten – nackt. Friedericke findet, dass sich ein Schauspieler, eine Schauspielerin im Kopf nicht begrenzen sollte. Er oder sie sollte sich in die gespielte Rolle hineinfinden, mit Fantasie – selbst wenn man dafür weit gehen muss, also die eigene Scham etwa überwinden muss. Friedericke Bellstedt gibt inzwischen ihre jahrzehntelange Erfahrung auf der Bühne weiter an den schauspielerischen Nachwuchs. Sie ist jetzt Schauspiellehrerin.

O-Ton:

"So, du setzt dich auf die Bühne. Eine Sekunde. Bleib du in der Konzentration, setz' dich hin …"

Sprecher:

Auf der Probebühne an der "Hochschule für Musik und Darstellende Kunst" in Frankfurt am Main wird improvisiert. Der Bühnenaufbau: schwarz gestrichene Wände und Holzdielen, in der Mitte eine weiße Tür mit Rahmen und ein knallrotes Sofa. Darauf sitzt Schauspielschülerin Sabrina Frank und bekommt plötzlich Besuch.


O-Töne:

"Hallo, danke für die Einladung. Ja, ja. Hallo, Frau Schneider. / Hallo. / Hallo. / Ja, ist ja wie früher. / Ja ist schwierig mit den Plätzen. Es können ja einfach mal zwei auf dem Sofa Platz nehmen. Tun wir schnell, zwei gerne am Tisch. / Ja, früher hab'n wir auch Platz gefunden. Jetzt werden wir auch Platz finden. / Sie sind ja alle 'n bisschen größer geworden. / Ja, ja. Is' wirklich schön. Ich hab' auch jetzt gar nichts zum Trinken. Also ich hab' hier nur 'ne Wasserflasche."

Sprecher:

Zu Sabrina haben sich vier weitere Schauspielschülerinnen gesellt. Sie haben die Szene betreten. Zwischen ihnen entwickelt sich ein Gespräch, in dem bald schon vier gegen die eine sind. Friedericke Bellstedt erläutert den Sinn der Übung:

Friedericke Bellstedt:

"Das ist eine Übung, das so genannte Karussell, wo es eine so genannte Hauptfigur gibt. Die anderen Kollegen kommen der Reihe nach mit vorbereiteten Geschichten auf diese Hauptfigur zu, um der Hauptfigur klar zu machen, was sie von ihr wollen."

Sprecher:

Die Schülerinnen haben – bis auf die Hauptfigur – noch keine festen Rollen, sondern sie haben nur vorbereitete Geschichten. Die Hauptfigur muss herausfinden, welches Ziel die anderen verfolgen, was sie von ihr wollen. Die Übung läuft ab wie ein Karussell auf dem Jahrmarkt, das sich im Kreis dreht. Mal steigt man zum Beispiel auf ein Pferd, mal in ein Auto, mal auf einen Elefanten. Man fühlt sich immer anders: Entweder ist man ein Reiter, der alle Hürden überwindet, oder ein Rennfahrer, der ein Autorennen gewinnt, oder jemand, der gemütlich durch das Leben trabt. Die Übung bereitet vor auf das spätere Bühnenspiel mit festen Rollen und vorgegebenem Text. Denn auch da ist es ganz wichtig, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, nämlich seine Rolle so überzeugend wie möglich zu spielen. Der Zuschauer muss das Gefühl haben, dass der Schauspieler, die Schauspielerin um etwas kämpft.

Friedericke Bellstedt:

"Wenn man auf die Bühne geht, muss man ein Ziel verfolgen, muss man eine Motivation haben, sonst braucht man nicht auf die Bühne zu gehen. Das heißt, man kämpft auf der Bühne um etwas."

Sprecher:

Und gekämpft hat die Hauptfigur, in diesem Fall Sabrina Frank – vor allem im richtigen Leben. Denn um überhaupt an einer der staatlichen deutschsprachigen Schauspielschulen angenommen zu werden, ist sie zwei Jahre lang von einer Schule zur nächsten gereist. An jeder hat sie vorgesprochen. In der Regel müssen sich die Bewerber und Bewerberinnen beim Vorsprechen auf zwei oder drei Rollen vorbereiten. Ein Prüfungsgremium wählt dann aus, wer aufgenommen wird. Sabrina hat immer wieder Absagen bekommen. Am Ende hat sie sich durchgesetzt – als eine von Hunderten.

Sabrina Frank:

"Das war ständig emotionale Grenzüberschreitung und ständig wieder sich rausholen aus den Löchern, in die man teilweise fällt. Es ist scheitern und wieder aufstehen. Scheitern, fallen und wieder aufstehen."

Sprecher:

Wenn man ständig Absagen bekommt, wird man unsicher. Jedes Vorsprechen bedeutete für Sabrina also eine emotionale Grenzüberschreitung, sie musste ihre Angst, eventuell wieder zu versagen, überwinden. Und sie musste sich nach jeder Absage wieder aus dem Loch herausholen, in das sie bildlich gesehen gefallen war, einem Loch aus Enttäuschung und Frust darüber, wieder nicht angenommen worden zu sein. Sabrina sieht im Nachhinein die Erfahrungen, die sie gemacht hat, als eine gute Vorbereitung auf den Beruf des Theater-Schauspielers.

Sabrina Frank:

"Eine[s] der wichtigsten Dinge, glaube ich, in dem Beruf und für mich persönlich, ist Mut, so dass man sich traut, seine Grenzen kennen zu lernen und wirklich jedes Mal noch 'n Schritt weiter zu gehen. Nur dann entwickelt man sich weiter."

Sprecher:

Auf der Bühne muss man also ständig bereit sein, die eigenen Grenzen zu überschreiten, einen Schritt weiter zu gehen – selbst wenn man denkt, dass es nicht geht. Mutig zu sein ist für Sabrina eine Voraussetzung, um den Beruf des Schauspielers auszuüben.

Sabrina Frank würde weit gehen für eine Rolle – doch noch gibt es für die angehende Schauspielerin Grenzen.

Sabrina Frank:

"Na ja rein äußerlich klar, für mich wäre noch 'ne Grenze, mich nackt auszuziehen, wobei es für mich so ist, dass sich im Laufe der Zeit so viel entwickeln kann, dass es vielleicht irgendwann 'ne Rolle geben wird, bei der ich mir das überlegen würde."

Sprecher:

Noch kann sich Sabrina nicht vorstellen, eine Rolle völlig nackt zu spielen. Allerdings könnte es irgendwann eine Rolle geben, bei der sie ihre Einstellung überdenken würde – sie würde es sich überlegen. Auf der Bühne geht es nämlich darum, all das zu zeigen, was in einer Figur steckt – ihre Anliegen, ihre Wünsche und tiefsten Sehnsüchte. Werner Wölbern, Professor für Rollenarbeit und szenischen Unterricht, sieht bei dem Vorsprechen für die Aufnahmeprüfung allerdings oft genug das Gegenteil.

Werner Wölbern:

"Es gibt große Missverständnisse, was Vorsprechen heißt. Ja angefangen, dass man sich erstmal auszieht, nicht komplett, aber so zumindest, weil man der Meinung ist, das kommt bestimmt gut als Frau jetzt auch. Oder aber, dass man sagt an der Stelle 'Da bin ich jetzt mal sehr leise' und 'Da schmeiß' ich mich jetzt mal auf den Boden und schrei' laut los'. Das kommt vor in 'ner Rolle. Nur es muss motiviert sein."

Sprecher:

Werner Wölbern hat also die Erfahrung gemacht, dass sich manche beim Vorsprechen halbnackt ausziehen, weil sie denken, dass das gut ankommt, dass es gefällt und von der Jury positiv bewertet wird. Die Bewerber und Bewerberinnen achten dabei – so Werner Wölbern – nicht darauf, ob die Rolle Theatermittel wie Nacktheit, Wut und Tränen wirklich erfordert. Die Mittel sollten allerdings in seinen Augen motiviert sein, also nur dann dargestellt werden, wenn es einen Grund dafür gibt. Friedricke Bellstedt sieht noch ein anderes Problem:

Friedericke Bellstedt:

"Man kann zu solchen Theatermitteln greifen, glaube ich. Aber nur es als Mittel auszustellen oder nur um zu provozieren, find' ich ist zu wenig, reicht es nicht, möcht' ich es auch nicht mehr sehen."

Sprecher:

Die Schauspiellehrerin findet es nicht richtig, dass man zu diesen Theatermitteln greift, dass man sie ausstellt, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erregen – oder gar, dass man dazu greift, um das Publikum mit der Wahl dieser Mittel zu provozieren, zu ärgern. Und sie möchte diese Form des Schauspiels am liebsten auf deutschen Bühnen auch nicht mehr sehen.

Fragen zum Text

Tut jemand etwas ohne große Vorbereitung, dann …

1. provoziert jemand.

2. improvisiert jemand.

3. motiviert jemand.

Das Wort vorsprechen kann nicht angewendet werden, wenn …

1. jemand ein Anliegen hat.

2. jemand anderen etwas beibringen will.

3. jemand etwas sagt, bevor ein anderer antwortet.

Ein Produkt, das erfolgreich verkauft wird, …

1. kommt über jemanden.

2. kommt auf jemanden.

3. kommt an.

Arbeitsauftrag

Wählen Sie in ihrer Gruppe eine Jury, die aus vier Personen besteht. Einigen Sie sich alle dann auf ein Stück eines deutschen Autors, eventuell eine Kurzgeschichte. Zu besetzen sind die Haupt- und zwei Nebenrollen des Stücks. Jeder Teilnehmer entscheidet sich für eine der drei Rollen. Proben Sie jeder Ihre Rolle und sprechen Sie zu einem in der Gruppe vereinbarten Termin vor. Die Jury entscheidet dann über die Besetzung.

Autorin: Bianca von der Au / Beatrice Warken

Redaktion: Raphaela Häuser

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