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Deutschland

Traumatisiert und ziellos - geflohene Minderjährige in Deutschland

Nach der Zug-Attacke von Würzburg durch einen afghanischen Jugendlichen fürchten seine Landsleute in Deutschland nun, dass ihnen noch größere Ressentiments entgegenschlagen könnten.

"Ich verurteile die Tat auf das Schärfste. Aber ich will auch betonen, dass es die Tat eines Individuums ist und auch so behandelt werden sollte", sagt der 19-jährige Abdullah, der seit sechs Monaten in Deutschland lebt. Abdullah ist Afghane und spricht von der Attacke seines 17-jährigen Landsmanns, der in einem Zug nahe Würzburg fünf Menschen mit einem Messer und einer Axt verletzte. Als er auf der Flucht Polizisten attackieren wollte, erschossen die Beamten den Angreifer.

Bereits nach den jüngsten Attentaten radikaler Moslems fürchtete Abdullah, dass sich seine Situation in Deutschland nun verschlechtern könnte. Auch der Täter von Würzburg rief vor seiner Attacke "Allahu Akbar", "Allah ist groß". Später fand man in seinem Zimmer eine offenbar selbst gemalte Flagge des "Islamischen Staats". Obwohl die Terrorgruppe inzwischen ein Bekennervideo des Täters lanciert, bleibt unklar, ob dieser Kontakt schon länger bestand. Bisher gingen die deutschen Ermittler davon aus, dass er sich - ähnlich wie die Attentäter von Nizza und Orlando - selbst radikalisiert hatte.

Videoausschnitt: mutmaßlicher Attentäter von Würzburg, Gesicht verpixelt (Foto: YouTube)

Vom IS veröffentlicht: das Bekennervideo des Attentäters von Würzburg

Abdullah ist nicht der einzige afghanische Asyl-Bewerber, dessen Sorgen mit jedem islamistischen Attentat wachsen: "Es ist schwerer für uns geworden, vor allem nach dem, was in den USA und in Frankreich geschehen ist", sagt der 27 Jahre alte Jawid. "Die Menschen blicken nun noch skeptischer auf uns Flüchtlinge." Und besonders auf die aus Afghanistan, denn dort hatte auch der US-Bürger seine Wurzeln, der Mitte Juni in Orlando 49 Menschen tötete. Doch genau das sei falsch, sagt auch Zargar Haroon: "Die Deutschen sollten verstehen, dass es dieselbe Gewalt ist, vor der wir aus unserem Land geflohen sind."

Eine traumatisierte Gruppe

Wie viele minderjährige Asylbewerber war auch der Täter von Würzburg ohne seine Familie nach Deutschland gekommen. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die sich alleine auf die Flucht begeben, ist nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen.

Allein 2015 beantragten in Deutschland etwa 14.400 "unbegleitete" Minderjährige Asyl. Das waren rund 10.000 mehr als noch 2014. 4700 von ihnen kommen aus Afghanistan, der Herkunft nach die größte Gruppe unter ihnen.

Viele geflüchtete Minderjährige gelten als traumatisiert. "Ich habe sehr verstörende Dinge gesehen auf meinem Weg nach Europa", berichtet der 19-jährige Abdullah. "Ich habe Menschen sterben sehen. Ich kann mir nicht ausmalen, was das mit noch jüngeren Jungen und Mädchen macht, die nicht einmal mit ihrer Familie unterwegs sind."

Unbegleitete syrische minderjährige Flüchtlinge spielen Fußball (Foto: DW/C. Chebbi)

Integration für geflüchtete Minderjährige: ohne sie gelten viele als besonders empfänglich für radikale Propaganda

Doch es ist nicht nur, was sie sehen. Viele alleinreisende Minderjährige werden Berichten zufolge selbst missbraucht, zum Beispiel von Menschenhändlern. Dennoch sagen viele Asylsuchende, dass etwas ganz anderes die größte mentale Belastung für sie bedeutet. Einer von ihnen drückt es so aus: "Wenn wir erst einmal hier sind, denken wir, dass die harten Zeiten vorbei sind, aber dann beginnt die Ungewissheit." Die Frage, ob sie bleiben dürfen oder nicht.

Aufruf an muslimische Gemeinden

Wegen der hohen Zahl an Asylanträgen müssen viele Bewerber monatelang warten, manche sogar mehrere Jahre, bis eine Entscheidung gefällt wird. Genau das erhöhe die Gefahr, dass sich vor allem Jugendliche radikalisieren, sagt Said Hashim Hashimi von der Organisation Katuri Tolana, die hilft, Geflüchtete in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Denn viele minderjährige Asylbewerber leben in separaten Unterkünften oder sind - wie der Angreifer von Würzburg - vorübergehend in einer Pflegefamilie untergebracht. "Solche jungen Leute haben oft keine klare Vision für ihre Zukunft und keine Familie, die ihnen dabei hilft eine zu entwickeln", erklärt Hashimi. "Gerade deshalb ist es wichtig, diese Kinder an ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu erinnern, der sie jetzt angehören." Dazu allerdings müsse viel mehr getan werden als bisher.

Abhilfe könnten laut Hashimi muslimische Gemeinden in Europa schaffen, die den Geflohenen die gütige Seite des Islam zeigen. "Im Islam ist kein Platz für Gewalt", sagt Hashimi, "und das ist die Botschaft, die wir unserer jungen Generation und dem Rest der Welt vermitteln müssen."

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