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Asien

Trauma-Arbeit in Kambodscha

Auch 30 Jahre nach dem Völkermord in Kambodscha sind viele in dem Land noch immer traumatisiert. Erinnerungen an Folter, Schmerzen und Tod verhindern ein normales Leben heute. Therapeutische Zuwendung ist wichtig.

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Sie können nicht vergessen - die Opfer der Roten Khmer in Kambodscha

Mönche in orangefarbenen Gewändern rezitieren Gebete. Vor ihnen kniet eine Gruppe Männer und Frauen. Sie haben die Köpfe gesenkt, leises Schluchzen ist zu vernehmen. Hinter ihnen in einer Glasvitrine liegen Totenschädel aufgereiht. Hunderte. Tausende. Es sind Opfer des Regimes der Roten Khmer in Kambodscha, die zwischen 1975 und 1979 auf den sogenannten Killing Fields nahe der Hauptstadt Phnom Penh hingerichtet wurden. Die Betenden haben den Völkermord damals überlebt. Auch sie wurden eingesperrt, gefoltert und haben Angehörige verloren. Die Zeremonie ist Teil einer psychologischen Therapie der kambodschanischen Hilfsorganisation TPO, die Abkürzung steht für transkulturelle psycho-soziale Organisation. Sie soll ihnen helfen, die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen.

Zusehen, wie Menschen verhungern

Kambodscha Traumaopfer

Der Kambodschaner Sam Rithy.

Die Roten Khmer wollten eine klassenlose Gesellschaft schaffen. Vor allem die Stadtbewohner sahen sie als bourgeoise Elemente an und wollten sie ausmerzen. Auch die Familie von Sam Rithy wurde zerstört. Die Khmer Rouge ermordeten drei seiner Brüder und seinen Vater. Im Gefängnis wurde der heute 57-Jährige Zeuge, wie Menschen verhungerten und willkürlich erschossen wurden. Er selbst wurde mehrfach gefoltert. "Ich fühlte mich wie in der Hölle und ich hatte keine Hoffnung, das überhaupt zu überleben", sagt er.

Traumaarbeit mit einfachen Mitteln

Sam Rithy und die anderen Teilnehmer der Zeremonie haben sich als Nebenkläger für das Khmer Rouge Tribunal gegen vier der Verantwortlichen gemeldet. Für die Opfer bedeutet das, endlich Gerechtigkeit zu bekommen. Doch die meisten sind bis heute traumatisiert. Sam Rithy quälen Schlafstörungen. Andere haben Depressionen. Etwa Im Sam At, die mit ihm zusammen die Therapie durchlaufen hat. Aus ihrer Familie haben nur sie und einer ihrer Söhne überlebt. "Mit 22 Jahren war ich Witwe", sagt die heute 55-Jährige. "Obwohl ich bei meinem Sohn lebe, der sich um mich kümmert, fühle ich mich immer sehr, sehr einsam." Im Sam At spricht langsam und leise.

Zusammen mit Therapeuten von TPO schreiben die Betroffenen ihre Erinnerungen als eine zusammenhängende Geschichte auf. Um die Erlebnisse aufzuarbeiten, sei es wichtig, sie in einen Kontext einzuordnen, so die Idee dahinter. Diese Methode, genannt "Testimonial Therapy", wurde in Chile nach dem Sturz der Militärjunta entwickelt. Sie hat sich gerade in Entwicklungsländern, wo kaum psychologische Hilfsangebote bestehen, bei der Behandlung von Opfern von Folter, Krieg und Menschenrechtsverletzungen bewährt. "Dieses Programm ist auch mit finanziell knappen Mitteln zu machen", sagt Judith Strasser. Die 39-jährige Psychologin ist vom deutschen Entwicklungsdienst DED entsandt und berät und schult die TPO-Mitarbeiter.

Heilsames Beten

Kambodscha Roter Khmer in Phnom Penh 1975

Die Khmer Rouge brachten vor 30 Jahren rund 2 Millionen Menschen in Kambodscha um

Am Ende des dreitätigen Programms besuchen die Teilnehmer gemeinsam die Killing Fields. Besonders wichtig ist ihnen das Gebet für die Ermordeten. "Die Verbindung zu den Geistern der Verstorbenen ist sehr eng in Kambodscha", erklärt Judith Strasser. "Aber die meisten konnten ihre Angehörigen nicht auffinden und daher keine Begräbnisrituale durchführen." Sie hoffen, dass die Zeremonie den Geistern auf den Killing Fields endlich Ruhe bringt. Die Hilfsorganisation legt Wert darauf, an den kulturellen Hintergrund der Patienten anzuknüpfen.

Abschließend wird die Geschichte jedes einzelnen vorgelesen und an die Mönche übergeben. Sam Rithy steht neben seinem Therapeuten Sarat Youn, während dieser vorliest. Ein weiterer TPO-Mitarbeiter stützt Sam Rithy. Der steht aufrecht, wirkt ernst aber gefasst. An einigen Stellen der Geschichte nickt er zum Nachdruck. Als Sarath Youn fertig ist, überreicht Sam Rithy das aufwändig gebundene Dokument einem der Mönche. Dieser segnet ihn, bindet ihm ein rotes Band um das Handgelenk und wünscht ihm Gesundheit und Glück.

Viele empfinden diese Erfahrung als hilfreich. So auch Im Sam At: "Als die Mönche mich gesegnet haben, war ich sehr glücklich; ich habe mich wieder lebendig gefühlt und spürte wieder Hoffnung", sagt sie und lächelt vorsichtig.

Autorin: Nina Ritter

Redaktion: Silke Ballweg