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Hintergrund

"Traum oder Albtraum?"

20 Millionen Einwohner, Symbol für den Fortschritt und großes Elend – Mumbai. Altaf Tyrewala schreibt über diese Kontraste seiner Megacity. Disha Uppal war mit dem jungen Autor an seinen Rückzugsorten.

Wäscherei-Mitarbeiter in Mumbai (Foto: DW/Disha Uppal)

Arbeiter in einem "Dhobi Ghat", einer offenen Wäscherei

Gehupe von Autos und Bussen, Straßen voller Menschen, überall Staus. Das ist Byculla , einer der ältesten Stadtteile im Süden Mumbais. Hier lebt Altaf Tyrewala. Mit einem offenen, freundlichen Lächeln heißt der 33-jährige Autor mich willkommen. Aber wir bleiben nicht hier, Altaf will mich in sein Refugium entführen, seinen Rückzugsort, wo er Kraft tankt für diese Überdosis Stadt. Etwa zwei Kilometer von Byculla an einer kleinen Bergkuppe liegt ein ruhiger, grüner Park: die John Baptista Gardens. Altaf kommt fast jeden Tag hierher.

Stadt der Superlative

"Mumbai ist meine Heimat, mein Geburtsort"; erzählt er. In Mumbai sei beides mit ihm geschehen: "Ich bin unerwartet gewachsen als Person, aber ich habe auch viele Rückschritte gemacht." Und wenn es eine Stadt auf diesem Planeten gibt, wo das nachvollziehbar ist, dann Mumbai, die Stadt der Superlative, die Megacity schlechthin: Die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Wasseranschluss, lebt in Wellblechhütten in Armut. Gleichzeitig gibt es über 200 Diätkliniken, Mumbai ist die reichste Stadt Indiens. Und die dreckigste: Die Weltgesundheitsorganisation sagt, dass die Luft so stark verschmutzt sei, als würde man jeden Tag zwei Packungen Zigaretten rauchen.

Mumbai: Der größte Slum Asiens, Dharavi, liegt mitten in der Stadt (Foto: DW/Disha Uppal)

Dharavi, der größte Slum Asiens: In der gigantischen Siedlung lebt fast eine Million Menschen.

Mumbai - ein Roman ...

"Ist Mumbai nicht selbst ein Roman?", frage ich Altaf Tyrewala. Ja, sagt er, einer, der von einer magischen Kraft geschrieben werde. Spannend, aber auch kompliziert. Die Stadt besteht für ihn aus einer Unmenge interessanter Geschichten, von denen viele noch nicht bekannt sind. Und dann erzählt er von New York, wohin er nach der Schule ging. 18 war er, in den USA studierte er Betriebswirtschaft. Aber nach dem Studium zog es ihn zurück nach Mumbai. "Ich sah die Seite von New York, die die meisten ausländischen Studenten nicht sehen. Ich habe drei Jobs gleichzeitig gemacht. Manchmal musste ich ganze Mahlzeiten auslassen, um meine Miete bezahlen zu können. Das hat all meine Illusionen über den sogenannten 'American way of life' zunichte gemacht."

... und Stadt der Hoffnung

Ein Kollege von Altaf, der bekannte indische Autor Kiran Nagarkar, hat geschrieben: "Die Megacity ist eine Art Droge, die man bisweilen zwar verabscheuen mag, für die man aber lieber sein Leben aufs Spiel setzt, als auf sie zu verzichten." Worte, die für den Autor, mit dem ich heute den Tag verbringe, zu groß, zu bombastisch sind. Für ihn ist Mumbai einfach die Stadt, die ihn hoffen lässt.

Junge Paare am Bandra-Band-Strand in Mumbai (Foto: DW/Disha Uppal)

Ort der Ruhe: Am Bandra-Band-Strand erholen sich die jungen Liebespaare von der Überdosis Stadt.

Altaf Tyrewala wohnt mit seiner Frau, seiner Mutter und seinem zehn Monate alten Sohn in einer kleinen Wohnung in einem Hochhaus Bycullas. Er entstammt einer liberalen Familie von Ismaeliten. Die Ismaeliten folgen seit jeher ihrem speziellen Imam, dem Aga Khan. Mumbai gilt als die multikulturellste Stadt Indiens. Und dennoch existieren immer noch Vorurteile und Klischees gegenüber den Muslimen und dem Islam, meint Altaf. In den Jahren 1992 und 1993 kam es zu schlimmen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen, bei denen Schätzungen zufolge etwa 900 Menschen ums Leben kamen. Die meisten davon waren Muslime.

Im Mausoleum

Wir verlassen unseren Park und gehen zurück in die Stadt. Tausende von Menschen strömen jedes Jahr nach Mumbai, um ihr Glück zu suchen, um hier zu arbeiten. Einige haben Erfolg, andere keinen. In den eigenen vier Wänden zu leben sei auch für die schnell aufsteigende Mittelschicht nicht einfach, sagt Altaf. Zu gut kennt er die Probleme. Seit Monaten versucht er, eine Wohnung in einem relativ gemischten und kosmopolitischen Viertel zu kaufen. Aber ohne Erfolg, und das frustriert ihn. Wir sind im Stadtteil Shah Hasan Ali's Maqbara angekommen. Hier gibt es ein Mausoleum – ein weiterer Ort der Ruhe. Im weißen, marmornen Gebäude ist es still. Ein kleines Paradies inmitten dieser ungeheuren Hektik. Am liebsten sitzt Altaf auf der Treppe des Mausoleums und schreibt seine Erlebnisse in einem digitalen Notizbuch nieder.

Der Autor Altaf Tyrewala in Mumbai (Foto: DW/Disha Uppal)

Altaf Tyrewala in Mumbai


"In meinem Mumbai geschieht alles pünktlich. Auf meiner Uhr ist es zehn Uhr morgens, aber draußen sieht es aus wie in der Dämmerung. Die Fenster meines Wagens sind fast schwarz. Würde ich den Kopf ein bisschen nach rechts drehen, könnte ich das Lodern der dampfenden, scheißenden, spuckenden Stadt sehen, in der du lebst. Aber ich bin kein Romantiker und auch kein Masochist, und selbst die Windschutzscheibe ist teilweise beschichtet, um dein Mumbai außen vor zu halten."


Autorin: Disha Uppal
Redaktion: Ramón García-Ziemsen

Altaf Tyrewala: Kein Gott in Sicht. Suhrkamp. 184 Seiten. 19,80 Euro.

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