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Kultur

Trauer um Pulitzer-Preisträger Horst Faas

Der deutsche Kriegsfotograf und zweifache Pulitzer-Preisträger Horst Faas ist mit 79 Jahren gestorben. Berühmt wurde er vor allem durch seine Fotos aus dem Vietnamkrieg.

Wie sein langjähriger Arbeitgeber, die New Yorker Nachrichtenagentur Associated Press (AP), mitteilte, starb Horst Faas am Donnerstag (10.05.2012) in München. Er hat in seinem Leben viele Krisenregionen bereist und war oft dabei, wenn es Weltereignisse zu fotografieren gab. Als Deutscher blieb der Pressefotograf dabei die seltene Ausnahme.

Horst Faas (r.) im Einsatz mit südvietnamesischen Truppen während des Vietnam-Krieges

Horst Faas (r.) im Einsatz mit südvietnamesischen Truppen während des Vietnam-Krieges

Er war fast während des gesamten Vietnam-Krieges für AP als Foto-Reporter und Bildchef in der Hauptstadt Saigon stationiert. Es wurde seine journalistisch wichtigste Zeit. "Wenn ich nicht nach Vietnam gegangen wäre, säße ich heute als kleiner Redakteur in Bremen oder sonstwo und hätte es nie zu etwas gebracht", sagte Faas 2011 im Gespräch mit der Deutschen Welle. Um in den US-Medien etwas zu werden, war es wichtig, als Pressefotograf oder Korrespondent dort gewesen zu sein: "Vietnam war ein Sprung in der Karriere für viele."

1965 erhielt der in Berlin geborene Faas für seine Vietnam-Fotos den Pulitzer-Preis - als erster Deutscher überhaupt. Schon 1972 benannte ihn das Pulitzer-Preiskomitee erneut zum Preisträger, diesmal für seine Bilder aus Bangladesch vom Dezember 1971. Vor mehr als 40 Jahren machte Faas die Aufnahmen einer Hinrichtung. Bis dahin hatte noch nie ein Fotograf diese Auszeichnung zwei Mal bekommen. In den USA ist Horst Faas fast so bekannt wie die Reporter- und Fotografenlegenden David Halberstam, Larry Burrows, Tim Page oder Henri Huet. In Deutschland kennen nur wenige den Namen des vielleicht international erfolgreichsten deutschen Pressefotografen.

Bis heute nur wenige deutsche Pulitzer-Preisträger

1964: Ein Vater hält Soldaten sein bei Kämfen getötes Kind entgegen (Archivfoto: AP/Horst Faas)

1964: Ein Vater hält Soldaten sein bei Kämfen getötes Kind entgegen

"Der erste Pulitzer-Preis war für mich eine Überraschung. Ich wusste gar nicht, was das ist, als mir AP-Chef Wes Gallagher dazu gratulierte", erinnerte sich Faas 2011 in seiner Münchner Wohnung. Claudia Stone Weissberg, Managerin für die Preisseite "pulitzer.org" an der Columbia Universität in New York, kann sich nur an ganz wenige deutsche Pulitzer-Preisträger insgesamt erinnern. Beispielsweise an den Forscher Bert Hölldobler, der für sein wissenschaftliches Buch "The Ants" 1991 ausgezeichnet wurde. Für ihre Bilder erhielten bisher die deutschen Fotojournalisten Karsten Thielker und Anja Niedringhaus 1995 und 2005 ebenfalls die begehrte Trophäe.

Mit seiner Frau Ursula lebte Faas bis zum seinem Tod in München. Seit April 2005 war er vom sechsten Brustwirbel abwärts gelähmt. Als Fotograf war er in Vietnam mehrmals verletzt, doch richtig schlimm erwischt hatte es ihn dort erst während der Feiern zum 30-jährigen Ende des Vietnam-Krieges. Faas hatte Rückschmerzen, die er zunächst ertrug. Doch sie wurden immer schlimmer, schließlich wurde Faas vom Veteranentreffen in Vietnam ins thailändische Bangkok ausgeflogen. In einer stundenlangen Operation entfernte ein Arzt einen Blutknoten im Rückenmark. Seitdem saß Faas im Rollstuhl.

Entsetzliche Fotos

Im Dezember 1971 flog Faas für einen Reportereinsatz von Vietnam aus in das neu gegründete Bangladesch. Erst im März 1971 hatte das Land seine Unabhängigkeit von Pakistan erklärt und mit indischer Unterstützung gegen dessen Armee gekämpft. Am 16. Dezember kapitulierten die pakistanischen Truppen, Indien besetzte kurz darauf zusammen mit einheimischen Rebellengruppen die Hauptstadt Dhaka. Als ein Anführer der so genannten Befreiungsarmee von Bangladesch zu einer Kundgebung am 18. Dezember in der Stadt Dhaka rief, war auch Horst Faas für Associated Press dabei. Er machte Fotos von der anschließenden Hinrichtung, bei der vier Männer getötet wurden, die muslimische Frauen vergewaltigt haben sollen.

1971: Mit Bajonetten gingen die Rebellen auf die Gefangenen los, ihr Anführer schaute zu (Archivfoto: AP/Horst Faas, Michel Laurent)

Mit Bajonetten gingen die Rebellen auf die Gefangenen los, ihr Anführer schaute zu

Einer der Rebellenanführer, "Tiger" Siddiki, habe "die ganze Mordgeschichte angestiftet", erinnerte sich Faas. "Als die öffentlichen Misshandlungen begannen, das Bajonettieren, da trat der vor wie bei einem Ballett und ließ sich ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett geben. Er stellte sich über einen der Gefangenen, hob die Waffe demonstrativ hoch und lehnte sich mehr als nötig zurück", erzählte der Fotograf. "Dann stieß er dem Mann in die Seite. Nicht in die Brust, er wollte den nicht sofort töten, sondern erst quälen." Die anderen Soldaten machten es ihrem Anführer nach, eine Menschenmenge schaute zu. Schließlich störten sie sich an den Fotografen und gingen auf sie los. Faas und sein AP-Kollege Michel Laurent brachten sich in Sicherheit.

Umstrittene Aufnahmen

Direkt danach warfen andere Journalisten Faas und Laurent vor, die Hinrichtung sei für die Presse inszeniert gewesen, es wäre unmoralisch, davon Bilder zu machen. AP veröffentlichte sie trotzdem und das Pulitzer-Komitee gab den beiden Fotografen vier Monate später für die Aufnahmen ihre höchste Auszeichnung.

Während seiner Arbeit als Fotochef für AP im damaligen Saigon stand der Deutsche immer wieder vor der Entscheidung, was veröffentlicht werden soll und was nicht. Er habe sich dabei auf seine Selbstzensur verlassen: "Selbstzensur aus Anstand - oder aus einer Art Instinkt heraus: was ist möglich und was nicht. Was ist zumutbar und was unzumutbar."

"Saigon Execution" und "Vietnam Napalm Girl"

Terror des Krieges: die nackte Kim Phuc und andere Kinder fliehen vor Napalm-Bomben

Terror des Krieges: die nackte Kim Phuc und andere Kinder fliehen vor Napalm-Bomben

So gab Faas auch zwei der bekanntesten Bilder des Vietnam-Krieges zur Veröffentlichung frei: "Saigon Execution" - die Hinrichtung eines Nordvietnamesen durch den Polizeichef von Saigon per Kopfschuss, die Eddie Adams fotografiert hat. Und "Vietnam Napalm Girl" - das Foto des nackten, von Napalm verbrannten vietnamesischen Mädchens Kim Phuc, das auf den Fotografen Nick Ut zuläuft. Es sei damals noch nicht selbstverständlich gewesen, Bilder von nackten Kindern zu veröffentlichen, sagte Faas. Doch er erkannte die Brisanz der Aufnahmen. Beide Fotografen erhielten dafür ebenfalls Pulitzer-Preise.

Der gefangene kongolesische Ministerpräsident Lumumba kurz vor seiner Ermordung

Der gefangene kongolesische Ministerpräsident Lumumba kurz vor seiner Ermordung

Den Blick dafür, was ein gutes Bild ausmacht, hatte Faas im Archiv der englischen Fotoagentur Keystone gelernt, glaubte er. Kurz nach dem Krieg sortierte er als gerade 18-Jähriger wochenlang deren Bildarchiv in München. Mehr Ausbildung bekam er nicht. Danach war er mehrere Jahre Fotoreporter in der Hauptstadt Bonn, erst für Keystone, Ende 1955 wechselte Faas dann zu AP. Schließlich lockte die Ferne: Die AP-Zentrale in London suchte Freiwillige für den Einsatz im Bürgerkriegsland Kongo. Im Sommer 1960 reiste Faas ab, "ohne Rückfahrschein". Faas machte eines der letzten Fotos des damaligen kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba, bevor der ermordet wurde.

'Rumble in the Jungle' 1974: Muhammed Ali vor seinem Boxkampf in Zaire

'Rumble in the Jungle' 1974: Muhammed Ali vor seinem Boxkampf in Zaire

Faas hat vieles durch seine Kameralinse gesehen: Das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele in München 1972. Das Treffen zwischen dem ägyptischen Präsidenten Anwar el Sadat und US-Präsident Richard Nixon während der Friedensgespräche in Gizeh. Den Boxkampf "Rumble in the Jungle" zwischen Muhammed Ali und George Foreman 1974 im damaligen Zaire. Papst Johannes Paul II. im Konzentrationslager Auschwitz 1979.

40 Jahre bei Associated Press

1976 gab er sein Leben als rasender Fotoreporter auf und zog nach London. Dort übernahm er Ende der 1970er Jahre die Leitung der AP-Bildredaktion für Europa, Nahost, Afrika und Australien. Nun wurde organisiert, nicht fotografiert. "Hätte ich damals gesagt, 'ich möchte lieber Fotos machen', wäre ich vielleicht glücklicher gewesen und hätte noch einen Pulitzer-Preis bekommen", sagte er über seine Entscheidung. Bereut hat er sie nicht. Nun konnte er in London leben, denn sein Traum von New York blieb ihm verwehrt. Dort gab es bereits einen Bildchef. Bis 2004 blieb der Deutsche bei AP - 48 Jahre.

Vietnam 1966: Frauen und Kinder suchen in einem Graben Schutz

Vietnam 1966: Frauen und Kinder suchen in einem Graben Schutz

Faas wußte, dass er in seinem Leben oft Glück gehabt hatte. Michel Laurent, mit dem er vor über 40 Jahren die Fotos in Dhaka machte, war 1975 der letzte westliche Journalist, der im Vietnam-Krieg getötet wurde. Im Mai 2011 erinnerte sich Faas noch, wie er darauf reagierte, dass ihm der Arzt 2005 in Bangkok mitteilte, dass er nie wieder laufen könne: "Ich dachte: 'Mit 72 Jahren habe ich eigentlich alles erlebt. Jetzt kommt eben etwas anderes.'" Die Begeisterung für seine Arbeit als Fotoreporter war bis zum Schluss spürbar.

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