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Kultur

Transmediale schwelgt im Banalen

Die "Transmediale" in Berlin ist eines der größten Medienkunstfestivals Europas. Es will von der Zukunft erzählen, kommt aber von der Vergangenheit einfach nicht los.

Haus der Kulturen der Welt (Foto: Transmediale)

Eine Künstlergruppe nimmt auf der Transmediale Google aufs Korn

In einer weiß strahlenden ovalen Arena stehen auf den Zuschauerrängen akribisch aufgereiht mehr als 1000 Wecker. Genauso genommen sind es 1246 kleine Wecker. So wie man sie überall für ein oder zwei Euro in den Billigläden kaufen kann. Und sie ticken. Alle zusammen und machen einen mörderischen Krach. Doch was man hört, ist nicht etwa der normale, zarte, sanfte Uhrenklang, sondern eine Mischung aus einem rauschenden Wasserfall und einer stampfenden Maschine. Ein völlig neues Hörerlebnis.

Das Ticken tausender Wecker

Coincidence Engines von The User

1200 individuelle Wecker: Coincidence Engines von The User

Denn jeder einzelne Wecker hat seinen ganz eigenen Sound, und bei über 1200 Weckern kommt eine Melodie zum Vorschein, die sich permanent ändert. Nichts bleibt gleich. Coincidence Engines nennt sich das Kompositionsprojekt. Eine Idee des aus dem kanadischen Montreal stammenden Künstlerduos The User. Eine der beachtlichsten Installationen auf der diesjährigen Transmediale, dem Berliner Medienkunstfestival.

Das tausendfache Ticken soll eine Hommage an das Poème Symphonique des ungarischen Experimentalkomponisten György Ligeti sein, vielen durch seine Filmmusik zu dem Stanley Kubrick Streifen "2001: Odyssee im Weltraum" bekannt. Es ist ein Sinnbild dafür, sagt der Montrealer Komponist Emmanuel Madan, einer der Ideengeber dieses Projekts, dass wir trotz der Uniformierung unserer Lebensbereiche, also trotz kulturellem Mainstream und globalisierter Markenprodukte, Individuen bleiben. Mit eigenen Gedanken und Gefühlen, die sich nicht einfach so beherrschen und kontrollieren lassen.

Coincidence Engines ist eine von acht Arbeiten, die aus über 1500 Bewerbungen für den Transmediale Award nominiert sind, der mit 8000 Euro dotiert ist.

Die Transmediale: Eine Bühne der Avantgarde

Die jährlich in Berlin stattfindende Transmediale ist neben der Ars Electronica im österreichischen Linz eines der ältesten und größten Medienkunstfestivals Europas. Gegründet wurde das Festival 1988 im Umfeld der Berlinale, um der digitalen Avantgarde und Videokünstlern eine Bühne zu bieten, die bis dato kaum eine Chance hatten, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Schnell ist daraus auch ein Podium entstanden, so jedenfalls der Anspruch, das sich kritisch mit der Rolle der digitalen Technologie in unserer heutigen Gesellschaft auseinandersetzen will. Dabei soll es auch immer wieder darum gehen, utopische Visionen entstehen zu lassen.

Installation von Yvonne Mattern

Yvonne Mattern beglückt Berlin mit Brücken aus Laser

Futurity now!

Dieses Jahr zeigen über 180 internationale Medienkünstler und Wissenschaftler aus 30 Ländern vergangene und gegenwärtige Vorstellungen von Zukunftsvisionen. Dazu erwarten die Besucher mehr als 50 Filme, zehn Performances, Ausstellungen und eine Konferenz im Haus der Kulturen der Welt, der früheren Kongresshalle an der Spree.

Die mittlerweile schon 23. Transmediale, steht unter dem Stichwort Futurity now! Zukünftigkeit. Ein Wort, das es so im Deutschen gar nicht gibt. "Wir brauchen eine grundsätzlich andere Idee, ein anderes Konzept, was Zukunft sein kann." So erklärt Stephen Kovats, der künstlerische Leiter der Transmediale den etwas gestelzten Begriff.

"Es geht nicht um das nächste Markengerät, das nächstbeste Gadget, wir müssen unsere strukturellen gesellschaftlichen Zusammenhänge in ein anderes Licht stellen", betont der Deutschkanadier. Es geht, wenn man so will, um nachhaltige Zukunftsprojekte. Und die kann man nur schaffen, behauptet Stephen Kovats, wenn man sich an den vergangenen Zukunftsvisionen abarbeitet. Also den Blick rückwärts richtet. Eines der Hauptthemen sind die gescheiterten Utopien der Moderne, wie beispielsweise der Städtebau der früheren DDR. Gerade die Plattenbauten der DDR, die auf der Vorliebe der Bauhäusler für industrielle Produktionsformen basieren, wurden in der DDR mit aller Gründlichkeit realisiert. Heute sind es nur noch Ruinen.

Die Festivalarchitektur

In diesem Sinne ist auch das expressionistisch anmutende Raumschiff gedacht, das die Wohnsoziologen des Berliner Architekturbüros Raumlabor in den Veranstaltungsort der Transmediale, das Haus der Kulturen der Welt, gestellt haben. Es besteht aus über 300 grauen Pressholz-Türen, die aus den abgerissenen Plattenbauten von Halle-Neustadt stammen. Eine Stadt, die 1964 als Utopie des modernen Städtebaus gegründet wurde. Und jetzt nur noch als vage Erinnerung existiert. Die grundsätzliche Frage, der sich die Raumlaboristen stellen: Welche Formen des Wohnungsbaus aus der Vergangenheit, damit auch der Stadtgestaltung, sind zukunftsfähig. Eine Antwort haben sie nicht parat, soviel kann an dieser Stelle verraten werden.

Global Rainbow

Ein Highlight der Transmediale ist die Laserinstallation der New Yorkerin Yvette Mattern. Sie hat sich darauf spezialisiert, Brücken zu bauen. Das macht sie aus regenbogenfarbenen Lasern, die sie wie einen großen leuchtenden Bogen mitten über das winterlich graue Berlin spannt, der im Schneetreiben wie ein Diamant prächtig glitzert. Global Rainbow nennt sie ihre Arbeit.

Es soll "eine utopisch positive Geste von Zusammensein" sein, "die uns dazu bringen soll, über unser gemeinsames Leben auf unserem Planeten nachzudenken." Weil das so unglaublich naiv, banal und beinahe lapidar klingt, muss man sich fragen, ob das wirklich passiert, wenn man in einen künstlichen Regenbogen schaut. Was man mit Sicherheit sagen kann: Er sieht sehr schön aus. Wie er sich von West nach Ost, vom Haus der Kulturen der Welt bis hin zum Fernsehturm am Alexanderplatz, quer über den damaligen Todesstreifen spannt.

Paparazzi Bots von Ken Rinaldo

Achtung Knipse: Die "Paparazzi Bots" verfolgen automatisch lebende Objekte

Die Transmediale 2010: Ein Festival mit Biogütesiegel

Letztendlich muss gesagt werden, dass es fast schon ein wenig erschreckend ist, wie wenig Avantgarde, wie wenig Neues, Innovatives oder Irritierendes auf der Transmediale 2010 zu sehen ist. Eine Ausnahme sind mit Sicherheit die "Paparazzi Bots" des US-Amerikaners Ken Rinaldo. Seine rollenden, auf einem Stativ befestigten Spezialkameras, verfolgen automatisch lebendige Motive. Stellen diese scharf und lösen ein Blitzlichtgewitter aus. Das Ergebnis landet direkt im Internet. Doch das war es schon, was etwas verstörend ist. Alles andere ist behäbig bis langweilig.

Man beschäftigt sich nur mit oberflächlichen Dingen, schaut wie in einem Soziologie-Proseminar auf die vergangene Welt und sieht einfach nicht den Sprengstoff, den die digitalen Technologien beinhalten. Letztendlich wird so aus dem einst hippen Avantgarde-Zukunftsfestival, ein politisch mahnendes und eher nachdenkliches Technologiefestival. Verpackt mit einer Art Biogütesiegel. Und immer politisch korrekt.

Autor: Christoph Richter

Redaktion: Manfred Götzke