Transmediale Berlin: die vielen Gesichter der Chelsea Manning | Kunst | DW | 01.02.2018
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Kunst

Transmediale Berlin: die vielen Gesichter der Chelsea Manning

Mit ihrer Installation "Probably Chelsea" zeigt die Künstlerin Heather Dewey-Hagborg mögliche Ansichten der Whistleblowerin - und bringt damit Identitätskategorien zum Einsturz.

Den ersten Kontakt mit Chelsea Manning hatte die US-amerikanische Künstlerin Heather Dewey-Hagborg 2015, damals saß Chelsea noch im Gefängnis. 35 Jahre Haft lautete das Urteil für die Whistleblowerin, weil sie während ihrer Zeit beim US-Militär im IT-Bereich im Irak geheime Informationen weitergegeben haben soll. Aber noch bevor sich die beiden Frauen Textnachrichten schickten, Briefe schrieben oder miteinander redeten, erhielt Dewey-Hagborg Haare und andere DNA-Proben von Manning, die diese aus dem Gefängnis schmuggelte. 

Dewey-Hagborg arbeitete mehrere Jahre im Bereich der Gesichtserkennung und wusste, wie man DNA-basierte Bilder erstellte. So beauftragte man sie, ein Bild von Chelsea Manning zu erstellen, nachdem es seit ihrer Geschlechtsumwandlung ab 2013 - vor Gericht stand Manning noch als Bradley Manning - keines mehr gab.

Bild ohne Vorbild

Das war der Beginn eines Kunstprojekts, das im Zentrum des diesjährigen Digitalfestivals Transmediale im Haus der Kulturen der Welt steht. Das jährlich stattfindende Festival befasst sich mit den Zusammenhängen von Kunst, Kultur und Technologie und präsentiert jedes Jahr diverse Projekte zu einem speziellen Themenschwerpunkt. 

Für die Ausstellung "A Becoming Resemblance" haben Dewey-Hagborg und Manning die Installation "Probably Chelsea" erschaffen, die aus 30 in 3D gedruckten Masken besteht. Die Künstlerin beschreibt das Kunstobjekt als ein Muster "möglicher Porträts", das anhand von Mannings DNA-Proben entstanden ist. Auf verschiedenen fundamentalen Ebenen soll es ihr Subjekt befreien.

Blick auf die Installation Probably Chelsea. (Paula Abreu Pita, courtesy the artists and Fridman Gallery, New York)

Wie stark determiniert uns die DNA? Die Installation "Probably Chelsea" wirft Fragen nach der Identität auf

"Das erste Mal sprach ich zu Manning 2015 - indem ich ihre DNA las", erklärt Dewey-Hagborg im Gespräch mit der DW. Kontaktiert wurde die Künstlerin zunächst vom New Yorker "Paper Magazine", für das Künstler und Aktivisten die Insassin via Email interviewt hatte. Darunter auch Jacob Appelbaum, der, wie Manning, ebenfalls mit Wikileaks zusammenarbeitete. Dewey-Hagborg sollte das Bild dazu liefern. 

Warum das alles? Keiner hatte Manning, die damals in einem reinen Männer-Militärgefängnis einsaß und strenge Besuchsregeln auferlegt bekommen hatte, mehr vor Augen. Aber nachdem Dewey-Hagborg bereits Haare und Wangen-Abstriche von Manning erhalten hatte, konnte sie mit ihrer Arbeit an einem DNA-basierten Manning-Bild beginnen. Sie griff dabei auf dieselbe Methode zurück, die sie bereits für ihre umstrittene Porträtserie "Stranger Visions" 2012 eingesetzt hatte: Zigarettenstummel, Kaugummis oder Nagelteilchen, die sie auf der Straße, öffentlichen Toiletten und in Wartezimmern fand, dienten ihr damals als Grundlage, Gesichter von diesen Menschen zu entwerfen. Denn Dewey-Hagborg wusste, wie sie DNA von den unfreiwillig hinterlassenen Spuren extrahieren konnte. "Die genetische Verletzlichkeit des Körpers und die Tatsache, dass wir ununterbrochen genetische Spuren hinterlassen", sollten damit sichtbar werden.

Nahe der Installation Probably Chelsea mit Gesicht. (Paula Abreu Pita, courtesy the artists and Fridman Gallery, New York)

Dewey-Hagborg Installation zeigt lediglich einen kleinen Ausschnitt möglicher DNA-basierter Gesichtsausprägungen

 Ein zweischneidiges Schwert

2014, zwei Jahre nach dem Beginn von "Stranger Visions", wandte eine Firma in den USA die gleiche Methode wie Dewey-Hagborg an und belieferte die Polizei mit DNA-basierten Bildern. Von nun an sah Dewey-Hagborg das Verfahren kritischer, verdeutlichte die Praxis der Firma doch die Grenzen und Nachteile ihrer Technik, wie zum Beispiel eine Tendenz zum "Racial Profiling".

Als Dewey-Hagborg ihr eigenes Tun zu hinterfragen begann, fiel ihr auch wieder Manning ein, die zu Beginn die Sorge hatte, in den Medien zu maskulin zu erscheinen. Dewey-Hagborg realisierte hierbei, dass sie Manning mit ihrer DNA-basierten Porträtmethode in den Medien das Gesicht geben konnte, das ihr ansonsten verwehrt bleiben würde.

Damit brachten Manning und Dewey-Hagborg bestehende Identitätskategorien zum Einstürzen und stellten sich "der Stereotypisierung, die dieser Methode innewohnt" entgegen.

Ursprünglich arbeiteten sie zusammen, um zwei digital erzeugte Porträts zu erstellen - das eine weiblich, das andere genderneutral, wobei das geschlechtsspezifizierende Parameter vom Prozess der DNA-basierten Bilderzeugung ausgeschlossen wurde.

Totale der Installation Probably Chelsea. (Paula Abreu Pita, courtesy the artists and Fridman Gallery, New York)

Weder Herkunft noch Geschlecht lassen die aus Mannings DNA entstandenen Gesichter erkennen

Am Ende stellt das Kunstwerk "Probably Chelsea" eine ganze Bandbreite möglicher Ausprägungen von Mannings DNA dar. Die Gesichter unterscheiden sich in ihrer Physiologie, sind ausnahmslos keinem bestimmten Geschlecht zuzuordnen und scheinen Menschen verschiedenster Herkunft zu repräsentieren. 

Hellseherischer Comic

Mit ihrem Projekt treffen Dewey-Hagborg und Manning genau das Motto der diesjährigen Transmediale, "Face Value", die die derzeitigen Wertvorstellungen offenlegen will, "die zu den politischen, ökonomischen und kulturellen Gräben unserer Zeit beigetragen haben". 

Neben ihren DNA-basierten Gesichtern haben Dewey-Hagborg und Manning mit der Illustratorin Shoili Kanungo an einem weiteren Projekt gearbeitet, das ebenfalls Teil der Ausstellung "A Becoming Resemblance" ist. In dem Comic "Suppressed Images" erlässt der damalige US-Präsident Barack Obama Manning die Haftstrafe, etwas, das zu dem Zeitpunkt undenkbar schien. Doch nur wenige Stunden nach Erscheinen des Comics begnadigte Obama die Whistleblowerin auch in der Realität, sodass Chelsea Manning am 17. Mai 2017 freikam. 

Der Tweet, den Manning danach absetzte, wurde tausendfach geliked und geteilt und Manning wurde spätestens ab diesem Zeitpunkt zur Ikone für freie Rede, soziale und Gendergerechtigkeit.

Zu ihrem Kunstwerk "Probably Chelsea" sagt Heather Dewey-Hagborg, dass sich alle in den vielen verschiedenen möglichen Ausprägungen von Mannings DNA wiedererkennen könnten. "Sie betonen nicht die Unterschiede zwischen Menschen, sondern bringen zum Vorschein, was wir alle gemeinsam haben".

"A Becoming Resemblance" ist vom 1. bis zum 4. Februar bei der Transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen.

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