1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Transformator Süßsauer

China ist für Hollywood überlebensnotwendig geworden, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Für Hollywood ist derzeit Hochsaison. Zwischen Mai und August spielen die dortigen Studios traditionell die Hälfte ihrer jährlichen Erlöse ein. Und schon jetzt sind ihre Manager unter Druck. Die Einnahmen an den Kinokassen sind viel geringer als erhofft. Zumindest in den USA und Europa. Ganz anders in China, wo für die Menschen das Kinoerlebnis noch neu ist.

Das boomende Land ist nicht mehr nur das Mekka zum Beispiel der Autoindustrie, sondern wird nun auch das gelobte Land der Hollywood Studios. Der vor zwei Wochen angelaufene vierte Teil der Roboter-Saga Transformers ist dank der Chinesen schon jetzt der erfolgreichste Hollywoodfilm aller Zeiten. Über 300 Millionen US-Dollar hat er innerhalb eines Monats in China eingespielt – allein 90 Millionen am Startwochenende.

Verdoppelung der Kinos

Im ersten Halbjahr 2014 hat der chinesische Filmmarkt 2,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt, ein Anstieg von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solche Zahlen sind längst passé im Westen. Und das ist erst der Anfang: Während im Westen Kinos schließen müssen, entwickelt die Kinolandschaft im Reich der Mitte sich erst noch. Immer mehr Multiplexe werden eröffnet. Vor allem im Hinterland sollen in den kommenden Jahren zu den 20.000 bestehenden Kinosälen noch einmal so viele hinzukommen.

Doch Hollywood wird in China nicht mit offenen Armen empfangen. Die staatliche Filmbehörde beschränkt die Anzahl ausländischer Filme die gezeigt werden. Pro Jahr dürfen nur 34 ausländische Produktionen in China auf die Leinwand. Und die Einnahmen dürfen wiederum nur zu einem kleinen Anteil ins Ausland fließen. Ausländische Produktionen können höchstens ein Viertel der Erlöse behalten, die die chinesischen Kinobesucher an der Kasse lassen. In allen anderen Ländern ist es doppelt so viel.

Film als softpower Instrument

Peking weiß also inzwischen auch wie wichtig China für Hollywood ist und kann sich diese hohen Forderungen offensichtlich leisten. Die Schlange der westlichen Anbieter ist weiterhin lang genug. Die Hollywoodbarrieren gelten allerdings nicht nur aus merkantilen Gründen, sondern auch aus kulturellen. Die einheimische Filmindustrie soll nicht von Hollywood erdrückt werden. Im Gegenteil: Von der Hollywood softpower fasziniert träumt Peking davon, dem mittelfristig etwas Eigenes entgegenzusetzen. Nach Hollywood und dem indischen Bollywood, dann Chillywood. In der ostchinesischen Küstenstadt Qingdao entstehen gerade die größten Filmstudios der Welt.

Währenddessen ist China für Hollywood so wichtig, dass die Studios fast klaglos strenge Zensurregeln über sich ergehen lassen.

Beim dem im vergangenen Jahr angelaufenen Film „Cloud Atlas“ blieben, nachdem die Zensoren mit ihm fertig waren, von 170 Minuten nur noch 130 übrig – was es nicht gerade leichter machte, der ohnehin schon komplexen Story folgen zu können.

Um die Hürden von Quote bis Zensur zu umgehen, kooperieren ausländische Produzenten immer häufiger mit den chinesischen Filmfirmen. Nicht nur Transformers 4 sondern auch Iron Man 3 wurden mit chinesischen Partnern gedreht.

Für diese Filme gilt die Quote nicht, die Zensurbehörden sind entspannter und ein höherer Anteil der Erlöse darf ins Ausland fließen.

Mitsprache gegen Marktzugang

Andererseits haben die Chinesen mehr Mitspracherecht. Dazu gehört Schleichwerbung für chinesische Produkte, chinesische Drehorte, aber auch die Besetzung mindestens einer zentralen Rolle mit einem chinesischen Star. Auf all dies musste sich US-Regisseur Michael Bay bei der vierten Folge von Transformers eingelassen. Zur Hälfte spielt der Film in China, eine international bekannte chinesische Schauspielerin hat eine Rolle bekommen und er macht Schleichwerbung unter anderem für chinesisches „C'est Bon Wasser“ und Shuhua Milch. Und das SUV GS5 des südchinesischen Herstellers Guangzhou Automobile Group, das im Film umherfährt, soll nun sogar in die USA exportiert werden.

Die Zuschauer nehmen es gelassen. Der Hongkonger Polizist, der plötzlich sagt: „Jetzt müssen wir die Zentralregierung anrufen“, bekommt angesichts der Debatte, wie abhängig Hongkong von Peking ist, ebenso einen Lacher, wie der mit einem Emmy ausgezeichnete amerikanische Schauspieler Stanley Tucci, der an einem süßen chinesischen Soya Milchdrink nuckeln musste.

Einstweilen also eine Win-Win Situation, könnte man meinen. Doch die Chongqing Wulong Karst Tourism Group Co., in deren Park ein Teil des Filmes gedreht wurde, hat kürzlich den amerikanischen Produzenten Paramount verklagt. Die Chinesen wollen knapp 3 Millionen Dollar Schadensersatz, weil sie nicht deutlich genug erwähnt wurden. Mal sehen, wer gewinnt.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking