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Politik

Transeuropäischer Zugverkehr – langsam, aber lustig

In Europa entstehen derzeit viele Strecken für ultraschnelle Züge. Zwischen den Metropolen soll man in wenigen Stunden reisen können. Bisher ist man selten schnell unterwegs, manchmal ist es aber wenigstens amüsant.

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Im Moment fährt hier eher eine Hochgeschwindigkeitsschnecke, aber im nächsten Jahr soll alles besser werden, versprechen deutsche Bahn und belgische SNCB sowie die französisch-belgisch-deutsche Eisenbahngesellschaft Thalys. Neulich war es mal wieder soweit: Der hypermoderne Intercity-Express III der Bahn hatte in Köln einen Triebkopfschaden. Lok war gestern. Das heißt jetzt Triebkopf. Der Computer im Führerstand quäkte immer nur: "Störung, Störung, Störung!" Ein neuer Zug musste her. Einfach die Lokomotive auszutauschen ist nicht mehr möglich. Denn die Hochgeschwindigkeitszüge der Bahn kann man nicht mehr auseinanderkuppeln. Und die Lok ist überall, denn diverse Achsen entlang des ganzen Zuges sind angetrieben, erläuterte ein freundlicher Service-Mitarbeiter am Bahnsteig. Also eine Stunde warten auf den Ersatzzug.

"Sekt für alle"

Nach der Ankunft des neuen weißen eleganten Superzuges dauerte es noch einmal 23 Minuten bis zur Abfahrt, weil sich das blau unformierte, vier Sprachen beherrschende Zugbegleiterpersonal nicht einigen konnte, ob die Fahrgäste nach Brüssel einsteigen sollten oder ob der Zug nicht doch nach Amsterdam fahren könnte. Dann aber wurden die schon etwas säuerlichen Hochgeschwindigkeitskunden von der ungewohnten Fröhlichkeit und Freundlichkeit des Schaffners (bahndeutsch: Zugchefs) überrascht. Über die Bordlautsprecher verkündete er, dass wegen der Verspätung alle Getränke im Bord-Bistro umsonst seien. "Alles aufs Haus! Sekt für alle!" Außerdem gab es noch eine weitschweifige Entschuldigung und einen Entschädigungsgutschein, gemäß den EU-Richtlinien für grenzüberschreitenden Bahnverkehr. Na also! Mit dem Glas in der Hand verging die Zeit im Bistro wie im Fluge. Der Zugschef persönlich gesellte sich zum Plausch zu den Fahrgästen.

Kaum einer bemerkte, dass die Landschaft nicht am Fenster vorbei flog, sondern der Hochgeschwindigkeitszug schon wieder auf Bimmelbahnniveau abbremste und schließlich ganz zum Stehen kam. Noch einmal 15 Minuten Warten an einer Baustelle an der pfeilgeraden Trasse für die Hochgeschwindigkeit, die im kommenden Jahr an dieser Stelle 250 Stundenkilometer betragen soll. Da hat man doch Verständnis. Vor allem, weil der Zugchef schon die nächste Runde ausgab und jedem seinen Anschlussfahrplan mit blumigen Worten ausrechnete.

Als der ICE dann endlich in Brüssel mit knapp zwei Stunden Verspätung einlief, hatte sich die sonst übliche Fahrzeit für die 200 Kilometer lange Strecke verdoppelt. Trotzdem waren die Fahrgäste heiter und gelöst, ob der persönlichen und zuvorkommenden Betreuung. Nicht hochgeschwind, dafür hochfreundlich. Und nächstes Jahr wird ja sowieso alles besser: Dann soll der Zug nach Europas Hauptstadt nur noch schlappe 90 Minuten brauchen - wenn er funktioniert und nicht gerade gebaut wird.