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Sport

Training unter Strom

Fitnesstraining aus der Steckdose – was bei Astronauten und Profisportlern schon zum Alltag gehört, kann auch jeder Amateursportler ausprobieren. Mit einer Stromweste werden perfekte Trainingseffekte erzielt.

Ein Mann probiert die Stromweste aus, ein Personal-Trainer macht Übungen vor (Foto: Bodystreet)

Ein kleines Fitnessstudio mitten in Köln. Maximal zwei Leute können hier gleichzeitig trainieren und werden individuell betreut. Statt vieler Geräte, Laufbänder oder Hantelbänken stehen nur zwei Ständer mit Griffen, Drehknöpfen und Displays im Raum. Über die spezielle, eng anliegende Trainingskleidung zieht man eine Stromweste mit zahlreichen Kabeln. Geschäftsführerin Antje Ellerbrock zupft die vielen Schnallen an der Weste und zusätzlich noch Arm-, Hüft- und Beingurte zurecht, schließt alles an den Ständer an und los geht's. "Jetzt stellen wir die einzelnen Muskelgruppen ein", kündigt sie an. "Das heißt, wir bestimmen den elektrischen Impuls, der auf die einzelnen Muskelgruppen wirkt." Dabei fließt niederfrequenter Reizstrom, der ungefährlich ist. In den vier Sekunden, die ein elektrischer Impuls dauert, kann man seine Intensität festlegen. "Wenn ich alles eingestellt habe, machen wir Übungen." Klingt fast wie eine Drohung.

Kribbeln wie bei einer Wassermassagedrüse

Während der Ausgangsposition, in der möglichst alle Muskeln in eine Vorspannung gebracht werden, kann man die Intensität der einzelnen, ungefährlichen Stromimpulse festlegen. Es kribbelt, als würde ein eingeschlafener Muskel wieder aufwachen. Nur nicht so unangenehm. Oder als stünde man direkt neben einer starken Wassermassagedrüse. Die in die Weste eingenähten Elektroden hat die Personal-Trainerin vorher befeuchtet, damit die Impulse perfekt auf die Hauptmuskelgruppen übertragen werden. Die Weste fühlt sich erst kalt und nass an. Doch schon nach den ersten paar Übungen wird es einem ganz schön warm. Denn das Training wirkt sofort. "Man kann nicht mehr schummeln", erklärt Antje Ellerbrock lächelnd. "Der elektrische Impuls reizt den Muskel in jedem Fall." Die Muskeln werden durch den Strom verstärkt kontrahiert, also zusammengezogen, und dadurch aufgebaut.

Eine Frau beim EMS-Training mit Personal Trainer (Foto: Bodystreet)

Jedes EMS-Training wird betreut und geleitet

Genauso funktioniert Muskelarbeit auch im Normalfall, erklärt Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Leiter des Institutes für Kraftdiagnostik und Bewegungsforschung hat einige Studien zum Elektro-Myo-Stimulations-Training (EMS-Training) durchgeführt – sowohl mit Spitzensportlern als auch mit Herzkranken. Denn für Kleinöder ist das Stromtraining auch eine geeignete Therapiemöglichkeit. "Dieser Reiz geht in die Tiefe. Das heißt, dass man ganz gezielt die tiefe Rücken- und Bauchmuskulatur ansteuern kann, wo ja häufig in unserer Zeit Probleme liegen." So ist dieses Spezialtraining zum Beispiel auch für Mütter geeignet, als Beckenbodentraining.

EMS-Training erreicht fast alle Muskeln gleichzeitig

Mit der EMS-Methode werden vor allem tiefer liegende Muskeln und viele kleine Muskeln erreicht, was beim herkömmlichen Training so nicht möglich war. Rund 90 Prozent des gesamten Muskelapparates werden gleichzeitig trainiert – man kann individuell einstellen, welche Muskelgruppen man stärker ansprechen möchte. Bei den wissenschaftlichen Studien ließen sich Kraftzuwächse beobachten und auch Zuwächse hinsichtlich der Bewegungsgeschwindigkeit. Das ist vor allem für Leistungssportler interessant. Allerdings eignet sich das Training auch bestens für den Alltag. "Allerdings muss man wissen, dass dieses Training sehr intensiv ist, weil es das normale Muskelkontraktionsgeschehen verstärkt, also die Arbeit der Muskulatur deutlich intensiviert wird", warnt Kleinöder. Zu lang und zu intensiv darf das Training also nicht sein.

Effektives Ganzkörpertraining

Selbst im Liegen kann man trainieren, effizienter ist die moderne Trainingsform allerdings mit einer dynamischen Variante: Der Sportler führt eine Übung aus, in der er bewusst seine Muskeln anspannt. Der elektrische Impuls erhöht den Trainingseffekt. Und das merkt man spätestens nach einer Viertelstunde. Bei dem Ganzkörpertraining kommt man nämlich ziemlich schnell ins Schwitzen. Ob es schon was gebracht hat? Trainingserfolge stellen sich schnell ein, versichert Antje Ellerbrock. "Unsere Mitglieder teilen uns oft mit, dass sie nach zwei bis drei Trainingseinheiten ein besseres Körpergefühl haben, aufrechter gehen und dass sie ihren Körper besser spüren." Spätestens nach sechs bis sieben Trainingseinheiten spüre man eine Straffung der Arme oder des Gesäßes. Zudem falle zum Beispiel das Treppensteigen leichter. Eine Trainingseinheit gibt es im Rahmen eines Jahresabonnements bereits ab 20 Euro.

Wer dieses Training noch mit einer gesunden Ernähung und einem regelmäßigen Herz-Kreislauftraining wie joggen oder schwimmen kombiniert, erzielt perfekte Ergebnisse auch bei der Gewichtsabnahme. Doch auch das "pure" EMS-Training genügt, bestätigt Wissenschaftler Kleinöder: "Jeder Amateursportler wird schnell Erfolge sehen, wenn er regelmäßig trainiert." Denn der Muskel reagiert. Ganz egal, auf welche Weise er gereizt wird. 

Autorin: Olivia Fritz
Redaktion: Arnulf Boettcher

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