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Traditionsklub von Kühnes Gnaden

Peter Sawicki22. August 2016

Nach drei Jahren Abstiegskampf sehnt der HSV ruhigere Zeiten herbei. Der Kader wurde dank der Millionen von Investor Klaus-Michael Kühne verstärkt - es gibt aber auch Skepsis hinsichtlich seiner Rolle im Verein.

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Bild: picture-alliance/dpa/A. Heimken

Im Herzen des Hamburger Wohlstandsviertels HafenCity südlich der Speicherstadt bietet ein zwölfgeschossiges Glashochhaus einen Panoramablick über weite Teile der Hansestadt. In dieser exklusiven Gegend lässt Logistikmagnat Klaus-Michael Kühne in erster Linie das Gros der Deutschlandgeschäfte seines Logistikunternehmens koordinieren. Es gibt nicht wenige die behaupten, dass von dort aus aber ebenso über das Schicksal des gut zehn Kilometer weiter nordwestlich beheimateten Hamburger Sportvereins verfügt wird.

Zwar wird HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer nicht müde zu betonen, dass der Klub wichtige Entscheidungen allein trifft, etwa in Sachen Spielertransfers. Dennoch scheint klar, dass der Traditionsverein ohne die Hilfe Kühnes längst nicht mehr in der obersten Spielklasse vertreten wäre. Der 79-Jährige, mit geschätzten zwölf Milliarden US-Dollar Privatvermögen einer der zehn reichsten Deutschen und HSV-Edelfan, hat dem Verein seit 2010 mit Darlehen von etwa 70 Millionen Euro unter die Arme gegriffen. "Der HSV hätte doch gar keine Lizenz mehr ohne ihn", gab beispielsweise Bayer Leverkusens Ex-Manager und Kühne-Vertrauter Reiner Calmund in einem "ZEIT"-Interview zum Besten.

Bruno Labbadia vor einem Bundesligaspiel im Volksparkstadion (Copyright: Lukas Schulze/dpa)
Von Trainer Bruno Labbadia werden klare sportlichen Fortschritte erwartetBild: picture alliance/dpa/L. Schulze

Finanziell hätten Verpflichtungen von prominenten Topverdienern wie Rafael van der Vaart, Heiko Westermann oder Paolo Guerrero ohne die Kühne-Millionen kaum realisiert werden können. Sportliche Erfolge hielten sich zuletzt dennoch in mehr als überschaubaren Grenzen. Seit der Saison 2008/2009, als der Einzug in die UEFA Europa League gelang, fand sich Hamburg schrittweise in immer bedrohlicheren Gefilden der Tabelle wieder. In zwei der vergangenen drei Spielzeiten konnte dem erstmaligen Abstieg erst in der Relegation entgangen werden - was weniger mit der eigenen Qualität zu tun hatte, sondern vielmehr einer Mixtur aus günstigen Schiedsrichterentscheidungen und mangelhafter Abschlussstärke der gegnerischen Angreifer zu verdanken war.

Jahrelang sportliches Mittelmaß, auf Pump finanziert

Das Dasein im sportlichen Prekariat ging in Hamburg jedoch nicht mit finanzieller Bescheidenheit einher. Vielmehr gönnte sich der Verein in den vergangenen Jahren - trotz fehlender Einnahmen aus dem Europacup - weiterhin einen üppigen Kaderetat, der zumeist jenseits von 40 Millionen Euro lag. Dies und weitere Belastungen, wie das Abbezahlen des 2000 beendeten Stadionumbaus, haben einen Schuldenberg von mehr als 90 Millionen Euro entstehen lassen. "Der HSV ist sportlich wie finanziell ein Sanierungsfall", erklärte Finanzvorstand Frank Wettstein gegenüber dem Magazin "Finance" deshalb unverblümt.

HSV Fans zeigen im Fan-Block den Banner mit der Aufschrift: "Liebe kennt keine Liga" (Foto: picture alliance/augenklick/J. Fromme)
Die in den letzten Jahren leidgeprüften HSV-Fans würden gerne endlich mal mit anderen Bannern ins Stadion kommenBild: picture alliance/augenklick/J. Fromme

Seit der Umwandlung der Profiabteilung in die Aktiengesellschaft "HSV Fußball AG" im Sommer 2014 sind zumindest die Rahmenbedingungen für eine stabilere finanzielle Ausstattung förderlicher geworden, nicht zuletzt dank Klaus-Michael Kühne. Dieser besitzt mittlerweile elf Prozent der Anteile an der AG und ist somit wichtigster Investor des Vereins. Ende der vergangenen Saison verkündete der HSV zudem einen neuen Deal mit Kühne: Die "Rahmenvereinbarung zur Qualitätssteigerung" sieht vor, dass Kühne eine Millionensumme in beliebiger Höhe als Darlehen für Spielertransfers zur Verfügung stellen kann. Zurückzahlen muss der HSV das Geld nur, sofern die Investition zur Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb beiträgt.

Vetorecht für Kühne bei Transferfragen

Jedoch hat sich der Investor eine Art Vetorecht bei potentiellen Transfers zugestehen lassen: Zwar schlägt der Verein vor, welche Spieler als Neuzugänge in Frage kommen, aber am Ende, gibt Boss Dietmar Beiersdorfer zu, entscheidet Kühne, "ob er das Paket für einen Spieler freigibt". Der HSV ist bei der Zusammenstellung seines Kaders also auf das Wohlwollen seines prominenten Fans angewiesen - was Beiersdorfers Aussage hinsichtlich der Handlungsfreiheit des Vereins deutlich relativiert. Über die Konstellation ist nicht jeder in Hamburg glücklich. Auf der diesjährigen Mitgliederversammlung sah sich Beiersdorfer dem Vorwurf ausgesetzt, die AG sei "abhängig" von Kühne und betreibe seit Jahren "Geldverbrennung", ohne greifbare sportliche Fortschritte zu erzielen.

Diese sollen in dieser Saison endlich sichtbar werden. Trainer Bruno Labbadia, der zwölfte Spielleiter der Hamburger seit April 2010, steht ein erneuerter Kader zur Verfügung. In die Jahre gekommene Spieler wie Gojko Kacar, Ivo Ilicevic und Jaroslav Drobny wurden von der Gehaltsliste gestrichen. Für mehr als 25 Millionen Euro sind - den Kühne-Reserven sei dank - hingegen einige begabte Spieler hinzugekommen. Der dribbelstarke Serbe Filip Kostic (23, verpflichtet von Absteiger VfB Stuttgart) sowie das kroatische Spielmacher-Talent Alen Halilovic (20, FC Barcelona) sollen dem HSV zu neuer spielerischer Qualität im Mittelfeld verhelfen. US-Nationalstürmer Bobby Wood, bei Union Berlin vergangene Saison drittbester Zweitliga-Torjäger, verstärkt die Angriffsreihe.

Dietmar Beiersdorfer und Alen Halilovic (Copyright: Markus Scholz/dpa)
Von Spielmacher Alen Halilovic (r.) erhofft sich der HSV mehr Qualität im MittelfeldBild: picture-alliance/dpa/M.Scholz

Abwehrchef Johan Djourou schwärmte im "Kicker" bereits, dass ihn das neue HSV-Team "ein wenig" an seine "Zeit beim FC Arsenal" erinnere. Bis zu einem derartigen Niveau ist es für die Hamburger jedoch ein weiter Weg. Nach Platz zehn in der Vorsaison, in welcher der HSV erst auf der Zielgeraden den Klassenerhalt sichern konnte, dürfte die Mannschaft von Labbadia zumindest mit dem Abstiegskampf nun wenig zu tun haben. Doch der 50-Jährige weiß, dass speziell Investor Kühne von ihm rasche Fortschritte erwartet. "Der Mann hat so viel Geld in den Klub gesteckt. Ist doch klar, dass er wissen will, was damit passiert", sagte Kühnes Berater Reiner Calmund. Realistisch ist für die Norddeutschen eine Platzierung im oberen Mittelfeld der Tabelle. Ein zufriedenstellendes Resultat hängt aber auch davon ab, ob Kühne den Trainer in Ruhe arbeiten lässt - was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Und nicht zuletzt haben die letzten Jahre gezeigt, dass der HSV sportlich vor allem darin geübt war, negativ zu überraschen.