1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Traditionen begraben

Eine Provinz in China hat es den Menschen verboten, ihre Angehörigen traditionell zu begraben. Das lassen sich die Betroffenen nicht ohne Weiteres gefallen, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Mao hat in den 1950er Jahren bereits verlauten lassen, dass man sich künftig nach dem Tod besser verbrennen und nicht mehr traditionell beisetzen lassen soll, um wertvolles Ackerland zu bewahren und die öffentliche Hygiene zu verbessern. Mao hielt sich zwar selbst nicht an seinen Verbrennungsplan, aber Ackerland hat auch er geschont. Denn der Platz des Himmlischen Friedens in Peking (Artikelbild) war schon lange betoniert als er starb. Und nach wie vor kann man seinen balsamierten Leichnam in seinem Mausoleum am Tiananmen Platz besichtigen.

Doch seine eigene Inkonsequenz einmal beiseitegelassen: Der Große Vorsitzende hat schon vor über 60 Jahren ein Problem angesprochen, das erst heute richtig akut wird. Wer auf einer Zugfahrt durchs Land aus dem Fenster schaut erblickt sie immer wieder: Gräber inmitten von Feldern, auf denen Gemüse angebaut wird. Der Platz ist eben begrenzt und die raren Liegeplätze auf den Friedhöfen sind für viele Familien zu teuer.

Drückerkolonnen sammeln Särge ein

Ein Zustand, der jetzt die erste Provinz in China gegensteuern lässt: Seit dem 1. Juni ist es in Anhui (Zentralchina) verboten, die Körper von Angehörigen beizusetzen. Die Begründung lautet auch hier, dass man wertvolles Ackerland schützen wolle. Es gibt aber noch einen anderen Grund. Anfang des Jahres kam es beim jährlichen Frühlingsfest, dem chinesischen Neujahr, zu Dutzenden Waldbränden, weil Familienangehörige Papiergeld und -kleider für ihre Verstorbenen verbrannt haben. Das gab wohl Ärger von oben, denn im März überlegte sich die Lokalregierung einen neuen Plan, wie sie das künftig verhindern kann. Sie beließen es nicht bei dem bloßen Verbot, sondern schickten Drückerkolonnen los, um an Haustüren zu klopfen und dafür zu sorgen, dass die Bewohner sich dafür entscheiden nach dem Tod verbrannt zu werden. Und das bedeutet, sie müssen sich von ihren Särgen trennen, die sie sich schon zu Lebzeiten gekauft haben.

Immerhin ließen die Behörden den Betroffenen die Wahl: Entweder sie geben ihren Sarg freiwillig ab, oder aber er wird zu Hause zerstört – wobei er dann immerhin noch als Feuerholz verwendet werden kann. In manchen Fällen wurden 1000 Yuan (120 Euro) als Entschädigung für den Sarg angeboten, der meistens mehr als ein Jahresgehalt von 50.000 Yuan (6000 Euro) kostete. 46.000 Särge wurden bisher auf diesem Wege zerstört.

Selbstmord, bevor der Sarg weg ist

Inzwischen hat die drakonische Reform aber auch Menschenleben gekostet. Der ein oder andere alte Chinese, der Jahrzehnte für seinen Sarg gearbeitet und gespart hatte, nahm sich das Leben, um sich noch vor dem Stichtag offiziell begraben lassen zu können. Die Rede ist von mehreren Dutzend Selbstmorden. Die lokale Regierung bestreitet, dass die Selbstmorde mit der Reform in Verbindung stehen und beteuerte, dass Menschen, die zu starken Widerstand leisten, sich nach wie vor begraben lassen könnten – sie müssten nur tiefer graben, um das Ackerland nicht unbrauchbar zu machen.

All das sorgt bei den Menschen in der Region für Kopfschütteln. Doch immer wieder wird in Provinzen unüberlegt und rigoros durchgegriffen. Und immer öfter lassen die Menschen sich das nicht gefallen - bis nicht nur die chinesische, sondern auch die internationale Öffentlichkeit daran teilnimmt. In diesem Fall geht es um Jahrtausend alte Traditionen, die vom einen auf den anderen Tag nicht mehr gelten sollen. Immer wieder schlagen Provinzkader derart über die Stränge, dass selbst die Führung in Peking, den Kopf schüttelt: China wird wegen ein paar Gräbern mehr oder weniger nicht verhungern. Da gibt es ganz andere Probleme, die der Landwirtschaft Probleme bereiten. Zum Beispiel die Wasserknappheit.

DW-Korrespondent Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.