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Deutschland

Tradition Osterlachen: "Es ging auf der Kanzel derbe zu"

Lachen und Kirche - das klingt für viele erstmal nach einem Gegensatz. Dabei wurde früher Ostern in der Kirche fröhlich, ja sogar richtig obszön gefeiert. Theologin Gisela Matthiae erläutert im DW-Interview, warum.

Deutsche Welle: Frau Matthiae, Sie haben zum "Osterlachen" geforscht - was war das?

Gisela Matthiae: Das Osterlachen gab es bis ins 19. Jahrhundert. Es war der Brauch, am Ostersonntag in der Kirche aus Freude über die Auferstehung Jesu herzhaft zu lachen. Und zwar mit allen Mitteln, so dass es den ganzen Körper schüttelt. Da wurden nicht nur lustige Dinge erzählt, sondern auch Lügengeschichten oder Zoten. Man hat Tiere nachgemacht und sogar geschlechtliche Lust bis hin zum Onanieren dargestellt - auf der Kanzel! Es ging richtig derbe zu.

Was sollte das?

Ich verstehe das als Ausdruck vitaler Lebensfreude, die sich ganzheitlich gezeigt hat. Der Brauch war nicht unumstritten. Es wurde immer wieder versucht, das Osterlachen zu verbieten, und doch hat es sich lange gehalten.

Warum ist es denn letztendlich verstummt? Wer hat die Tradition abgeschafft?

Mit den Jahren wurden aus den Zoten Geschichten, sogenannte "Ostermärlein". Da gab es sogar ein Buch mit amtlicher Genehmigung mit Anweisungen für Pfarrer, denen nichts zu Ostern einfiel.

Dem Basler Reformator Johannes Oekolampad wurde aber zum Beispiel vorgeworfen, dass er zu Ostern nicht mehr bereit war,, die Menschen mit Geschichten zum Lachen anzustiften. Da gab es Protest, weil es die Leute ja gewohnt waren. Also glaube ich, dass die Reformation eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt hat, dass diese Witze erst immer sanfter wurden und bis zum 19. Jahrhundert ganz von den Kanzeln verschwanden.

So so, die Reformatoren also. War Martin Luther denn eine "Spaßbremse"?

Nein, Martin Luther hat in einer seiner Tischreden sogar einen wunderbaren Satz gesagt: "Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen." Dieser Ausspruch ist für mich so wichtig geworden, dass ich ihn als Titel für mein Buch gewählt habe, in dem ich versuche zu beschreiben, dass Humor und Glauben enger verwandt sind, als man denkt.

Ist ihrer Ansicht nach die Kirche heute zu humorlos geworden?

Die Kirche hat sich immer schon mit dem Lachen schwergetan. Es ist ja etwas Unkontrolliertes. Wenn man lacht, denkt man nicht mehr so viel. Und man tut es mit dem ganzen Körper. Das wurde in die Nähe von sündhaftem Verhalten gebracht. Und es hatte immer etwas von Verlachen, von Schadenfreude. Auch das passt natürlich nicht zu einem christlichen Selbstverständnis und zu einem Miteinander, das von Respekt und Nächstenliebe geprägt sein soll.

Sie haben die "Kirchenclownerie" ins Leben gerufen. Was darf man sich darunter vorstellen?

Gieals Matthiae, Foto: Pat Meise

Gisela Matthiae in ihrer Rolle als Kirchenclownin

Ich trete selbst als Clownin in der Kirche auf und habe auch bereits rund 150 Menschen zu Kirchenclowns ausgebildet, darunter viele Pastoren und Pastorinnen, Religionslehrer und Ehrenamtliche.

Wie reagieren denn die Gläubigen, wenn auf einmal ein Clown am Altar steht?

Sie lachen! Ich bin da aber auch nicht diejenige, die da im Talar die rote Nase aufsetzt, sondern ich komme in einer bestimmten Rolle in die Kirche, wie der schwäbischen Figur Frau Seyboldt. Klar mische ich dann den Gottesdienst ein bisschen auf, aber nicht mit der Absicht, etwas kaputtzumachen. Sondern mit der Absicht, Fragen zu stellen, die in den Köpfen der Menschen drin sind, aber nicht gestellt werden. Die Leute sagen mir, es ist eine Mischung aus Lachen und Nachdenklichkeit.

Frau Matthiae, vielen Dank und frohe Ostern!

Dr. Gisela Matthiae ist evangelische Theologin, Theaterpädagogin und Clownin. Sie ist Autorin des Buches "Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen. Mit Clownerie zur Glaubensfreude". Sie betreibt die Webseite www.kirchenclownerie.de.

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