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Asien

Tradionelles Theater trotzt dem Aufbruch in die Moderne

Im Wasserpuppentheater von Hanoi lebt eine jahrhundertealte vietnamesische Tradition weiter - und begeistert nach wie vor große und kleine Vietnamesen.

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„Herzlich willkommen zu unserer Vorstellung von ‚Die Seele des Lande’ – einer Kombination aus moderner Installationskunst und traditionellem Wasserpuppentheater“, tönt es aus den Lautsprechern. Das Erfolgsgeheimnis des Wasserpuppentheaters, so der Erzähler weiter, „liegt im harmonischen Zusammenspiel zwischen Wasserpuppen, Künstlern, Wasseroberfläche, Licht, Musik und Sound-Effekten.“

Es ist dunkel im Saal der Nationalen vietnamesischen Wasserpuppentheaters in Hanoi während die kurze Ansage läuft. Dann, ganz langsam, wird der Bühnenbereich in ein warmes rotes Licht getaucht. Die Bühne ist ein vielleicht 20 Quadratmeter großes Wasserbecken. Auf der Oberfläche schwimmen Seerosen. Zwei Frauen in traditioneller vietnamesischer Kleidung steigen ins knietiefe Wasser und beginnen, die Blumen zu pflücken. Aus den Lautsprechern im Zuschauerraum ertönt Musik.

Plötzlich erheben sich Wellen. Fische springen aus dem Wasser, peitschen mit ihren Flossen die vorher ruhige Wasseroberfläche auf. Fast könnte man meinen, es würde sich um echte Tiere handeln – so lebensecht erscheinen die Bewegungen. Tatsächlich aber sind die Fische aus Holz. Bewegt werden sie von Puppenspielern, die hinter einem Vorhang im Becken stehen. Die Figuren selbst sind auf drei bis vier Meter langen Stangen montiert. Und die befinden sich – für das Publikum unsichtbar - unter Wasser.

Weltweit einmaliges Spektakel

Ein Angler taucht im Becken auf. Mit einem Korb versucht er, Fische zu fangen. Auch er ist wie die Fische aus dem weichen und leichten Holz des Feigenbaums geschnitzt und mit wasserfesten Harzen und Lacken bunt überzogen. Nur wenige Kilogramm wiegen die bis zu einem Meter großen Figuren. Leicht genug, um ihnen im Wasser ein Eigenleben zu geben. Auch einzelne Gliedmassen sind beweglich – mit Hilfe von Seilzügen werden Arme und Beine gesteuert.

Vietnam Galerie 2

Vuong Duy Bien ist Direktor des Nationalen Wasserpuppentheaters – und stolz auf diese ganz spezielle Kunstform: „ Das Wasserpuppentheater sagt viel über vietnamesische Kultur und Geschichte aus, besonders über das Leben auf dem Land. Und es ist weltweit einmalig, denn Wasserpuppentheater gibt es nur in Vietnam.“

Das Nationale Wasserpuppentheater wurde 1954 eröffnet – unter dem damaligen Präsidenten Ho Chi Minh. Mehrere hunderttausend Gäste kommen heutzutage jedes Jahr und besuchen die Vorstellungen in Hanoi. Dabei hat Wasserpuppentheater eigentlich gar nichts mit der Hauptstadt zu tun: „Die Ursprünge gehen auf die vietnamesische Landbevölkerung zurück“, erkläutert Vuong Duy Bien. „Auf dem Land gab und gibt es unzählige Teiche, Seen und Kanäle. Und die Menschen leben vom Nassreis-Anbau. Wasser ist also das beherrschende Element in ihrem Leben.“

Geschichten aus dem Alltag

Diese Teiche oder Seen bildeten früher einmal die natürliche Bühne des Wasserpuppentheaters. Und auch thematisch geht es vor allem um das Leben auf dem Land. Dargestellt werden Alltags-Situationen wie eben der Fischfang oder die Arbeit mit einem Wasser-Büffel. Auch Tierszenen sind ein beliebtes Motiv – zum Beispiel Drachenkampf. Und das Ganze immer untermalt mit Musik.

In der modernen Inszenierung „Die Seele des Landes“ kommt diese Musik vom Band. Und neben den Holzpuppen sind auch Menschen in die Handlung mit einbezogen – anders als beim klassischen Wasserpuppentheater. Aber: auch das steht natürlich in Hanoi auf dem Spielplan. Täglich gibt es rein traditionelle Vorstellungen im Freien. Die Zuschauer sitzen dann im Halbkreis um das Becken herum. An einer Seite ist ein kleines Orchester. Die Musiker begleiten die Vorführung und leihen – genau wie die Puppenspieler hinter dem Vorhang - den Figuren ihre Stimmen.

Jahrhundertealte Tradition

Bis wohin genau die Wurzeln dieser Kunstform allerdings zurück gehen, das könne niemand sagen, erklärt Direktor Vuong Duy Bien. „Soweit wir wissen, gibt es Wasserpuppentheater in Vietnam schon seit fast 1000 Jahren. Auf einer Stele bei der Long Doi Pagode in der Provinz Ham Nah wurde eine Inschrift gefunden. Darauf steht, dass in der Zeit der Ly-Dynastie zu Ehren des Königs Wasserpuppentheater aufgeführt wurde. Das war im Jahr 1121.”

Diese Inschrift ist das früheste schriftliche Zeugnis – aber es wird vermutet, dass die Geschichte des Wasserpuppentheaters noch älter ist.

Dang Tó Sung trägt kniehohe Gummistiefel und eine Gummi-Latzhose. Sie gehört zum Ensemble des Nationalen Wasserpuppentheaters. Ein Beruf, den sie selbst als Berufung bezeichnet. Sung ist 49 Jahre alt und seit mittlerweile 30 Jahren dabei. Mit Begeisterung. Denn anders funktioniert es nicht, sagt sie: „Auch wenn es mein Job ist und ich schon lange auf der Buehne stehe – ich habe auch heute noch jedes Mal Herzklopfen und Lampenfieber, wenn die Musik einsetzt und es los geht.“

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