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Fußball

Trade: "Mein Vorbild ist die Bundesliga"

Ricardo Trade ist Brasiliens starker Mann der WM. Der Chef des WM-Organisationskomitees spricht im DW-Interview über Proteste während der WM, seine Vorbilder und Probleme beim Stadionbau.

DW: Senhor Trade, warum wird die WM in Brasilien besser als die in Deutschland 2006?

Ricardo Trade: Was die Organisation angeht, ist die WM in Deutschland für uns das Vorbild. Für die Stimmung orientiere ich mich an der Bundesliga und besonders am Westfalen-Stadion in Dortmund. Günstiger Eintritt, toller Service und ein grandioses Publikum. Das müssen wir kopieren, so stelle ich mir die idealen WM-Spiele in Brasilien vor. Aber wir können noch einen drauflegen, weil wir die bessere Party machen. Dafür sind wir Brasilianer die Spezialisten.

Wo liegen bei der Organisation momentan die größten Probleme?

Grundsätzlich haben wir überhaupt keine Probleme. Ich spreche lieber von Herausforderungen. Zum Beispiel müssen wir für die Nationalmannschaften Extra-Flugzeuge chartern damit sie die großen Distanzen zwischen den WM-Städten zurücklegen können. Momentan warten wir auf die Auslosung am 6. Dezember in Salvador weil erst danach klar ist, wer wo spielt und danach richten wir dann unsere Logistik. Das wird richtig komplex, denn nach den neuen FIFA-Statuten müssen wegen der Größe Brasiliens Teams jetzt schon 48 Stunden vor Spielbeginn am Spielort sein und nicht 24 Stunden, wie es vorher die Regel war.

Bis Ende Dezember sollen alle Stadien fertig sein. Einige der Arenen wie die Arena Patanal in Cuiabá sind erst zu knapp vier Fünfteln fertiggestellt. Wie wollen Sie das in knapp einem Monat schaffen?

Ich sage nicht, dass die Stadien Ende Dezember fertig sind, sondern das sind unsere Ingenieure und Fachleute, die das sagen. Und die halten am Fahrplan bis Ende Dezember fest. Im Januar sollen die ersten inoffiziellen Testmatches zwischen Bauarbeitern und ihren Freunden stattfinden. Da werden das Licht, die Sitze und das Dach getestet. Im Februar könnte dann schon ein lokales Meisterschaftsspiel ausgetragen werden. Und im April oder Mai machen wir dann die offiziellen Tests gemeinsam mit den WM-Städten.

Luftbild des Maracana-Stadions in Rio de Janeiro (Foto: dpa)

"Die Familien kommen zurück ins Maracana"

Die Stadien könnten am Ende drei Milliarden Euro kosten, ein Mehrfaches von dem, was angekündigt war. Haben Sie die Kontrolle über die Ausgaben verloren?

Wir haben sehr großes Vertrauen in die öffentlichen Kontrollinstanzen. Es ist nicht unsere Aufgabe, zu beurteilen, ob dort zu viel Geld ausgegeben wird oder nicht. Der Gesamtpreis pro Stadionplatz wird bei uns günstiger sein, als bei der WM in Südafrika. Man darf auch nicht vergessen: Wir bauen zwölf neue Stadien, einige davon sind gigantisch wie in Belo Horizonte oder das neue Maracana in Rio de Janeiro. Da müssen städtegestalterische Vorgaben eingehalten werden, und das ist nun einmal teuer.

Unter brasilianischen Fußballfans geht die Angst um, dass sich niemand mehr aus der ärmeren Bevölkerung den Eintritt leisten kann. Im Maracana hat sich der Preis des günstigsten Tickets für ein Ligaspiel nach dem Neubau teilweise verzehnfacht. Sind die neuen Arenen mehr Fluch als Segen für den brasilianischen Fußball?

Wer einen Röhrenfernseher hat, will einen Flatscreen-Fernseher. So läuft das. Die meisten lieben das neue Maracana, weil sie als Kunden respektiert werden. Es gibt Servicekräfte, die einen zu den Sitzen geleiten, vier Riesenbildschirme im Stadion. Die Familien kommen zurück ins Maracana, weil es sicherer geworden ist und der Raum für die Pressekonferenz ist wunderschön. Nicht die FIFA legt uns diese Änderungen auf, wir als Land brauchen sie. Wir respektieren alle Meinungen aber eine Umfrage zeigt, dass 87 Prozent das neue Maracana gut finden. Das ist eine starke Zahl.

Krawalle in Rio de Janeiro auf der Straße kickt ein Mann eine Tränengas-Granate über das Pflaster (Foto: REUTERS/Ricardo Moraes)

Proteste bei der WM: "Wir diskutieren das Szenario jeden Tag"

Auch nach den Juni-Demonstrationen rund um den Konföderationen-Cup gehen die Brasilianer weiter auf die Straße. Sie kritisieren auch die Ausgaben für die WM. Befürchten Sie, dass die Weltmeisterschaft von Demonstrationen überschattet werden könnte?

Die Proteste sind demokratisch und wir sind in einer Demokratie. Die Menschen fordern mehr Geld für das Gesundheitssystem, Bildung und öffentliche Sicherheit. Das hat nichts mit der WM zu tun. Wir diskutieren das Szenario von Protesten bei der WM aber jeden Tag, mit dem Präsidenten des brasilianischen Fußballverbandes José Maria Marin und mit der Regierung. Wir glauben, dass es Proteste geben könnte und müssen darauf vorbereitet sein. Die brasilianische Regierung hat der FIFA eine Garantie gegeben, dass die WM ohne Probleme ablaufen wird, dass weder Spieler, noch Fans oder Presse gestört werden. Wie schon beim Konföderationen-Cup werden lokale Sicherheitsbehörden dafür sorgen, dass die Proteste fern von den Stadien gehalten werden. In den Stadien wird es ein wunderbares Fußball-Fest geben.

Nur 70 Prozent der Brasilianern stehen der WM positiv gegenüber. Was wollen Sie machen um auch die restlichen Brasilianer zu überzeugen?

Ich würde sagen: Das ist toll, dass ganze 70 Prozent der WM positiv gegenüber stehen. Das ist eine höhere Prozentzahl als die Zustimmung der Londoner vor den Olympischen Spielen 2012. Im Nachhinein waren fast alle Londoner überzeugt. Wir dürfen nicht vergessen, was wir auch später alles von der WM haben werden. Der Gouverneur von Mato Grosso hat mir und FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke stolz seine über 50 Nachverkehrsprojekte gezeigt. Ohne die WM hätte er diese Investitionen niemals machen können. Belo Horizonte hat nun 50 Prozent mehr Hotelzimmer und wir erneuern unsere Flughäfen. Unser Land braucht diese Investitionen, ganz unabhängig von der Weltmeisterschaft. Als Brasilianer sage ich ihnen: Nach der WM werden alle glücklich sein.

Ricardo Trade ist der Chef des Lokalen Organisationskomittees für die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien (COL). Der 55-jährige sieht sich als Mann, der Missionen erfüllt. Mit seinen momentan 250 Mitarbeitern verwaltet er ein FIFA-Budget von 300 Millionen Euro. Der ehemalige Handball-Nationaltorwart Brasiliens organisiert gleichzeitig federführend die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016.

Das Interview führte Philipp Barth

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