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Sport

Tränenkinder auf dem Weg zu Olympia-Gold

Der Medaillenregen für chinesische Sportler sorgt erneut für Verdächtigungen. Geht es in der staatlichen Sportausbildung wirklich mit rechten Dingen zu? Oder wurde mit Chemie nachgeholfen?

Kinderturner in einer Sportschule in Jiaxing. Foto: Reuters

Sportschule in Jiaxing

Je mehr Medaillen die chinesischen Sportler gewinnen, desto lauter wird der Vorwurf, hier gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Als die 16 Jahre alte Ye Shiwen während der olympischen Spiele in London einen neuen Weltrekord im 400-Meter-Lagenschwimmen aufstellte und dabei die letzten 50 Meter schneller schwamm als der schnellste Mann, da war für viele westliche Journalisten klar: Hier musste offenkundig mit Chemie nachgeholfen worden sein. Der US-amerikanische Coach John Leonard nannte die Leistung Yes schlicht "unglaubwürdig".

Goldmedaillengewinnerin Ye Shiwen. Foto: AP/dapd

Olympiasiegerin Ye Shiwen

Auf einer Pressekonferenz bezog Ye anschließend selbst Stellung. Die Vorwürfe seien "ungerecht", sagte sie. "Wenn Sportler aus andern Ländern gewinnen, beschuldigen wir sie ja auch nicht." Die Berichterstattung der westlichen Medien empörte nicht nur Ye. Auch für Kommentatoren in chinesischen Medien schien klar: Der Westen gönnt China den Aufstieg nicht.

"Stolz aller Chinesen"

Mehr noch als in anderen Ländern ist der Sport in China ein Symbol der nationalen Stärke. In der Bevölkerung werden die Athleten gefeiert. Nutzer des chinesischen Mikroblogging-Dienstes Weibo feiern Ye bereits als "Göttin" und als "Stolz aller Chinesen". Und wie früher in den Staaten des Ostblocks sind die Siege der Athleten auch für die chinesische Führung ein wichtiges Symbol. Starke Sportler stehen in ihrer Lesart für die Stärke des Systems. In einem hat die Regierung damit recht: Die chinesischen Sportler sind tatsächlich Kinder eines staatlichen Systems.

Sportschule in Hangzhou, an der Olympiasiegerin Ye Shiwen war. Foto: Reuters

Sportschule in Hangzhou, an der Olympiasiegerin Ye Shiwen lernte

Während im Westen die typische Sportlerkarriere in einem Sportverein beginnt, so ist es in China meist der Besuch eines staatlichen Talentsuchers im örtlichen Kindergarten, der darüber entscheidet, ob ein Kind den Weg zum Spitzensportler einschlägt. Bei den Drei- bis Vierjährigen halten sie nach bestimmten Merkmalen Ausschau - im Fall von Ye Shiwen sollen es ihre außerordentlich großen Hände gewesen sein, die sie als Kleinkind zur künftigen Schwimmerin qualifizierten. Wird ein Kind für geeignet befunden, dann kommt es auf ein spezielles Sportinternat. Dort beginnt für die Kleinen ein Leben voller Härte: Eiserne Disziplin, Training bis zur Erschöpfung. Wann immer es westlichen Fotografen gelingt, eine der Sportschulen zu besuchen, bringen sie Bilder von Kindern mit,  die mit schmerzverzerrten Gesichtern an der Turnstange hängen oder sich vor lauter Training kaum mehr auf den Beinen halten können.

Einträgliches Geschäft

Immer wieder werden auch Fälle bekannt, in denen Trainer ihre Schützlinge misshandelt haben. "Tränenkinder" werden die kleinen Sportler in China genannt. Freizeit gibt es für sie nicht. Lu Ying, die in London eine Silbermedaille über 100 Meter Schmetterling gewann, erzählte vor kurzem freimütig, wie sehr sie sich gefreut habe, als sie im Trainingslager in Australien von den dortigen Schwimmerinnen zum Grillen eingeladen worden sei: "So etwas hätte es in China nie gegeben."

Turntraining in einem Sportgymnasium in Jiaxing. Foto: Reuters

Turntraining in einem Sportgymnasium in Jiaxing

Abschrecken lassen sich die wenigsten von diesen Aussichten. Auf vielen Kindern lastet nicht nur der Erwartungsdruck des staatlichen Sportsystems, sondern auch der Familien. Denn auf die wenigen, die es bis ganz noch oben schaffen, wartet nicht nur Ruhm. Preisgelder, staatliche Förderung und Sponsorenverträge machen die Siege wie auch in anderen Ländern zum einträglichen Geschäft. Gerade für Kinder vom Land kann der Besuch einer Sportschule deshalb den Weg aus der Armut bedeuten. "Es kann nicht um die Beschuldigung der Athleten gehen", sagt deshalb die ehemalige DDR-Leichtathletin Ines Geipel, "sondern um die Frage: Wie ist so ein System aufgebaut?"

Vor den olympischen Spielen in Peking 2008 hat Geipel versucht, mehr über das chinesische Sportsystem in Erfahrung zu bringen. Mit einer Delegation des Sportausschusses des deutschen Bundestags reiste sie nach China, um Vorwürfen nachzugehen, dass in chinesischen Sportschulen systematisch gedopt werde. "Mühselig" sei die Recherche gewesen, sagt sie. Das chinesische Sportsystem sei "eines der bestgehüteten Geheimnisse" Chinas. Lediglich eine einzige Schule hätten sie besuchen dürfen – eine Vorzeigeschule in Peking.

Geipel: "Unwahrscheinliche Leistungen"

Die frühere DDR-Leichtathletin Geipel. Foto: Horst Galuschka

Ex-DDR-Leichtathletin Geipel

Geipel ist selbst in einem ähnlichen System großgeworden. Wie in China wurden auch in der DDR Sporttalente frühzeitig in eigenen Sportschulen trainiert. Zwangsdoping – ohne Wissen der Kinder – war in vielen Sportarten üblich. Nach der Wende wurden einige der damaligen Sportfunktionäre wegen Zwangsdopings zu Bewährungsstrafen verurteilt. Dass auch in China systematisch gedopt werde, steht für Ines Geipel außer Frage: "Wir wissen, China ist der größte Produzent der EPO-Generika, der Wachstumshormone, der Steroide." Medikamente, sagt sie, die so vorsichtig verändert wurden, dass sie in den Dopinglabors kaum nachgewiesen werden können.

Tatsächlich hat es in China immer wieder spektakuläre Dopingfälle gegeben. Als kurz vor den olympischen Spielen 2000 in Sydney bekannt wurde, dass ein neuer Test zum Nachweise von EPO zum Einsatz kommen würde, zog China kurzerhand 27 Athleten von den Spielen zurück. 2006, im Vorfeld der Spiele in Peking, stürmte die Nationale Anti-Dopingbehörde eine Sportschule in Anshan im Nordosten des Landes. Die Kontrolleure fanden 298 Ampullen mit dem Hormonpräparat EPO und 141 Rationen Anabolika.

Schwimmerin Ye Shiwen wurde in der Zwischenzeit mehrfach getestet. Sie sei erwiesenermaßen "sauber", erklärte der Vorsitzende des britischen Olympischen Komitees, Colin Moyniham. Es sei "unklug", das in Zweifel zu ziehen. Die Kritiker des chinesischen Sportsystems wird das nicht beschwichtigen. "Hier stimmt einfach von vorne bis hinten etwas nicht", ist Ines Geipel überzeugt. "Das sind so unwahrscheinliche Leistungen. Jeder, der sich mit Schwimmen auskennt, weiß: Das ist physiologisch unmöglich."