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Reise

Touristen meiden die Bosporus-Metropole

Seit dem Angriff auf Touristen am 12. Januar 2016 herrscht in Istanbul ein Schrecken ohne Ende - Anschläge, Putschversuch, Attentate. Ein Jahr danach ist es in den früher so beliebten Touristenvierteln still und leer.

Bei den Souvenirgeschäften im Großen Basar von Istanbul ist nichts los, in den Gassen um den Galata-Turm stehen die Ferienwohnungen leer und auf dem Platz vor der Blauen Moschee, wo ein Attentäter vor einem Jahr zwölf Deutsche in den Tod riss, parken Panzerwagen - bis auf einige chinesische Reisegruppen sind aber keine Touristen zu sehen.

Yavuz Indere arbeitet seit einem halben Jahrhundert in Istanbul als Rezeptionist und hat Putsche, Unruhen und Wirtschaftskrisen erlebt, doch so schlimm sei es noch nie gewesen, sagt er. "Ich mache diesen Job seit 45 Jahren, klar gab es harte Zeiten, doch dieses Mal ist es anders", sagt er in seinem kleinen Hotel im historischen Viertel Sultanahmet. "Viele Hotels haben gelitten, manche haben sogar dicht machen müssen."

Türkei Touristen vor der Blauen Moschee Tag nach dem Anschlag in Istanbul (DW/A. Lekas Miller)

Touristen vor der Blauen Moschee am 13.01.2016, einen Tag nach dem Anschlag

In den steilen Straßen des Szene-Viertels Galata, wo sich in den Jahren des Touristenbooms zahlreiche Cafés, Galerien, Design-Geschäfte und Second-Hand-Läden angesiedelt haben, herrscht ebenfalls Flaute. Viele Vermieter, die in den Jahren zuvor ihre Wohnungen mit Bosporus-Blick in Ferienappartments für Wochenendtouristen aus Europa umgewandelt hatten, suchen händeringend nach langfristigen Mietern.
Praktisch erstmals seit der Jahrtausendwende ist die Zahl der ausländischen Besucher in Istanbul gefallen - und zwar massiv: Lag sie 2015 laut der Istanbuler Kultur- und Tourismusbehörde bei 12,4 Millionen, fiel sie vergangenes Jahr auf 9,2. Mit 10,9 Prozent waren die Deutschen noch immer die größte Gruppe gefolgt von Iranern und Saudi-Arabern. Doch fiel ihre Zahl um knapp 300.000 auf gut eine Million.

Bilanz des Schreckens

Istanbul wurde vergangenes Jahr von gleich mehreren schweren Anschlägen getroffen. Nach dem Angriff auf die deutsche Reisegruppe vor der Blauen Moschee in Sultanahmet am 12. Januar folgte im März ein Selbstmordanschlag auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal, bei dem drei Israelis und ein Iraner getötet wurden. Im Juni attackierten drei Selbstmordattentäter den Atatürk-Flughafen und ermordeten 45 Menschen.
Am 15. Juli dann erschütterte der versuchte Militärputsch das Land in seinen Grundfesten. In Istanbul, Ankara und anderen Städten wurden bei Zusammenstößen zwischen Putschisten und Regierungsanhängern mehr als 240 Menschen getötet. Als Reaktion auf den Umsturzversuch verhängte Präsident Recep Tayyip Erdogan den Ausnahmezustand und ordnete eine beispiellose Welle von Festnahmen und Entlassungen an.
Im Dezember wurden dann bei einem Doppelanschlag kurdischer Extremisten beim zentralen Besiktas-Stadion 46 Menschen getötet, die meisten von ihnen Polizisten. Und in der Silvesternacht erschoss ein Attentäter im Nachtclub "Reina" am Ufer des Bosporus 39 Feiernde. Anders als bei den vorherigen Attentaten bekannte sich die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat ausdrücklich zu dem Angriff.
"Der Flughafen wurde angegriffen, Sultanahmet wurde angriffen, dann Taksim und schließlich das Reina, was für mich ein Angriff auf das Herz des Tourismus ist", sagte Cetin Gürcün, der Generalsekretär der Vereinigung türkischer Reiseagenturen (Tursab). Da die meisten Toten im "Reina" Touristen aus arabischen Ländern waren, wird nun befürchtet, dass nach den Europäern auch die Araber fort bleiben.

Türkei Übersicht Stadtteil Besiktas (picture alliance / Rainer Hackenberg)

Blick auf den Stadtteil Besiktas

Wegen der Anschlagsgefahr sind rund um die großen Moscheen und auf der Istiklal-Straße schwer bewaffnete Polizisten mit Panzerwagen postiert. Die Touristenführerin Umran Aslan fühlt sich durch ihre martialische Präsenz beruhigt, doch fürchtet sie um ihren Job. "Vorher kamen 30 Millionen Besucher jedes Jahr (in die Türkei), dieses Jahr kam dagegen einfach niemand. Es ist so traurig, weil ich meinen Job liebe."

"Ich bin schon beunruhigt", sagt der niederländische Tourist John Plas. "Aber wenn man fernbleibt, lässt man die Terroristen gewinnen."

isi/ks (afp)