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Ostmitteleuropa

Tourismus in Ungarn auf neuen Wegen

Nach der Wiedervereinigung blieben Deutsche weg, dafür gewannen ungarische Zahnärzte eine neue Klientel (Budapest, 14.11.2001 PESTER LLOYD deutsch)

(Volltext) „Wo sind die glücklichen Friedenszeiten, als sich deutsche Familien jeden Sommer am Balaton trafen und die Verantwortlichen für den Fremdenverkehr mit stolzem Lächeln die Erfüllung der Planzahlen meldeten? Die deutsche Wiedervereinigung hat dem ungarischen Tourismus den Rest gegeben, der seither die neuen Märkte im Kongress- und Kurtourismus zu entdecken versucht.

Die neue Erfolgsgeschichte ist in erster Linie mit den Fünfsternehotels der Hauptstadt verbunden, die sich offenbare Preisunterschiede zunutze machten, weil die Ausrichtung einer Konferenz in Budapest vielleicht die Hälfte des Wiener Tarifs beträgt. Der andere Zweig des Tourismus entwickelte sich gewissermaßen spontan: Die ungarischen Zahnärzte gewannen eine neue Klientel, als sich herausstellte, dass beim Niveau keine Abstriche im Vergleich zum westlichen Europa befürchtet werden m ssen. Gleiches lässt sich von den Preisen nicht sagen, die mitunter nur ein Zehntel des Westtarifs erreichen. Somit strömte das Geld in die Arztpraxen. Die als Touristen getarnten Patienten wählten sich mit Vorliebe grenznahe Dörfer und Städte für ihren Urlaub.

Dem Kongresstourismus hat der 11. September eine schwere Wunde zugefügt. Die Ausfälle werden sich vermutlich schwerwiegender und dauerhafter darstellen, als das von der Branche derzeit eingeräumt wird. Zum Glück gibt es eine neue Chance: den Dorftourismus. Denn es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die ungarische Tiefebene reich an Heilquellen ist, die fast berall aus dem Erdreich hervorsprudeln. Es bedarf keiner Unsummen, um ein ordentliches Becken, Restaurant und Pension drumherum zu bauen.

Wer für länger verweilen will, kauft Gehöft, Haus und Land, die sich selbst aus einer durchschnittlichen West-Rente unterhalten lassen. Insbesondere dann, wenn auch die Versicherungsgesellschaften in das Geschäft einsteigen und einen nicht unerheblichen Teil der Heilbehandlung im ungarischen Urlaub finanzieren. Damit fahren alle Beteiligten günstig.

Um das Bild abzurunden, wären allerdings so manche Investitionen vonnöten; z.B. in Krankenhäuser von ansprechendem Niveau, ganz zu schweigen von gemütlichen Kneipen und qualitativen Pensionen. Denn ohne all das gibt es auf Dauer keinen Tourismus. Benötigt werden also Geld, Maschinen und Menschen; wenigstens ein Gärtner pro Dorf, der mit dem Traktor das Straßenbild in Ordnung hält. Im Prinzip wäre das Geld vorhanden, weil sich das Tourismuskapitel des Széchenyi-Plans die Entwicklung der privaten Gastronomie zum Ziel gesetzt hat. Das Problem scheint woanders zu liegen.

Irgendwie sind die Planer so verzückt von der ungarischen Landschaft, dass sie dem Glauben verfallen, Tausende Touristen mit diesen Eindrücken zu beschwipsen, die dann Pensionen und Ferienheime inmitten der Puszta bevölkern sollen. Dabei lassen sich die natürlichen Werte Ungarns in dieser Form nicht recht bewerten. Denn leider bietet gleich welcher Winkel des benachbarten Österreich ein reizvolleres Bild, selbst wenn man dort auf Puszta, Gulasch und skythische Feuer verzichten muss. Der ungarische Tourismus handelt nicht von den Reizen der Natur, sondern von Dienstleistungen, die zur Lebensqualität beitragen und ausgesprochen preiswert zu haben sind. Die Geschichte des Balaton belegt dies anschaulich, wo Gastwirte und ihre Preise die armseligen heimischen Touristen vertrieben haben, um nunmehr vergeblich auf die reichen Urlauber zu warten. Denn die sonnen sich lieber in Spanien.

Es wäre ein genialer Schachzug des ungarischen Tourismus, endlich den Balaton zu vergessen und nicht Milliarden in ein Fass ohne Boden zu stopfen. Es sei denn, Deutschland trennt sich wieder, auf dass seine Familien den Plattensee für ihre Rendezvous benötigten. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, so dass die Tourismusmacher in Budapest mal einen Gedankenaustausch mit den großen Krankenversicherern führen sollten. Dabei könnte man sich einen breiteren Horizont erschließen, als ihn das zu sehr beengte ungarische Meer bietet.“ (fp)

  • Datum 14.11.2001
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