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Wirtschaft

Totgesagte US-Industrie lebt

Die USA gelten als Land der Dienstleistungen. Hergestellt wird hier kaum noch etwas, glauben viele. Das ist ein Irrtum. Sogar deutsche Autos werden von Amerikanern zusammen geschraubt.

Eine Arbeiterin putzt im Mercedes-Werk in Tuscaloosa (US-Bundesstaat Alabama) den Stern an einer Mercedes-M-Klasse (Foto: dpa)

USA Industrie Mercedes Werk in Tuscaloosa

Dass David Sadberry einmal Mercedes-Geländewagen bauen würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Schon gar nicht in Tuscaloosa im Süden der Vereinigten Staaten. Die Region war früher eher für Rassenprobleme bekannt als für Nobelkarossen. Und doch hat sich Mercedes-Benz 1993 entschieden, ein neues Werk hochzuziehen. "Früher war hier nur Wald", sagt David. Heute produzieren an dieser Stelle nach der Erweiterung der Fabrik 3000 Menschen Autos für die ganze Welt - auch für Deutschland.

Es ist ein Beispiel von vielen, dass die Industrie im vermeintlich reinen Dienstleistungsland USA lebt. Vor allem ausländische Unternehmen scheinen die USA als Fertigungsstandort zu entdecken: Der Flugzeugbauer Airbus errichtet momentan in Alabama seine erste Fabrik für seinen Mittelstrecken-Jet A320, VW hat im vergangenen Jahr in Tennessee sein Passat-Werk in Betrieb genommen und Lenovo aus China will demnächst sogar Computer in den USA fertigen, um näher an seinen Kunden zu sein.

Talfahrt gestoppt

Ein chinesisches Unternehmen, das in den USA fertigt - verkehrte Welt. Es ist genau das Gegenteil dessen, was in den 1990ern passiert war, als alle großen US-Computerfirmen wie Apple, Dell oder Hewlett-Packard ihre Fertigung nach China auslagerten. Allein vom Jahr 2000 bis 2010 ist nach Daten des US-Arbeitsministeriums jeder dritte Job in der amerikanischen Industrie weggebrochen. Doch die Talfahrt scheint gestoppt. Bis 2020 rechnen die staatlichen Statistiker nur noch mit einem minimalen Schwund von einigen Tausend Arbeitsplätzen.

Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group sehen sogar den entgegengesetzten Trend. "Made in America" lohne sich wieder, stellen sie in einer Studie fest. "Die USA entwickeln sich zu einem der Industrieländer mit den geringsten Kosten", sagt Harold Sirkin, einer der Autoren der Studie. So seien die Lohnkosten vergleichsweise niedrig, zudem stünde durch Schiefergas-Funde auf lange Sicht billige Energie zur Verfügung. Deshalb zöge es zunehmend europäische oder japanische Firmen ins Land.

Siemens ganz vorne

Zu diesen Unternehmen gehört Siemens. Finanzvostand Joe Kaeser sagt den USA eine "industriellen Renaissance" voraus wegen der günstigen Energie. Die Deutschen beschäftigen 60.000 Leute im Land und sind damit einer der größten Arbeitgeber in der Industrie. Seit dem vergangenen Jahr produziert Siemens an seinem Standort Charlotte in North Carolina etwa auch Gasturbinen.

Die US-Firmen investieren ebenfalls im eigenen Land, darunter der Chipkonzern Intel, der Siemens-Rivale General Electric oder der Baumaschinen-Primus Caterpillar. Ein Drittel der US-Konzerne erwägt nach einer Umfrage der Boston Consulting Group sogar, Produktion aus China zurück in die Heimat zu holen. Zwei bis drei Millionen Jobs könnten in der US-Industrie neu entstehen, schätzen die Experten.

Google lässt zuhause produzieren

Andere Unternehmen produzieren gleich zuhause wie der Internetkonzern Google, der seine neue Unterhaltungskonsole Nexus Q unweit der Firmenzentrale bei einem Auftragsfertiger im Silicon Valley herstellen lässt. Denn zum einen arbeiten auch die Chinesen nicht mehr für Centbeträge, zum anderen fallen die Transportkosten weg - genauso wie teure Dienstreisen, um beim Produktionspartner in der Ferne nach dem Rechten zu sehen.

Den Amerikanern kommt bei der Verlagerung der Produktion zurück ins Land zugute, dass sie flexibel sind. Es ist viel üblicher als in Deutschland, seinen Beruf mehrmals im Leben zu wechseln. So stehen genug Arbeitskräfte zur Verfügung. Das zeigt das Beispiel Mercedes-Benz in Alabama. "Die wenigsten Leute hatten eine Ausbildung in der Autobranche", sagt David Sadberry, der früher mal Landschaftsgärtner war. "Viele hatten nicht mal eine Ausbildung in irgendeinem technischem Beruf. Aber es hat funktioniert."

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