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Deutschland

Totengedenken im "Wald der Erinnerung"

Auf dem Gelände des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr ist ein ungewöhnlicher Trauerort entstanden. Er soll mehr sein, als eine Anlaufstelle für Angehörige ums Leben gekommener Soldaten.

Der Weg dorthin ist idyllisch. Vom weltberühmten Park Sanssouci in Potsdam zur Henning-von-Tresckow-Kaserne in Geltow sind es rund fünf Kilometer. Jenseits der alten Garnisonsstadt prägen weitläufige Felder das Landschaftsbild. Nur vereinzelte Häuser lassen erahnen, dass hier auch ein paar Menschen leben. Nach einer langgezogenen Rechtskurve ist man schließlich am Ziel. Hier wurde im Sommer 2001 das Einsatzführungskommando der Bundeswehr, wie es militärisch heißt: aufgestellt. Die älteren Gebäude stammen aus der Nazizeit. Damals dienten sie als Luftkriegsschule.

An die Vergangenheit dieses Ortes erinnern auch kegelförmige Hochbunker, die von Laubbäumen umsäumt sind. Die funktionslos gewordenen Schutzräume wirken in ihren Tarnfarben martialisch, fast bedrohlich. Der Eindruck verstärkt sich im Spätherbst noch, wenn die kahlen Bäume wie Skelette drumherum stehen. Umso friedfertiger erscheint das unmittelbar dahinter gelegene Areal. Dass es sich um eine Art Denkmal handelt, erschließt sich auch dem uninformierten Betrachter auf den ersten Blick.

104 Soldaten starben seit 1992 in Auslandseinsätzen

Bevor man den 150 Meter langen "Weg der Erinnerung" erreicht, durchquert man ein tunnelartiges, an beiden Seiten offenes Informationsgebäude. An den Wänden links und rechts sind bebilderte Texttafeln über Auslandseinsätze der Bundeswehr angebracht. Gleich dahinter stehen sieben erdfarbene, aus Ziegeln geformte Stelen. Auf ihnen stehen in bronzenen Buchstaben die Namen der seit 1992 ums Leben gekommenen Soldaten, 104 sind es bislang. Davon starben 37 durch Anschläge oder in Gefechten. Unter den 67 weiteren Toten sind Unfallopfer, aber auch Verzweifelte, die sich selbst richteten.

Sieben Stelen säumen den Weg der Erinnerung, der Teil des Waldes der Erinnerung ist. (Foto: DW/M. Fürstenau)

Am Ende des Weges der Erinnerung mit seinen sieben Stelen befindet sich der Ort der Stille.

Ihnen allen ist der "Wald der Erinnerung" gewidmet. Aber auch den mehr als 3000 militärischen wie zivilen Bundeswehrangehörigen, die seit 1955, dem Gründungsjahr der Armee, ums Leben gekommen sind. Die Initiative für den Gedenkort ging 2012 von Hinterbliebenen aus, die Angehörige bei einem Auslandseinsatz verloren haben. Konstantin Menz starb Anfang 2011 bei einem Anschlag in Afghanistan. Seine Mutter Tanja hat nun die Möglichkeit, in aller Stille an ihren Sohn zu denken, um ihn zu trauern. Es sei der Wunsch ganz vieler Hinterbliebener gewesen, diesen besonderen Ort "eben nicht mitten in der Stadt" zu haben. Man brauche "ein bisschen Ruhe, Zeit für sich selbst", sagt die 45-Jährige, der nach dem Tod Konstantins noch drei Kinder geblieben sind.

Ein Stück Afghanistan in der Nähe Potsdams

Ein Stück Afghanistan sei es für sie. Ein Stück Afghanistan, "das hierher gekommen ist". Tanja Menz meint damit den in der Henning-von-Tresckow-Kaserne errichteten Ehrenhain. So wie er jetzt in die sanft ansteigenden Hügel des Waldes integriert ist, so wurde er einst von den Soldaten am Einsatzort fernab der Heimat errichtet. Dort war er das, was er jetzt in der Abgeschiedenheit Geltows bei Potsdam ist: ein persönlich gestalteter Ort der Trauer. Mal sind es schlichte Holzkreuze, mal ist es ein Stein. Der Name Konstantin Menz ist eingerahmt von einem grünen Zahnrad, das zu einem Schützenpanzer vom Typ "Marder" gehörte.

Konstantin Menz steht auf dem eisernen Schild, das als Teil des Ehrenhains von einem Panzer-Zahnrad umrahmt ist. (Foto: DW/M. Fürstenau)

Einer von 104, die seit 1992 bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr ums Leben gekommen sind.

Als der junge Bundeswehrsoldat 2011 starb, war Generalleutnant Hans-Werner Fritz Kommandeur des deutschen ISAF-Einsatzkontingents in Afghanistan. Seit April vergangenen Jahres ist er Befehlshaber des Einsatzführungskommandos. Den "Wald der Erinnerung" auf dem Gelände seiner Kaserne sieht er als Ergänzung zu der kleinen

Gedenkstätte im Berliner Bendler-Block

, wo die Bundeswehr ihren Dienstsitz in der deutschen Hauptstadt hat. Die Vermutung oder gar den Vorwurf, der neue Gedenkort sei absichtlich so weit entlegen entstanden, hält Fritz für abwegig. Und er kann sich dabei besten Gewissens auf den Wunsch der Angehörigen berufen.

Gedanken "fernab jeglicher Heroisierung"

Ausdrücklich betont der 60-Jährige, Besucher seien jederzeit willkommen - 365 Tage im Jahr. Er freue sich über jeden, "der hier auch über die Auslandseinsätze reflektiert", sagt Fritz. Wer den "Wald der Erinnerung" begehen will, müsse aus Sicherheitsgründen lediglich seinen Personalausweis oder den Führerschein abgeben. Der Generalleutnant wirbt geradezu für den neuen Gedenkort, den das Architekten-Duo Elisabeth Rüthnick und Malte Looff maßgeblich gestaltet hat. Wer hier den Blick in die Natur schweifen lasse, sinniert Fritz, dem kämen vielleicht auch Gedanken an das Leben und die Zukunft - "fernab jeglicher Heroisierung".

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