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Nahost

Tote gegen Häftlinge: Neuer Austausch in Nahost

Der Austausch sterblicher Überreste israelischer Soldaten gegen palästinensische Häftlinge hat Tradition, ebenso die Mitwirkung deutscher Vermittler. Israel hat nun die Särge zweier Soldaten erhalten.

Einer der Särge wird von Hisbollah-Mitgliedern an Israel übergeben (Quelle: AP)

Einer der Särge wird von Hisbollah-Mitgliedern an Israel übergeben

Vor zwei Jahren wurden zwei israelische Soldaten nach einem Überfall der schiitischen Hisbollah über die israelisch-libanesische Grenze hinweg entführt: Der Vorfall diente der Regierung von Ehud Olmert als Vorwand, den Juli-Krieg zu starten: Mehr als 1200 Menschen kamen dabei um, dem Libanon wurden Milliarden-Schäden zugefügt, die beiden Soldaten wurden aber nicht befreit.

Die sterblichen Überreste der beiden Soldaten sollen nun am Mittwoch (16.07.2008) nach Israel zurückkehren, im Austausch gegen die sterblichen Überreste von 100 Libanesen, die bei Angriffen auf Israel umgekommen waren und einer handvoll libanesischer Häftlinge. Der Austausch am Mittwoch findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit ohne unmittelbare Medienbeobachtung statt.

DNA-Analyse soll Gewissheit bringen

Eldad Regev (l.) und Ehud Goldwasser (Foto: AP)

Eldad Regev (l.) und Ehud Goldwasser

Israel geht davon aus, dass die beiden Soldaten Eldad Regev und Ehud Goldwasser tot sind. Am Mittwoch hat die Hisbollah zunächst zwei Särge an Israel übergeben, in denen die sterblichen Überreste liegen sollen. Israel wird mit einer DNA-Analyse die Identität prüfen. Dies kann den Angaben zufolge zwischen ein bis drei Stunden dauern. Erst nach einem positiven Befund will Israel den libanesischen Topterroristen Samir Kuntar sowie vier Hisbollah- Kämpfer freilassen. Zunächst würden jedoch die Eltern der getöteten Soldaten informiert.

Der Fall Arad

Ron Arad (Quelle: AP)

Nun soll das traurige Schicksal von Ron Arad geklärt sein

Kuntar wurde vor 29 Jahren nach einem blutigen Terroranschlag gefasst und später zu vier Mal lebenslänglich verurteilt. Kuntars Freilassung war bereits seit vielen Jahren von der libanesischen Hisbollah gefordert und immer wieder von Israel in letzter Minute abgelehnt worden, denn Jerusalem forderte seinerseits Aufklärung über den Verbleib von Ron Arad, den Navigator eines Phantom-Kampfbombers, der 1986 über dem Südlibanon abgeschossen wurde und dessen Spur sich bald darauf verlor.

Obwohl niemand mehr ernsthaft glaubte, dass Arad noch am Leben sein könnte, setzte Israel seine Bemühungen fort, den Fall aufzuklären, und diesmal scheint man dem Ziel näher gekommen zu sein als je zuvor: Die Hisbollah hat einen Bericht übergeben, aus dem hervorgeht, dass Arad knapp zwei Jahre nach seiner Gefangennahme umgekommen ist - wahrscheinlich ermordet.

Der Bericht wurde Israel von einem deutschen Unterhändler überbracht: Der ehemalige BND-Mann Gerhard Konrad vermittelte zwischen Hisbollah und Israel und er fädelte auch den jetzigen Austausch ein.

Deutsche Tradition

Bernd Schmidbauer (Quelle: DPA)

Bernd Schmidbauer war schon oft als Vermittler erfolgreich

Dass hier ein Deutscher seine guten Dienste anbot, wenn auch diesmal im Auftrag der Vereinten Nationen, hat Tradition: Als erster wurde nach der Gefangennahme Ron Arads der damalige Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer aktiv. Es gab Gerüchte, dass Arad an die Iraner weitergegeben worden sei, und Jerusalem suchte einen Vermittler mit guten Beziehungen zu Teheran. Schmidbauer war solch ein Mann. Er unterhielt sogar enge Kontakte zu dem damaligen iranischen Geheimdienstchef Falahian, gegen den seit Jahren in Deutschland Haftbefehl wegen des Berliner Mykonos-Anschlages von 1992 besteht.

Schmidbauer vermittelte ohne Erfolg - zumindest, was Arad betrifft. Es gelang ihm aber, 1996 einen ersten Austausch zwischen Hisbollah und Israel herbeizuführen: 45 libanesische Gefangene und mehr als 100 Leichen im Austausch gegen zwei gefallene israelische Soldaten.

Taktik: Gefangene gegen Gefallene

Im Jahr 2004 gelang es dem Nachfolger Schmidbauers, Ernst Uhrlau, einen weiteren ungleichen Austausch herbeizuführen: 430 Libanesen gegen einen Israeli und die Leichen dreier israelischer Soldaten.

Der Austausch Gefangene gegen Gefallene war längst zur Taktik geworden - trotz der komplizierten Vermittlungsanstrengungen, in die die Deutschen immer wieder eingeschaltet wurden. Um den Preis zu erhöhen, entführte Israel auch selbst wiederholt Libanesen, um seine Verhandlungsposition zu verbessern. Endgültige Auskunft über Ron Arad erhielt es aber nicht. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah beteuerte, dass man selbst nicht mehr wisse, sonst hätte man das doch gegenüber Israel ausgenützt.

"Entführung ist unsere Pflicht"

Nasrallah machte auch kein Geheimnis daraus, dass die Entführung israelischer Soldaten zur Strategie seiner Organisation gehöre: Monate vor dem Julikrieg verkündete Nasrallah Ende 2005 auf einer Versammlung: "Es ist unser natürliches Recht, israelische Soldaten gefangen zu nehmen. Es ist sogar mehr als unser Recht - es ist unsere Pflicht, das zu tun."

Kurz nach dem Juli-Krieg bedauerte er: Wenn man die Folgen geahnt hätte, dann hätte man die Soldaten nicht entführt. Die Reue war aber nur kurz: Nasrallah fühlt sich längst wieder als eigentlicher Sieger und höhnte: Die Hisbollah kenne Israel besser als alle anderen und wisse genau, dass man nur durch die Entführung von Soldaten Israel zu etwas zwingen könne.

Schlechtes Beispiel für die Hamas?

Die Eltern des entführten Soldaten Gilad Schalit (Quelle: DPA)

Die Eltern des entführten Soldaten Gilad Schalit (Mitte) im April 2008 in Israel

In Israel ist man sich dieser Dinge bewusst, aber es gilt weiterhin, dass man alles nur denkbar Mögliche unternimmt, um israelische Gefangene freizubekommen und auch um die sterblichen Überreste von Gefallenen zurückzuerhalten. Dieser Grundsatz wird in Israel allgemein unterstützt, wohingegen man mit den Modalitäten des Austauschs nicht immer einverstanden ist. So auch diesmal nicht: Die Opposition und auch Geheimdienstmitarbeiter warnen, dass die Freilassung der Trumpfkarte Kuntar die Gegenseite zu neuen Entführungen und zu immer höheren Forderungen verleiten werde und dass dies wahrscheinlich ein schlechtes Beispiel für die palästinensische Hamas werden könnte: Die Organisation hält seit über zwei Jahren im Gazastreifen den Soldaten Gilad Schalit gefangen und hat für ihn bisher schon wiederholt die Freilassung Tausender palästinensischer Häftlinge aus israelischen Gefängnissen gefordert.

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