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Asien

Tote Demonstranten sollen obduziert werden

Die iranischen Behörden wollen die Leichname von fünf getöteten Demonstranten nicht freigegeben, wohl, um neue Proteste bei den Bestattungen zu verhindern. Unterdessen geht die Verhaftungswelle im Iran weiter.

Brennende Motorräder bei den Auseiandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei (Foto: AP)

Neue Eskalation der Gewalt im Iran

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtlerin Schirin Ebadi, die sich derzeit in London aufhält, erklärte am Dienstag (29.12.2009) dem britischen Sender CNN, ihre Schwester sei in Irans Hauptstadt Teheran verhaftet worden. Mehrere Sicherheitsbeamte hätten das Haus am Montagabend durchsucht, den Computer beschlagnahmt und ihre Schwester abgeführt. Ebadi sagte, ihre Schwester Nushin sei eine Wissenschaftlerin und keine politische Aktivistin. Ziel der Aktion sei es deshalb lediglich gewesen, sie einzuschüchtern, so Ebadi.

Bei den blutigsten Protesten im Iran seit Monaten wurden mindestens acht Menschen getötet. Auch der Neffe von Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi befindet sich unter den Toten. Nach Angaben seiner Familie wurde Ali Mussawi während der jüngsten Proteste der Regierungsgegner von Sicherheitskräften erschossen. Seine Leiche und die von vier weiteren Oppositionellen werden von den iranischen Behörden vorerst nicht für eine Bestattung freigegeben, wie die amtliche iranische Nachrichtenagentur Irna am Montag meldete.

Zur Begründung hieß es, die Toten sollen obduziert werden. Kritiker vermuteten jedoch, dass die Behörden so vielmehr verhindern wollen, dass die Beisetzungen zum neuen Sammelpunkt für Proteste werden.

Mussawi: Neffe wurde in den Rücken geschossen

Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi (Foto: AP)

Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi

Seine Familie hatte Ali Mussawi - den muslimischen Riten gemäß - noch am Montag beisetzen wollen. Im Islam soll die Bestattung der Toten unverzüglich, möglichst noch am Sterbetag erfolgen. Der Tote war jedoch spurlos verschwunden. Stunden später hieß es, die Leiche Mussawis sei zur Obduktion gebracht worden.

Nach Angaben des britischen Senders BBC hieß es auf der Webseite von Mir Hussein Mussawi, sein Neffe sei am Sonntag durch einen Schuss in den Rücken gestorben.

Das staatliche iranische Fernsehen berichtete, von den acht Toten seien zwei durch Autounfälle ums Leben gekommen. Ein weiterer sei von einer Brücke gestürzt. Die Polizei dementierte den Angaben zufolge erneut den Einsatz von Schusswaffen gegen Demonstranten am Sonntag. Wie die Sicherheitskräfte mitteilten, wurden am Wochenende 300 Demonstranten festgenommen. Darunter sollen unbestätigten Berichten zufolge auch mehrere enge Berater von Oppositionsführer Mussawi sowie der frühere Außenminister Ebrahim Jasdi sein.

Jasdi war in der Anfangsphase der islamischen Revolution von 1979 Regierungsmitglied und führte später jahrzehntelang die illegale, aber tolerierte säkulare Freiheitsbewegung an. Er gehört zu den Gegnern von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, hat allerdings keine direkten Beziehungen zur Oppositionsbewegung um Mussawi.

Sicherheitskräfte auf Motorrädern gehen gegen Demonstranten vor (Foto: AP)

Sicherheitskräfte auf Motorrädern gehen gegen Demonstranten vor

Westen kritisiert brutales Vorgehen der Polizei

Westliche Politiker übten scharfe Kritik an dem Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte gegen die Regimekritiker. US-Präsident Barack Obama sagte am Montag an seinem Urlaubsort auf Hawaii, unschuldige iranische Bürger würden gewaltsam unterdrückt. Die Iraner versuchten lediglich, ihre Grundrechte auszuüben. "Jedes Mal, wenn sie das getan haben, traf sie die eiserne Faust der Brutalität, sogar während feierlicher Anlässe und an heiligen Tagen", sagte Obama weiter.

Zuvor hatten bereits Vertreter der Europäischen Union wie auch der Bundesregierung das Vorgehen der iranischen Sicherheitskräfte verurteilt. Kanzlerin Angela Merkel nannte das gewaltsame Vorgehen gegen die Regimekritiker "inakzeptabel". Sie erklärte, "insbesondere darf das Recht auf freie Meinungsäußerung durch friedliche Demonstrationen nicht eingeschränkt oder durch Gewalt unterdrückt werden". Den Angehörigen der Opfer sprach Merkel ihre Anteilnahme aus. In einer Erklärung der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft hieß es: "Brutale Machtanwendung und die willkürliche Festnahme von Demonstranten stellen grobe Verletzungen fundamentaler Menschenrechte dar."

Augenzeugen zufolge hatten sich am Sonntag Tausende Iraner an den Protesten gegen Ahmandinedschad beteiligt. Die Opposition wirft ihm Wahlbetrug vor. Bereits nach seiner Wiederwahl im Juni hatte es tagelange Proteste gegeben, die teilweise niedergeknüppelt wurden. Bei der Beerdigung des im Alter von 87 Jahren gestorbenen Reformpolitikers und Großayatollahs Hussein Ali Montaseri waren die Proteste der Regimekritiker vorige Woche wieder neu entfacht worden.

Autorin: Ursula Kissel (dpa, afp, rtr, ap)
Redaktion: Michael Wehling

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