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Kultur

Topographie des Terrors

65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Berlin das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" eröffnet. Endlich, könnte man sagen. Denn die Realisierung dieses Projektes hat viele Jahre gedauert.

Schild mit ersten Informationen (Foto: Rosalia Romaniec/ DW)

Auch Mitarbeiter der Schutzstaffel der NSDAP mussten sich mal erholen. SS-Helferinnen, neckisch "SS-Maiden" genannt, und SS-Männer, die gemeinsam im Konzentrationslager Auschwitz Dienst taten, sind beispielsweise in das in idyllischer Berglandschaft gelegene Erholungsheim Sola-Hütte gereist. Dort fanden sie dann Ablenkung von ihren perversen Alltagsaufgaben und haben sich auch köstlich amüsiert. Ein Foto, vermutlich um den 22. Juli 1944 aufgenommen, zeigt jedenfalls eine vergnügte Runde kesser junger Frauen und lachender Männer, von denen einer zur Freude aller auf dem Schifferklavier spielt. Dieses Foto hängt neben vielen anderen Schwarz-Weiß-Bildern in der Dauerausstellung des neuen Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors", das am Donnerstag (06.05.2010) von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wurde. Und das Foto verdeutlicht exemplarisch, so dessen Direktor Andreas Nachama, "dass es nicht Gebäude sind, die Terror machen, sondern dass es Menschen sind."

Sie wussten, was sie taten

Menschen, und keine Ungeheuer. Auch wenn sie schließlich wie solche gewütet haben. Gut ausgebildet waren viele von ihnen und sie haben genau gewusst, was sie taten. Auf dem sogenannten Prinz-Albrecht-Gelände im Zentrum Berlins befanden sich von 1933 bis 1945 die Zentralen dieser nationalsozialistischen Repressions- und Verbrechenspolitik: das Geheime Staatspolizei-Amt, die SS-Führung, der Sicherheitsdienst und das Reichssicherheits-Hauptamt.

Gebäudereste des Gefängnisses (Foto: Rosalia Romaniec/ DW)

Reste des Gefängnisses

Hier standen die Schreibtische von Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich, hier wurde die gewaltsame Beseitigung politischer Gegner beschlossen, hier traf man erste Entscheidungen für den Völkermord an den europäischen Juden und die Ermordung sowjetischer Kriegs-Gefangener, und hier wurden in einem "Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale insgesamt 15.000 politische Gegner des NS-Regimes inhaftiert, verhört und gefoltert. Was es bedeutet habe, dass die NS-Führung einen rassistischen Staat errichten wollte? Im Klartext nichts anderes, sagt Nachama, "als dass man die Errungenschaften der Französischen Revolution, nämlich vor dem Gesetz sind alle gleich, rückgängig machen wollte."

Ort der Täter

Jeder konnte in das Fadenkreuz des NS-Terrors geraten. Die Gebäude am "Ort der Täter", wie das Prinz-Albrecht-Gelände auch genannt wird, wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört, bis 1956 trug man die Ruinen ab. Auf der Brache, an die seit 1961 die Berliner Mauer grenzte, entstand ein Autodrom. Die Geschichte schien vergessen. Erst mit der Wiedereröffnung des benachbarten Martin-Gropius-Baus im Jahre 1981 wurden schließlich Forderungen nach einer würdigen Nutzung des Areals laut. Sechs Jahre später entstand dann entlang freigelegter Kellermauern "die Topographie des Terrors", ein Provisorium unter freiem Himmel mit Fotos und Dokumenten. Eine bereits in den frühen neunziger Jahren beschlossene dauerhafte Gestaltung wurde infolge unrealisierbarer Entwürfe, Pleiten und diverser Pannen kontinuierlich verzögert.

Dunkle Wolken ziehen über das Gelände des ehemaligen Reichssicherheitshauptamtes (Foto: Wolfgang Kumm/ dpa)

Das Dokumentationszentrum

Erst jetzt, mit der Fertigstellung des Gebäudes der Berliner Architektin Ursula Wilms, hat die Zeit der Irrungen und Wirrungen ein Ende gefunden. Die Stiftung "Topographie des Terrors", so Andreas Nachama, habe in ihrer Ausschreibung für dieses Gebäude gesagt, dass von möglichst vielen Räumen aus das wichtigste Exponat, nämlich das Gelände, sichtbar sein solle. Es sei der Architektin gelungen, das einzulösen.

Einblicke, Ausblicke

Einen leicht erhöhten quadratischen Bau hat Ursula Wilms entworfen, angeordnet um einen ebenfalls quadratischen Lichthof. Im Hauptgeschoss, das man über eine Freitreppe betritt, befinden sich Veranstaltungssäle, eine Cafeteria, die Bibliothek sowie der 800 Quadratmeter große Dauerausstellungsraum. In fünf Kapiteln werden hier mit Hilfe von Fotos, Dokumenten und neuen Medien Fakten über den NS-Terror und seine zentralen Organisationen vermittelt. Und auch von diesem Ausstellungsraum aus ist durch eine Lamellenfassade der draußen liegende authentische Ort der Täter zu sehen.

Blick auf Mauerreste und das heute als Bundesministerium genutzte einstige NS-Luftfahrtministerium (Foto: Silke Bartlick/ DW)

Mauerreste und das heute als Bundesministerium genutzte einstige NS-Luftfahrtministerium

Das Wichtigste, was man Besuchern mitgeben wolle, sei, so Andreas Nachama, "dass sie ein Gespür dafür bekommen, dass das, was hier zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, eben nicht der Betriebsunfall ist, sondern dass das sehr gewollt herbeigeführt wurde. Und dass - das zeigen auch die faschistischen Regime, die es nach 1945 gegeben hat - das auch jederzeit wiederholbar ist."

Sichtbare Geschichte

Als sie noch ein Provisorium war, hat die "Topographie des Terrors" jährlich bis zu 500.000 Menschen verdeutlicht, wie es gelungen ist, eine Demokratie zu kippen und wie Geheime Staatspolizei und Einschüchterungspolizei funktioniert haben. Jetzt ist man auf noch mehr Besucher eingestellt. Und die dürfen sich natürlich nicht nur im Haus umsehen, sondern auch im Gelände. Ein Rundgang wurde angelegt: 15 Stationen, die Aufschluss geben über die Nutzung während der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit. Und weil das alles ziemlich düstere Jahre waren, hat man das gesamte Gelände mit grauem Schotter aufgefüllt.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Conny Paul

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