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Fokus Osteuropa

Tophoven: "Terror hat viele Motive"

Terroristen kommen aus verschiedenen ethnischen Gruppen. Der Terror-Experte Rolf Tophoven warnt im DW-Interview davor, nach dem Anschlag von Boston Tschetschenen unter Generalverdacht zu stellen.

Portrait von Rolf Tophoven, Terrorismus-Experte

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven

Deutsche Welle: Der Anschlag von Boston hat viele aufgeschreckt: Die Terroristen waren Tschetschenen. Die populistische BILD-Zeitung berichtet über Flüchtlinge aus Tschetschenien in Deutschland und verweist auf Angaben der Sicherheitsbehörden, wonach es einen so genannten Gefährder und rund 120 Personen geben soll, die "Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen könnten". Ist es überhaupt sinnvoll, potentiell gefährliche Personen nach ethnischer Zugehörigkeit zu ordnen?

Im Zielraum des Boston-Marathons explodierten zwei Sprengsätze (Foto: AP Photo/The Boston Globe, David L Ryan)

Beim Boston-Marathon explodierten zwei Sprengsätze

Rolf Tophoven: Man muss eindeutig feststellen: Der Anschlag in Boston, der von den beiden Brüdern aus Tschetschenien begangen wurde, ist kein Anschlag gewesen, der sich gegen die Tschetschenien-Politik der russischen Regierung richtete. Es war ein Anschlag in Amerika. Die Brüder sind seit zehn Jahren im Land. Von daher kann man nicht sagen, dass sie jetzt in Boston gebombt haben für Tschetschenien. Wenn sie das hätten tun wollen, dann wäre das irgendwo in Tschetschenien oder Dagestan geschehen. Ich glaube auch nicht, dass sie einen möglichen Tatverdächtigen nach seiner Herkunft einstufen können. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben den Terrorismus, der von militant islamistischen Terroristen ausgeht, sehr gut im Blick.

Was ist ein Gefährder? Was versteht man unter Personen, die Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen könnten?

Straftaten von erheblicher Bedeutung, die begangen werden könnten - das ist natürlich konjunktivisch. Das ist eine Möglichkeit. Auf der anderen Seite will ich erklären, was ein Gefährder ist. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen von ca. 200 Gefährdern in Deutschland aus. Das sind Leute, die noch keine terroristischen Straftaten begangen haben, die aber eine Nähe zu möglichen terroristischen Organisationen und Gruppen haben und in die terroristische Szene abgleiten können. Es sind Leute, die man im Blick hat, die man kennt, die man anspricht, keine Straftaten zu begehen. Sie sind sozusagen auf der Liste von Leuten, die möglicherweise terroristische Anschläge begehen.

Zu den radikalen islamistischen Personen zählen manche Salafisten. Wie ist da die ethnische Zusammensetzung?

Ich habe konkret keine Aufstellung über die ethnische Zusammensetzung der Salafisten. Zunächst einmal sagt man immer, es sind militante Islamisten, die der ganz strengen Richtung des Islam, dem Salafismus, anhängen. Im Salafismus gibt es mehrere Gruppen. Einmal gibt es Leute, die in die Urzeit des Islam zurückkehren und ganz streng nach der frühesten Phase des Islam um Mohammed leben wollen. Die zweite Gruppe sind Salafisten, die politisch agieren wollen. Die dritte Gruppe ist die gefährlichste. Das sind die Salafisten, die für den Dschihad, den Heiligen Krieg, eintreten und möglicherweise auch gewaltsam dafür kämpfen wollen. Solche salafistischen Strömungen können aus Saudi-Arabien kommen. Sie können aus Jemen kommen. Sie können sicherlich auch aus Tschetschenien kommen. Wir wissen, dass früher tschetschenische Kommandos auch sehr stark assoziiert waren mit der Terrorgruppe von Osama Bin Laden, mit Al-Kaida.

Haben Terroristen überhaupt eine Nationalität?

Es gibt in jedem Land Terroristen. Vor allen Dingen ist ganz wichtig, dass wir feststellen: Es gibt nicht DAS Profil. Das kann ein Deutscher sein, das kann ein Russe sein, das kann auch ein Saudi sein. Terroristische Operationen hängen von vielen Dingen ab. Sie können politisch motiviert sein. Sie können wirtschaftlich motiviert sein. Sie können, und das sehen wir leider mehr und mehr, auch religiös motiviert sein.

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