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Kultur

Topal: "Unser Problem ist nicht Multikulti"

40 Prozent der Menschen in Berlin-Neukölln haben ausländische Wurzeln. Der Bezirk ist immer wieder als Problemfall in der Diskussion. Ein Gespräch über Irrtümer mit Murat Topal - Expolizist und Comedian aus Neukölln.

Comedian Murat Topal (Foto: Katja Renner)

Comedian Murat Topal

DW: Der Berliner Bezirk Neukölln hat über 300.000 Einwohner - mehr als manche deutsche Großstadt. Vielen Menschen ist er nur als Problemkiez bekannt mit großer Armut, hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität, schlechten Bildungschancen für Kinder und Jugendliche. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky warnt in seinem Buch: "Neukölln ist überall". Sie haben 2011 über ihren Heimatbezirk das Werk "Neukölln - Endlich die Wahrheit von A-Z" geschrieben. Was sind denn die größten Irrtümer über Neukölln?

Murat Topals Stadtführer Neuköln - Endlich die Wahrheit von A-Z mit Sinn für Humor (Foto: be.bra verlag)

Stadtführer mit Sinn für Humor

Murat Topal: Es wird immer von Neukölln gesprochen, wenn es eigentlich nur um den Stadtteil Nord-Neukölln geht, also die Gegend rund um den Hermannplatz, die an Kreuzberg angrenzt. Trotzdem wird der ganze Bezirk als so genannter Problembezirk dargestellt. Dabei fällt hinten runter, dass Neukölln eine viel größere Fläche hat und Dinge zu bieten, die man hier nicht vermuten würde: viele kulturelle Einrichtungen, sehr reizvolle Grünflächen, eine interessante Geschichte. Mein Buch ist ein Stadtteilführer, der zeigen soll, dass Neukölln neben den Problemen ein sehr vielfältiger Stadtteil ist, in dem es sich lohnt, hinter die Fassade zu schauen. Für Berlin-Touristen, aber auch für Berliner selber.

In Nord-Neukölln liegt der Anteil an Migranten bei 50 Prozent, so hoch wie wohl in keinem anderen Stadtteil Deutschlands: Wie wirkt sich das aus?

Ein Merkmal von Nord-Neukölln ist sicherlich, dass sich durch die große Anzahl von Menschen mit ausländischen Wurzeln viele ihre eigene Versorgung geschaffen haben. Wenn man das möchte, kann man hier in seiner Muttersprache zurechtkommen, ohne Deutsch zu können. Lebensmittelgeschäfte, Ärzte, Reisebüros, Anwälte - es ist zumindest in der türkischen bzw. arabischen Sprache alles da, was man braucht. Ähnlich auch im Stadtteil Kreuzberg. Meiner Meinung nach wird aber immer wieder der Fehler gemacht, "die Migranten" oder "die Türken und Araber" zu pauschalisieren, weil es ja auch einfach ist, und die Probleme wie Armut, schlechte Bildungschancen und Drogen, die unstrittig da sind, immer wieder auf die geografischen Herkünfte der Menschen zurückzuführen.

Sie waren bis 2005 knapp zehn Jahre lang Polizist und sind in Kreuzberg und Neukölln im Streifendienst unterwegs gewesen, bevor Sie Ihr Comedy-Talent zum Beruf gemacht haben: Wie und was sehen Sie heute mit Ihrem Polizistenblick in Neukölln?

Kriminalität ist nach wie vor vorhanden. Aber ich persönlich habe mich noch nie unsicher gefühlt in Neukölln, wo ich aufgewachsen bin und noch immer lebe. Ich drehe mich hier auch nicht permanent um und vermute irgendwo eine potentielle Gefahr. Es gibt negative Entwicklungen, die sind aber gesellschaftlicher Natur, und es wäre falsch, die auf eine Bevölkerungsgruppe zu reduzieren. Mit solchen Äußerungen stößt man die Migranten vor den Kopf, die man sowieso zu wenig wahrnimmt, die aber täglich mit sehr viel Engagement in ihrer Community versuchen, kleine aber schwere Schritte in Richtung Integration zu machen. Und als Vermittler und Vorbild eine sehr gute Arbeit leisten.

Welche Erfahrungen haben Sie im Polizeidienst gemacht?

Ich habe oft zu meiner Zeit als Polizist auch rein deutschstämmige Jugendliche von der Dienststelle abholen lassen. Von völlig verzweifelten und überforderten Müttern, die sagten: 'Ich weiß auch nicht mehr, was ich mit dem machen soll'. Ich find es zudem falsch, junge Leute, die in der dritten, vierten Generation hier sind, als Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund zu bezeichnen. Das müsste viel mehr in den Hintergrund gerückt werden. Klar kann man dann berechtigterweise die Frage stellen: 'Warum sprechen die dann nicht richtig Deutsch?' Aber das ist bei einigen, die Müller und Schulze heißen auch nicht anders. Und unter denen gibt es genauso welche, bei denen ist zum Beispiel eine gewisse Hemmschwelle nicht mehr vorhanden. Da ist genauso eine Verrohung und Gewaltbereitschaft zu beobachten. Das ist in erster Linie ein Bildungsproblem, und da unterscheidet sich der Hussein immer weniger von Florian in den gleichen sozialen Strukturen.

Von Neuköllns langjährigem Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky stammt der Satz 'Multikulti ist gescheitert'. Trifft das zu?

Berlin-Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (Foto: dpa)

Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky

Ich würde das auf keinen Fall als gescheitert betrachten, auch wenn viele Leute das als blauäugig bezeichnen würden. Es kommt vermutlich auf die Herangehensweise an. Ich bin dankbar für jede Kultur, die ich kennenlernen kann, weil ich mir überlege, was kann ich Positives für mich daraus ziehen. Und da können wir Deutschen mit Sicherheit von anderen Kulturen lernen. Ich würde es auch deshalb nicht als gescheitert betrachten, weil Multikulti nicht die Ursache all unserer Probleme ist.

Wie lassen sich die Probleme, die es in Teilen Neuköllns und ähnlichen Wohngegenden gibt, womöglich lösen?

Gemeinsame Mahlzeit in einer Berlin-Neuköllner Kindertagesstätte (Foto: dpa)

Gemeinsame Mahlzeit in einer Neuköllner Kindertagesstätte

Das ist eine vielschichtige Problematik. Aber ein ganz wichtiger Faktor ist die Bildung und die Chancengleichheit darauf. Vielleicht muss man die Menschen wirklich zu ihrem Glück zwingen und dafür sorgen, dass die Jüngsten schon im Kleinkindalter in Kindertagesstätten mit qualifizierten Pädagogen sind. Da muss viel investiert werden, aber wenn die Kinder in die Grundschule kommen, können die ihren Bildungsrückstand kaum noch aufholen.

Sie sind ein deutschlandweit bekannter Comedian: Findet sich das Leben in Neukölln mit seiner Problematik auch in Ihrem Comedy-Programm wieder?

Tragik und Komik liegen ja bekanntermaßen nah beieinander. Die Inhalte meiner Programme haben alle einen wahren Ursprung. Und es ist glücklicherweise so, dass man vieles auch humoristisch betrachten kann. Ich bin insbesondere als Polizist auf Menschen vielfältigster Herkunft, Sprache oder Kultur getroffen. Und da erlebt man eben auch witzige Sachen. Ich parodiere solche Typen, aber nicht zu sehr. Wenn man nicht nur über den anderen lacht, sondern auch über sich selber und miteinander, dann bin ich zufrieden.

Murat Topal (Jahrgang 1975) ist im Berliner Bezirk Neukölln geboren und aufgewachsen. Er hat eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater. Nach seiner Ausbildung zum Polizisten hat er von 1996 bis 2005 als Streifenpolizist Dienst auf den Straßen von Neukölln und Kreuzberg geleistet - dem Nachbarstadtteil mit ebenfalls vielen Migranten unter den Bewohnern. 2005 hat Topal die Polizeimarke abgegeben und ist ausschließlich als Comedian in Deutschland unterwegs. Er engagiert sich nebenher in einigen Initiativen für ein Miteinander der Kulturen und gegen Gewalt unter Jugendlichen. Von ihm stammt das Buch "Neukölln - Endlich die Wahrheit von A-Z".

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