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Europa

"Toleranz ist oft nicht viel mehr als Desinteresse"

Nach der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh ist es zu Übergriffen auf islamische Einrichtungen in den Niederlanden gekommen. Die Fassade vom toleranten Einwanderungsland beginnt zu bröckeln.

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Angst nach dem Anschlag auf die Koranschule: Muslime in Eindhoven

Im niederländischen Eindhoven explodierte in der Nacht zum Montag (8.11.04) ein Bombe vor der "Tariq-Ibnu-Zyad"-Islamschule. Die Detonation war so stark, dass die Eingangstür der Schule sowie Fensterscheiben in der Nachbarschaft zerstört wurden. Menschen befanden sich in den frühen Morgenstunden glücklicherweise nicht im Gebäude.

Bereits am Wochenende waren in den Niederlanden Brandanschläge auf drei Moscheen verübt worden. In Amsterdam wurde am Samstagabend (6.11.04) ein Zentrum für Einwanderer mit roter Farbe beschmiert, weitere Vorfälle wurden aus Rotterdam gemeldet. Die Polizei schließt indes einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen und der Ermordung des umstrittenen Regisseurs Theo van Gogh nicht aus.

Islam-Kritiker

Van Gogh war am Dienstag (2.11.04) auf offener Straße in Amsterdam erstochen worden, nachdem er schon seit längerer Zeit Morddrohungen wegen eines islamkritischen Films erhalten hatte. Sein mutmaßlicher Mörder, ein 26-jähriger Marokkaner mit niederländischer Staatsbürgerschaft, hatte nach eigenen Angaben aus radikalislamischer Überzeugung gehandelt. Neben dem Hauptverdächtigen wurden sieben weitere Personen festgenommen. Am Dienstag (9.11.) soll Van Gogh in Amsterdam beigesetzt werden.

Filmregisseur Theo van Gogh erschossen

Theo van Gogh wurde am 2. November 2004 in Amsterdam von einem Islamisten ermordet

Der Mordanschlag und auch die Gegenreaktionen sind ein Schock für die Niederländer, schließlich sehen sie sich traditionell als weltoffene und tolerante Bürger: "Die Niederlande sind ein Land von Minderheiten", sagt Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien in Münster. "Die Menschen waren stets voneinander abhängig. Auch unsere politischen Parteien sind immer wieder auf Koalitionen angewiesen und haben gelernt, Kompromisse zu finden. Außerdem setzen die Niederlande als Handelsnation schon aus wirtschaftlichen Gründen auf Offenheit."

Kompromisse und Konflikte

Nun knistert es im Konglomerat aus unterschiedlichen Kulturen und Meinungen. Die Kompromissbereitschaft der Niederländer hat die eigentlichen Probleme der Gesellschaft kaschiert. Insbesondere in den Großstädten kommt es häufig zu Konflikten zwischen den Bevölkerungsgruppen. In einigen Schulen beträgt der Ausländeranteil bis zu 90 Prozent, weshalb Eltern ihre Kinder auf andere Schulen schicken.

Touristenschiff unter Grachtenbrücke der Prinsengracht in Amsterdam

Trügerische Idylle: Grachten in Amsterdam

"Die Integrationspolitik der vergangenen 20 bis 30 Jahre hat nicht viel gebracht", zieht Friso Wielenga ein trauriges Fazit. "Das betrifft sowohl die sprachlichen Fähigkeiten der Menschen, als auch die Integration auf dem Arbeitsmarkt. Die Zukunftsperspektiven insbesondere der jungen Marokkaner sind mehr als schlecht, die Jugend hängt zwischen Tür und Angel." Die Diskussion über Integration bewege sich schon seit längerer Zeit in schwierigem Fahrwasser. Man habe in den Niederlanden zwar immer von Integration gesprochen, aber nie die richtigen Maßnahmen getroffen, so der Professor.

Ratlosigkeit

Bislang lebten die Menschen eher nebeneinander statt miteinander: "Toleranz ist sicherlich ein Merkmal der Niederländer, aber viel zu oft bedeutet Toleranz nicht viel mehr als Desinteresse. Das ist ein großes Problem. Und nun herrscht Ratlosigkeit, alle fragen sich: Wie können wir solche Vorfälle verhindern?"

Die niederländische Ministerin für Ausländerfragen und Integration, Rita Verdonk, kündigte in einem Interview an, die Ausländerpolitik zu verschärfen. Und wer künftig in die Niederlande einwandern will, soll nach dem Willen der Regierung zuvor eine Prüfung ablegen müssen.

Im Nachbarland Belgien sind ebenfalls Konsequenzen aus dem Mordanschlag gezogen worden. Der belgische Innenminister Patrick Dewael will härter gegen Islamisten vorgehen. Behörden sollen künftig antisemitische oder anti-westliche Websites radikaler Moslemgruppen abschalten und extremistische Aussagen in arabischen Radiosendern verbieten können, sagte der Politiker.

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