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Nahost

Tolan: "Lage der Jesiden katastrophal"

Kämpfer des "Islamischen Staates" vertreiben im Nordirak gezielt Jesiden. Die humanitäre Katastrophe habe bereits begonnen, sagt der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland.

Jesidische Familien im Nordirak auf der Flucht (Foto:Reuters)

Jesidische Familien im Nordirak auf der Flucht

DW: Welche Nachrichten erreichen Sie über Ihre Glaubensbrüder im Nordirak?

Telim Tolan: Die Lage vor Ort ist katastrophal. Wir stehen nicht vor einer humanitären Katastrophe, sondern sind mittendrin. Die Menschen sind geflüchtet, nachdem die Terrorgruppe "Islamischer Staat" die Stadt Sindschar eingenommen hat. Sie sind in alle Richtungen geflüchtet, haben keine Nahrung, sind jetzt teilweise irgendwo in den Bergen ohne ausreichende Versorgung.

Wo spielt sich das alles ab?

Die Region ist im Nordirak, um die Stadt Sindschar herum. Das Gebiet liegt in der Nähe der syrischen Grenze. Dort leben über 80 Prozent der Jesiden im Irak, zirka 500.000. Die Jesiden sind dort beheimatet und stellen in diesem Gebiet wiederum 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung.

Was wissen Sie über Gewalttaten?

Wir haben Informationen darüber, dass Hinrichtungen stattfinden, dass Jesiden zum Glaubensübertritt zum Islam gezwungen werden. Die das verweigern, werden öffentlich hingerichtet. Wir haben Informationen darüber, dass Frauen und Mädchen entführt wurden und jetzt auf Basaren verkauft werden. Es gibt Vergewaltigungen. Das Ganze ist höchst dramatisch. Rund 200.000 der 500.000 Jesiden sind auf der Flucht, eine Zahl, die von der UN bestätigt wurde.

Wie erklären Sie sich den Hass gegenüber ihren Glaubensgenossen?

Das Jesidentum ist eine eigenständige Religion, dessen Wurzeln 2000 Jahre vor Christi Geburt zurückgehen. Es ist eine Religionsgemeinschaft, die eine ganz eigene Theologie hat und eine ganz eigene Vorstellung davon, wie die Welt erschaffen wurde. Insofern ist das völlig unterschiedlich zu dem, was im Islam an Theologie vorhanden ist. Dass die Jesiden besonders im Fokus der Terroristen sind, hängt damit zusammen, dass man die Jesiden nicht als rechtmäßige Religionsgemeinschaft anerkennt. Die Terroristen meinen, dass sie zwangsbekehrt oder getötet werden müssen, wenn sie sich nicht der rechtmäßigen Religion anschließen.

Wie geht es Ihnen und den Jesiden, die inzwischen hier zu Hause sind?

In Deutschland leben zirka 100.000 Jesiden, die in einer absoluten Schock-Situation sind. Die Jesiden hier wissen, zu was die Islamisten im Irak fähig sind. Sie alle kennen ja die Bilder, die in den Medien verbreitet wurden. Ähnliche Gräueltaten spielen sich jetzt auch in Sindschar ab. Das macht die Menschen extrem traurig. Sie solidarisieren sich sehr stark mit ihren Schwestern und Brüdern in der Heimat. Es finden Kundgebungen und Konferenzen statt. Wir wenden uns an Institutionen, Politiker, die Bundesregierung und bitten um Hilfe für die Menschen im Irak. Wir haben jetzt eine Spendenaktion ins Leben gerufen und sorgen dafür, dass die Gelder in den Irak gelangen, um dort Sofortmaßnahmen einleiten zu können.

Was fordern Sie?

Unsere eindringliche Bitte an die Vereinten Nationen und die Bundesregierung ist es, darauf hinzuwirken, dass erst einmal humanitäre Hilfe geleistet wird, dass man Sofortmaßnahmen ergreift, um die Versorgung der Menschen sicherzustellen. Dann ist es sehr wichtig, dass die Schutztruppen der UN hier eingreifen. Die Streitkräfte vor Ort haben das Gebiet Sindschar nicht mehr im Griff. Der "Islamische Staat" beherrscht das Gebiet. Und hier muss massiver Schutz erfolgen durch die UN-Schutztruppen, durch die Verstärkung der Truppen aus den kurdischen Streitkräften und auch des Zentralirak.

Telim Tolan ist Vorsitzender des Zentralrats der Jesiden in Deutschland mit Sitz in Oldenburg.

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