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Kultur

Tokio Hotel: "Kleine Clubs, große Party"

Über viele Jahre waren sie die erfolgreichste Teenie-Band aus Deutschland, doch dann zogen sich Tokio Hotel aus dem Rampenlicht zurück. Auf einer Europa-Tour stellen sie ihre aktuelle CD vor. DW traf die Band in Paris.

Video ansehen 04:12

Tokio Hotel - auf Clubtour durch Europa

Deutsche Welle: 2007 habt Ihr zum französischen Nationalfeiertag vor mehreren Hunderttausend Menschen am Eiffelturm gespielt, doch in die Clubs Eurer "Feel It All World Tour" passen nur mehrere Hundert Zuschauer hinein. Warum fällt diese Tournee so klein aus?

Bill Kaulitz: Es ist halt etwas ganz anderes als das, was wir vorher gemacht haben. Es ist viel intimer und es ist eine ganz andere Stimmung als in so einer großen Halle. Trotzdem haben wir wahnsinnig viel Technik mit dabei, denn die Idee war, dass wir die Orte in Nachtclubs verwandeln und die Leute auf eine große Party mitnehmen.

Könnt Ihr Euch denn noch daran erinnern, wann Ihr zuletzt auf so kleinen Bühnen aufgetreten seid?

Tom Kaulitz: Nein, das ist echt lange her. Aber das war ja auch genau der Gedanke dahinter. Wir wollten das eigentlich schon lange machen, sogar zum letzten Album schon, aber wir sind nie dazu gekommen. Und diesmal haben wir gesagt, dass wir das direkt planen - schon bevor das Album überhaupt veröffentlicht wurde. Und wir fanden das für unseren Start auch einfach mal ganz gut. Das ist jetzt Teil 1 der Welt-Tour, und dann Ende des Jahres gehen wir auf große Tour.

Tom und Bill wohnen ja inzwischen in Los Angeles und Georg und Gustav in Magdeburg. Wie plant man über solche Distanzen eine Welttournee?

Kings Of Suburbia von Tokio Hotel (CD-Cover)

"Kings Of Suburbia" heißt die aktuelle CD von Tokio Hotel

Bill Kaulitz: Also, wir haben das alles in Berlin gemacht: Dann treffen wir uns und wohnen dann auch teilweise zusammen. Wir sperren uns für ein paar Wochen irgendwo rein. Und dann verbringen wir eigentlich von früh bis spät den ganzen Tag zusammen, machen die Setlist und Tom produziert dann auch die ganzen Sachen im Hintergrund und das ist einfach unglaublich viel Vorbereitung. Jetzt auf der Tour haben wir ganz viele Sachen, die - weil das Album so elektronisch ist – einen riesigen technischen Aufwand bedeuten, um die ganzen Sounds so umzusetzen, wie sie auf der Platte sind.

Euer neues Album habt Ihr ausschließlich auf Englisch eingesungen, ältere Songs gibt es in deutschen und englischen Versionen. Passt Ihr die Setlist von Ort zu Ort an die Wünsche der Fans an?

Bill Kaulitz: Eigentlich nicht. Wir haben einen deutschen Song dabei, den wir immer auf Deutsch machen ("Durch den Monsun", Anmerkung der Red.), weil ich einfach weiß, dass die Fans das so gerne mögen. Aber wir müssen sagen, wir fühlen uns eigentlich mit dem Englischen wohler. Darum haben wir das neue Album dann auch nur auf Englisch gemacht. Ich würde jetzt nicht ausschließen, dass wir nochmal einen Song auf Deutsch machen, aber ich mochte dieses Übersetzen einfach nicht mehr: Dieses Hinsetzen und wirklich jeden Song eins zu eins übersetzen - das war einfach sehr technisch irgendwann und da ging so viel verloren.

Warum singt Ihr überhaupt nur noch auf Englisch?

Bill Kaulitz: Wir haben damit schon relativ früh angefangen, ich glaube 2007. Damals haben wir die deutschen Songs übersetzt, weil da so viel Nachfrage im Ausland war und wir dachten: "Okay, wir wollen ja, dass die uns auch irgendwie verstehen." Und dann hat das so gut funktioniert und dann haben wir uns relativ schnell damit wohl gefühlt. Dadurch, dass wir in Amerika wohnen, ist unser Englisch auch viel besser geworden, und ich habe angefangen, wirklich auf Englisch zu schreiben und auf Englisch zu denken. Und dann war es irgendwie viel natürlicher als auf Deutsch zu schreiben. Es gibt ganz viele deutsche Sachen, die super erfolgreich sind in Deutschland, die ich aber ganz schlimm finde. Das geht ganz schnell in Richtung Schlager. Ich finde es schwer, coole deutsche Texte zu machen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es mit manchen Songs nicht mehr funktioniert hat. Und ich mache lieber keinen deutschen Song, als dass er irgendwie ein bisschen uncool ist.

Nicht nur die Texte, sondern auch Euer Sound hat sich stark verändert. Was waren die Einflüsse?

Bill Kaulitz: Da kommen mehrere Sachen zusammen. Zum Einen haben wir das Album zum ersten Mal selber produziert. Und wir sind überhaupt keine Kompromisse eingegangen. Zum Anderen sind wir alle ein bisschen älter geworden und unser musikalisches Interesse ist ein bisschen anders. Wir waren super viel in Nachtclubs feiern und mit DJs unterwegs und wir mögen auch total gern elektronische Musik und so ist das irgendwie gekommen.

Und wie bekommt Ihr anderen beiden in Magdeburg ein Gefühl für die Club-Welt? Fliegt Ihr dafür regelmäßig in die USA?

Georg Listing: So ungefähr ist das abgelaufen. Die Club-Welt in Magdeburg ist ja beschränkt, um es vorsichtig auszudrücken.

(alle lachen)

Band Tokio Hotel

Tokio Hotel: Bill und Tom Kaulitz wohnen in den USA

Georg Listing: Wir waren öfter mal in L.A. und Berlin ist ja auch nicht so weit weg von Magdeburg.

Tom Kaulitz: Aber wenn man in Magdeburg in einer Bar sitzt und ordentlich was trinkt, dann wirkt auch das auch schnell clubmäßig. Dann siehst du auch nur noch bunte Lichter.

Gustav Schäfer: Da hast Du recht.

Ihr steht ja seit fast zehn Jahren im Rampenlicht. Wenn Ihr zurückblickt: Gibt es Dinge, die ihr besser nicht gemacht hättet oder für die Ihr Euch schämt?

Bill Kaulitz: Ja, natürlich gibt es solche Sachen, die man heute nicht mehr so machen würde. Auf der anderen Seite will ich aber nichts ungeschehen machen wollen, weil wir ja nur wegen unserer ganzen Historie heute hier sind. Man lernt natürlich mit jeder Tournee, mit jedem Konzert, mit jedem Song und aus den ganzen Fehlern. Aber wenn wir bestimmte Sachen gemacht haben, war das immer authentisch. Darum haben wir nicht das Gefühl, dass wir zurück gucken und sagen: 'Da hat uns aber irgendwer zu gezwungen.' Also das waren wir dann auch immer wir selber und darum kann man damit ganz gut leben, weil man das eben selber so gut fand.

Und wie ist das mit alten Outfits oder Stylings?

Tom Kaulitz: Da geht es uns natürlich wie allen anderen auch: Wenn man sich alte Fotos anguckt, kann man nicht mehr nachvollziehen, wie man so rumgelaufen ist. Wenn ich das jetzt hier in drei, vier Jahren angucke, werde ich wahrscheinlich auch sagen: 'Naja'.

Georg Listing: Das kann ich Dir jetzt schon versprechen!

Tom Kaulitz: Also ich meine, ich sah schon immer irgendwie mit am besten aus hier in der Band. Das hat sich nicht geändert.

(Tom und Georg lachen)

Bill hat 2010 in einem Interview gesagt, er und Tom mögen den Stil des jeweils anderen überhaupt nicht. Inzwischen gibt es aber schon eine stilistische Annäherung, oder?

Tom Kaulitz: Ich finde Bill geht immer weiter in meine Richtung.

Tokio Hotel

Vor zehn Jahren der Durchbruch: So sahen Tokio Hotel 2005 aus

Bill Kaulitz: Ach nein, so ein Quatsch. Er hat früher ja nur Hip-Hop-Sachen getragen und er hat dann immer gesagt, das werde sich nie ändern. Er fand das immer ganz schlimm, dass ich auf irgendwelche Designerklamotten stand. Und mittlerweile geht er in meinen Kleiderschrank und holt sich die Sachen raus und kauft auch teilweise dieselben Sachen.

Tom Kaulitz: Das ist eine Lüge. Aber ich finde es schön, dass man es mal filmen kann, wie er lügt.

Bill Kaulitz: Also, wir nähern uns auf jeden Fall an. Wir haben auch teilweise echt so dieselben Klamotten, nur in unterschiedlichen Größen.

Und bei Euch beiden anderen ist Style kein großes Thema?

Bill Kaulitz: Kein Thema!

(alle lachen lauthals)

Gustav Schäfer: Gar kein Thema.

Georg Listing: Ich ziehe was an, damit mir nicht kalt ist, ja.

In letzter Zeit wurdet Ihr ja immer sehr stark von der Boulevardpresse kritisiert. Wie sehr schmerzt Euch so etwas?

Tom Kaulitz: Man gewöhnt sich dran, aber es stört natürlich trotzdem. Das Schlimme ist, dass immer alle Leute diesen Quatsch voneinander abschreiben. Das nervt natürlich schon. Aber insgesamt ist das so seit der ersten Sekunde. Also seit "Monsun" draußen ist, ging das für uns noch nie anders.

Bill Kaulitz: Genau, das hat uns von Anfang an in unserer Karriere begleitet. Und das war natürlich auch einer der Gründe, warum wir uns eine Weile lang zurückziehen wollten. Ich mag zum Beispiel diese ganzen Celebrities nicht, die rumrennen und gar nichts machen und in den Medien sind. Wir haben da gar keinen Bock drauf: Wir wollen eigentlich nur Musik machen und da kommt das halt dazu.

Tom Kaulitz: Wenn ich keine Platte draußen habe, dann will ich auch nicht in der Zeitung sein…

Bill Kaulitz: …und wenn das zu viel wird, dann sind wir eher so, dass wir uns zurückziehen, damit das wieder ein bisschen runter kocht, um dann wieder Musik zu machen. Aber na klar, manchmal wünscht man sich, dass der Fokus mehr auf den Sachen ist, die wir wirklich machen und das, was auf der Bühne passiert, und die Songs, die wir schreiben.

Habt Ihr ein Lieblingsgerücht über Euch?

Tom Kaulitz: Über uns stand ja schon alles drin. Also eigentlich wiederholt sich das ja auch immer irgendwann mit irgendwelchen Falschmeldungen. Man kann sagen, dass 95 Prozent der Sachen, die in der Zeitung stehen sowieso alle nicht stimmen. Da ist immer ein Fünkchen Wahrheit irgendwo, aber…

Georg Listing: …der Rest ist ausgedacht…

Tom Kaulitz: … frei erfunden. Und ja, bei uns gab es ja schon alles.

Georg: Tod, schwanger…

Bill Kaulitz: …drogenabhängig…

Was haben Tokio Hotel 2015 noch zu sagen?

Bill Kaulitz: Ich glaube, es hat uns wahnsinnig gut getan, eine Weile mal nichts zu machen. Für uns war das Allerwichtigste, dass wir gesagt haben: "Wir wollen ein Album machen, das uns wieder richtig Spaß macht, wo wir richtig Bock drauf haben." Und nicht einfach noch ein Album raushauen, um eines zu machen, was genau so klingt, wie das davor, um irgendwie was zu bedienen. Wir wollten, dass wir wieder selber richtig Bock und Spaß dran haben. Und das haben wir komplett erreicht. Es fühlt sich auch gut an auf der Bühne und ich glaube, man merkt das. Und man spürt das auch in allen Videos, die wir machen und in allem Kreativen drum herum.

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