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Fußball

Tognoni: "FIFA noch tief im Schlamm"

Der Weltfußball-Verband steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Präsident Sepp Blatter ist gesperrt. Eine Lösung ist nur durch umfangreiche Reformen möglich, erklärt FIFA-Kritiker Guido Tognoni im DW-Interview.

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Guido Tognoni im DW-Interview

DW: Die FIFA hat seit dem letzten Wahlkongress neun turbulente Monate hinter sich. In welchem Zustand befindet sich der Fußball-Weltverband?

Guido Tognoni: Die FIFA befindet sich in einem sehr schwierigen Zustand und wird noch einige Monate, wenn nicht Jahre brauchen, um die notwendige Stabilität zu erreichen, die man von ihr erhofft und von ihr erwartet.

Hat Sepp Blatter noch Einfluss?

Er hat sehr viel Einfluss verloren. Man spürt auch innerhalb der FIFA-Belegschaft, dass sich die Stimmung gedreht hat. Die Ära Sepp Blatter ist zu Ende.

Man hat ja erkannt, man braucht Reformen. Es gab eine Kommission unter Leitung von Francois Carrard. Die hat drei wesentliche Punkte benannt: Die FIFA benötigt eine andere Struktur, eine neue Kultur und mehr Transparenz. Bringt das die Lösung der Probleme?

Es ist der Druck der Situation, die zum Handeln zwingt. Eine Beschränkung der Amtszeit ist längst fällig. Die Trennung des kommerziellen und politischen Bereichs wurde schon vor 15 Jahren diskutiert und damals von Sepp Blatter abgelehnt. Es sind banale Sachen. Die Lösung kann nicht durch das Papier, sondern nur durch die handelnden Personen erfolgen.

Ein Name fällt immer wieder, wenn es um die Kandidaten geht. Das ist Scheich Ahmad al Sabah aus Kuwait, einer der großen Strippenzieher im Weltsport. Er hat gesagt, Die FIFA brauche keine Hilfe von außen. Die 'Familie' löse ihre Probleme allein. Das stimmt nicht gerade optimistisch in Sachen Reform.

Das hat Sepp Blatter auch immer gesagt und nichts ist gelöst worden. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass jetzt schon aller Schmutz offen gelegt worden ist. Der Schlamm, in dem die FIFA steckt, ist noch tief. Es werden noch mehr üble Zustände aufgedeckt werden. Es können noch Verhaftungen kommen. Die Ermittlungsbehörden stehen noch am Anfang. Da sind Sprüche, dass die 'Familie' alles selbst regelt, völlig fehl am Platz.

Guido Tognoni FIFA-Kritiker im DW-Interview (Foto: Copyright: DW/A. Berger)

FIFA-Kritiker Guido Tognoni im DW-Interview in Küsnacht am Zürichsee: "Überraschungen sind auszuschließen"

Scheich Ahmad al Sabah hat Scheich Salman Chalifa aus Bahrain, dem auch die Verwicklung in Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wird, zum Favoriten erkoren. Ist er der richtige Kandidat?

Scheich Salman Chalifa steht für den Aufstieg der Staaten am Golf. Es ist möglich, dass er die Wahl gewinnt. Aber der Druck von außen ist enorm groß. Das ist der Unterschied zur FIFA von gestern. Die Regierungen, die NGOs, die Schweizer Justiz - alle machen Druck. Dem muss jeder neue Präsident nachgeben. Er kann nicht mehr so weitermachen wie bisher.

Die Europäer versammeln sich hinter UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino. Er war erst der 'Platzhalter' für Michel Platini. Ist er der richtige Mann, die FIFA zu reformieren? Sein großes Projekt ist ja eine WM mit 40 Ländern.

Dass ein europäischer Kandidat eine 40er-WM vorschlägt, ist Unsinn. Das ist schlecht für den Fußball. Das ist reine Wahlfängerei.

Die drei anderen Kandidaten sind nur Zählkandidaten? Oder können wir bei diesem Kongress noch mit einer Überraschung rechnen?

Ich glaube, Überraschungen sind weitgehend auszuschließen. Tokyo Sexwale hat eine völlig kraftlose Kampagne geführt. Man weiß gar nicht, was er wirklich will. Prinz Ali wird nicht mehr die 73 Stimmen schaffen, die er im vergangenen Mai geschafft hat. Das waren zum großen Teil Proteststimmen gegen Sepp Blatter. Mit Jerome Champagne habe ich ein paar Jahre zusammen gearbeitet. Das ist sicher ein sehr guter Mann. Er kennt die FIFA in- und auswendig. Er hat ein klares Programm. Sein großes Handicap: Er hat keine Hausmacht. Er bringt keinen Stimmenblock mit.

Werden wir am 26. Februar einen Kongress erleben, der die Tore in die Zukunft weit aufmacht oder wird es ihm so gehen wie dem letzten, dass er durch Einflüsse von außen schnell Makulatur wird?

Ich würde ihn als einen Übergangskongress bezeichnen. Es ist der Versuch, die FIFA vom Notzustand wieder in den Normalzustand zu führen. Es wird ein neuer Präsident gewählt. Es braucht einen neuen Generalsekretär. Ich denke, dass diese beiden Personen in den Monaten nach der Wahl einen gewissen Kredit verdienen.

Guido Tognoni (65) ist studierter Jurist. Nach seiner Tätigkeit als Sportjournalist arbeitete er elf Jahre als Mediendirektor bei der FIFA und wurde dann von Sepp Blatter entlassen. Heute ist er einer der schärfsten Kritiker des Fußball-Weltverbandes.

Das Interview führte Herbert Schalling.

Programmhinweis: Die DW sendet in dieser Woche - ab Dienstag, 23. Februar 2016 - die Dokumentation "Die Fußball-Mafia - Blatters vergiftetes Erbe". Die Sendezeiten im deutschen Programm: Dienstag, 23.02.2016: 18:15 Uhr MEZ / Mittwoch, 24.02.2016: 12:15 Uhr MEZ / Mittwoch, 24.02.2016: 21:15 Uhr MEZ / Donnerstag, 25.02.2016: 01:15 Uhr MEZ

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