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Fußball

Tognoni: "Deutschland muss aus FIFA-Starre erwachen"

Wie geht es nach Joseph Blatters Rücktritt weiter? Der FIFA-Insider und -Kritiker Guido Tognoni spricht im DW-Interview über Blatters Motive und die Rolle der Europäer in der derzeitigen Krise.

DW: Herr Tognoni, Joseph Blatter ist weg. Hat Sie der Zeitpunkt seiner Rücktrittsankündigung überrascht?

Guido Tognoni: Nicht nur mich, rund um den Globus sind alle von dem Rücktritt überrascht worden, einige Tage nach der Wahl. Das war wirklich nicht zu erwarten. Ich glaube, die Leute sind jetzt noch perplex. Man wird sehen, wie sich der Fußball nach diesem Ereignis neu ordnen wird.

Sie kennen Blatter ja aus jahrelanger Zusammenarbeit persönlich. Was hat ihn Ihrer Ansicht nach letztendlich zu seinem Schritt motiviert?

Ich glaube, es war der Druck von außen. Nicht der des Fußballs, weil einige Verbände gegen ihn waren. Das musste er schon lange miterleben, dass die halbe Fußballwelt sich ihm gegenüber oppositionell verhielt. Es muss der Druck der Amerikaner gewesen sein. Die US-Justiz ist bekannt dafür, dass sie einen Knochen nicht so schnell loslässt, an dem sie sich einmal festgebissen hat. Nach den Ereignissen der vergangenen Woche gehe ich davon aus, dass sich Sepp Blatter auch von Rechtsanwälten in den USA beraten ließ, wie es weitergehen könnte. So hat er wenigstens aus eigenem Antrieb zurücktreten können und ist nicht von außen dazu gedrängt worden.

Es wird spekuliert, dass auch gegen ihn persönlich ermittelt wird. Halten Sie das für wahrscheinlich?

Joseph Blatter. Foto: dpa-pa

Joseph Blatter

Möglich. Das Drohszenario ist jetzt einfach da. Die Amerikaner treiben die FIFA mit ihren Aktionen vor sich her. Man wird in den nächsten Tagen oder vielleicht auch erst in zwei bis drei Wochen wissen, wie viel der letztlich doch noch stilvolle Rücktritt Sepp Blatters wirklich wert war. Wenn er nur erfolgte, weil ihm die Amerikaner so nahe auf die Pelle rückten, dass er Angst haben musste, dass er auch drankommt, ist der Rücktritt nicht mehr so viel wert, wie es jetzt noch den Anschein hat. Die Amerikaner haben Blatter sicher als Zielscheibe ausgesucht. Aber die FIFA wird sich nicht einfach aufs Schafott legen und warten, bis die Amerikaner zuschlagen. Es wird interessant sein, wie die juristische Auseinandersetzung in den nächsten paar Wochen vor sich geht.

Viele äußern sich jetzt erleichtert über Blatters Rücktritt. War das wirklich der große Befreiungsschlag für die FIFA?

Zunächst einmal ja, aber wenn man sich fragt, was kommt nun, dann gibt es viele Fragezeichen. Es ist kein Nachfolger in Sicht. Es droht ein Auseinanderdriften der Kontinentalverbände. Man muss abwarten, bis alle wieder Luft geholt haben und sich neue Koalitionen formieren. Begeistert sind die Engländer, zufrieden sind die Deutschen, zufrieden sind auch viele andere. Aber was machen sie jetzt aus dieser Situation?

Blatter hat einen außerordentlichen FIFA-Kongress irgendwann zwischen Dezember 2015 und März 2016 angekündigt. Bis dahin will er selbst das Ruder behalten und Reformen in die Wege leiten. Wie realistisch ist das?

Wenn die Amerikaner weiter extremen Druck auf Blatter ausüben, wird er wahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, das Amt in der gewünschten Form weiterzuführen. Wenn das nicht der Fall sein sollte, ist es besser, als wenn Blatter von heute auf morgen zurückgetreten wäre und ein Vakuum hinterlassen hätte. Er ist immerhin noch in der Lage, den Laden einigermaßen zu führen, einen neuen Kongress einzuberufen. Ich gehe davon aus, dass er nicht mehr in diesem Jahr stattfinden wird, eher im Frühling 2016. Aber das gibt der FIFA und allen beteiligten Interessengruppen die Möglichkeit, etwas Luft zu holen und die Zukunft einigermaßen ordentlich zu planen.

Joseph Blatter hat die FIFA reagiert wie ein Sonnenkönig. Wer könnte in seine Fußstapfen treten?

Fifa-Vizepräsident Prinz Ali bin al-Hussein. Foto: Pressefoto Ulmer

FIFA-Vizepräsident Prinz Ali bin al-Hussein

Diesen Mann oder diese Frau gibt es eben nicht. Es zeichnet sich nirgends ein Leader ab, der mit neuen Ideen eine moderne FIFA aufbauen könnte. Einen Prinz Ali [Der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein unterlag bei der FIFA-Wahl am vergangenen Freitag. Anm. der Redaktion] kann man nicht noch einmal bringen. Luis Figo [Der frühere Weltfußballer aus Portugal zog seine Kandidatur zurück.] ist leider schon ein bisschen verbrannt. Es gibt einen Jérôme Champagne [Ex-FIFA-Funktionär, der zunächst gegen Blatter antreten wollte, dann aber zurückzog], der sicherlich fähig wäre, es zu tun. Aber dass er auch den nötigen Rückhalt findet, ist zu bezweifeln, vor allem, weil er mit Michel Platini [UEFA-Präsident] über Kreuz liegt. Es gibt diesen Heilsbringer im Moment nicht. Vielleicht ist es auch gut so, dass man vor einem blanken Papier steht. Wer sagt denn, dass ein Mann unbedingt aus dem Fußball kommen muss, um diesen Konzern zu führen? Das ist ja auch nicht gottgegeben. Man hat jetzt die wichtige Gelegenheit, um elementare Sachen zu verbessern. Mir scheint vor allem wichtig, dass man die Amtszeit des FIFA-Präsidenten beschränkt. Sonst sucht man wieder einen Supermann, der die nächsten 20 Jahre im Amt bleiben will. Das ist nicht erwünscht. Auch das Stimmrecht der einzelnen Verbände muss geändert werden. Sie stehen ja nicht mehr repräsentativ für das, was in der realen Welt des Fußballs geschieht.

Wie sehen Sie die künftige Rolle der Europäer?

Sie müssen eine wichtige Rolle übernehmen, sie müssen die Versöhner spielen. Sepp Blatter hat ja immer gezielt verbreitet, dass die FIFA und er selbst den Rest der Welt gegen die Gier der Europäer schützen. Diese Gier habe ich nicht feststellen können. Europa hat sich eigentlich immer selber genügt und wollte keine große weltpolitische Rolle spielen. Aber jetzt ist Europa als fußballerisches und kommerzielles Zentrum des Fußballs wirklich gefragt. Die Europäer müssen die Führung übernehmen, sonst entgleitet ihnen das Geschehen. Und das wäre für die Zukunft der FIFA wirklich bedauerlich.

Sehen Sie eine besondere Verantwortung des Deutschen Fußball-Bundes? Immerhin steht Wolfgang Niersbach dem weltweit größten Verband vor.

DFB-Chef Niersbach im Gespräch mit UEFA-Präsident Platini. Foto: dpa-pa

DFB-Chef Niersbach (r.) und UEFA-Präsident Platini

Genau, Sie sagen es. Und dazu ist Deutschland noch Weltmeister. Deutschland hat in all den Jahren, in denen ich die FIFA kenne, in stiller Ergebenheit gegenüber diesen vier Buchstaben verharrt und nie eine Führungsrolle gesucht. Deutschland hat international zwar nicht so viele natürliche Verbündete wie die Engländer oder die Franzosen. Aber Deutschland müsste mal aus dieser Starre erwachen und sich der Verantwortung bewusst sein, die der größte, wichtigste und zurzeit auch mit Abstand erfolgreichste Fußballverband der Welt eigentlich auf sich nehmen müsste. Wolfgang Niersbach, dem die politische Erfahrung aus verständlichen Gründen fehlt, muss ja nicht alleine vorne stehen. Aber es wäre schade, wenn Deutschland das aktuelle Vakuum nicht ausnutzen würde, um sich in eine bessere Position als bisher zu bringen. Politisch, nicht fußballerisch.

Gäbe es aus Ihrer Sicht eine Alternative zur FIFA?

Ich könnte mir vorstellen, dass einige Unternehmer sagen, die wichtigsten Nationen und die wichtigsten Clubs schließen sich zu einer Interessengruppe zusammen. Das könnte sogar funktionieren. Aber die Idee FIFA als weltumspannende Organisation ist ja nicht schlecht. Sie wurde nur von Funktionären pervertiert, die FIFA sei vor allem für ihre persönliche Bereicherung da. Die Mentalität muss geändert werden. Ich finde, man muss die Idee FIFA weiterhin prägen: weltumspannend zur Förderung des Fußballs, auch mit Rücksichtnahme auf die Kleinen. Aber eben diese Rücksichtnahme ist in letzter Zeit derart abartig geworden, dass sie in dieser Weise nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Der Schweizer Jurist und Journalist Guido Tognoni, der am kommenden Freitag seinen 65. Geburtstag feiert, war von 1984 bis 1995 Pressechef der FIFA. 2001 kehrte er als Marketingchef zum Fußball-Weltverband zurück. Zwei Jahre später trennte sich die FIFA von Tognoni, offenkundig wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Blatter. Seitdem gehört Tognoni zu den wichtigsten Kritikern des Fußball-Weltverbands.

Das Interview führte Stefan Nestler.

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