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Kampf um Charlie

Todkrankes Baby Charlie: Neue Frist bis Donnerstag

Seit Monaten kämpft ein britisches Paar darum, dass sein todkrankes Baby weiterleben darf. Die behandelnden Ärzte sagen, die Fortsetzung der Behandlung bedeute für den kleinen Charlie nur die Fortsetzung des Leidens.

Großbritannien: Eltern von Baby Charlie Gard, Connie Yates und Chris Gard (Reuters/P. Nicholls)

Kämpfen um ihren Sohn: Connie Yates und Chris Gard

Am 4. August wird Charlie Gard ein Jahr alt - wenn er diesen Tag noch erlebt. Denn Charlie ist todkrank; er wird nur noch von Maschinen am Leben erhalten. Die Mediziner sagen, sein Fall sei hoffnungslos. Seit Monaten kämpfen Charlies Eltern für die Fortsetzung der Behandlung, aber die Richter, die von den Eltern angerufen wurden, sind derselben Meinung wie die Ärzte. Die emotionale Berg-und-Talfahrt der Eltern und ihrer Unterstützer geht in dieser Woche weiter: Der Fall wird vor Gericht erneut aufgerollt.

Charlie hat MDDS (mitochondriales DNA-Depletionssyndrom), eine seltene genetische Erkrankung, die die Zellen eines Körpers schädigt. Nach und nach hören immer mehr Organe auf zu funktionieren: Im Oktober vergangenen Jahres bekam das Baby Atemschwierigkeiten; im Dezember kamen erste Schäden des Gehirns dazu - Charlie konnte nicht mehr hören, nicht mehr selbständig atmen. Inzwischen kann er sich nicht mehr bewegen oder ausdrücken, was er fühlt. Er wird künstlich ernährt. Wenn er die Augen öffnet, weiß niemand, ob er noch wahrnimmt, was er sieht. Die Ärzte am Great Ormond Street-Kinderkrankenhaus in London sagen, sie könnten nichts mehr für ihn tun.

Eine unerprobte Therapie

Charlies Eltern, Connie Yates und Chris Gard, wollen ihren Sohn nicht aufgeben. Zwar gilt MDDS als unheilbar, doch das Paar setzt seine letzten Hoffnungen auf US-amerikanische Ärzte, die eine experimentelle Behandlungsweise namens Nukleosid-Therapie erforschen. Den Forschern ist es gelungen, bei Labormäusen die Symptome von MDDS zu reduzieren; auch der Zustand erkrankter Kinder soll sich nach der Anwendung der Therapie gebessert haben. Es gibt jedoch noch keine Erfahrungen mit der spezifischen Art der Krankheit, an der Charlie leidet. In einem Interview mit der BBC sagte einer der Ärzte, der anonym bleiben wollte, die Therapie verspreche keine Heilung der Krankheit. Vielleicht könne Charlie danach "interagieren, lächeln, Dinge betrachten". Die Therapie betrete aber in jedem Fall medizinisches Neuland.

Great Ormond Street Hospital für Kinder in London (picture-alliance/empics/PA Wire/J. Stillwell)

Great Ormond Street-Kinderkrankenhaus: Streit um ein todkrankes Kind

Bisher wollten die Londoner Ärzte einer Weiterbehandlung auf der Grundlage einer kaum erforschten, ungetesteten Therapie nicht zustimmen. Stattdessen wollten sie die lebenserhaltenden Maschinen abschalten und das Baby sanft sterben lassen, um es nicht unnötig leiden zu lassen. Normalerweise einigen sich in Großbritannien - wie in anderen Staaten auch - Mediziner mit den Eltern todkranker Kinder über den Fortgang oder das Ende ihrer medizinischen Bemühungen. Wenn sie aber zu keiner Einigung kommen, greift oft die britische Justiz ein, die dann versucht, im Interesse des Kindes zu entscheiden. Charlies Eltern konnten oder wollten die Entscheidung der Mediziner nicht hinnehmen. Seitdem haben Juristen das Wort.

Ärzte, Juristen und ein verzweifeltes Paar

Der Oberste Gerichtshof Großbritanniens bestätigte das Urteil des Londoner High Court, dass die Ärzte im Interesse des Babys die Beatmung abstellen dürften. Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erreichten die verzweifelten Eltern eine Einstweilige Verfügung, wonach das Kind vorläufig am Leben erhalten werden müsse. Letztendlich entschieden aber auch die europäischen Richter gegen den Willen der Eltern: Die Reise zu einer Behandlung in den USA würde Charlie unnötiges Leiden verursachen.

Nun schaltete sich sogar der Papst ein und bezeichnete die Hilfe für Kranke als "Pflicht der Liebe". Das Kinderkrankenhaus des Vatikans "Bambino Gesú" erklärte sich bereit, Charlie aufzunehmen. Die Verlegung nach Rom kam jedoch nicht zustande, weil die katholischen Mediziner sich weigerten, verbindlich zuzusagen, dass sie gegebenenfalls die lebenserhaltenden Maschinen abschalten würden.

Eine letzte Hoffnung

Auf der Website charliesfight.org beschreiben die Eltern den Kampf für die Fortsetzung der Behandlung ihres Sohnes und bitten um Spenden, um Charlie in die USA bringen zu können. Bisher sind mehr als 1,3 Millionen Pfund zusammengekommen. Auch auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter sind die Eltern aktiv.

Eine neue Entwicklung lässt Charlies Eltern und ihre Unterstützer nun wieder hoffen: Die Mediziner im Great Ormond Street-Krankenhaus wollen, dass der Fall im "Licht neuer Erkenntnisse über eine mögliche Behandlung" neu entschieden wird. Ihnen lägen Gutachten des Kinderkrankenhauses des Vatikans und einer weiteren Klinik im Ausland vor. Bisher unveröffentlichte Studienergebnisse gäben - sagt die Mutter des Babys - Charlie eine zehnprozentige Chance auf einen Behandlungserfolg. Nicholas Francis, der Richter, der zunächst den Argumenten der britischen Mediziner gefolgt war, gab den Eltern bis Mittwochnachmittag Zeit, neue Unterlagen vorzulegen. Am Donnerstag soll der Fall neu verhandelt werden.

Charlie Gard in einem undatierten Bild der Familie (picture-alliance/dpa/Family of Charlie Gard)

Baby Charlie: 10 Prozent Chance für einen Behandlungserfolg

Aber Richter Francis warnte, die vorgelegten Unterlagen müssten "neu und überzeugend" sein, um die vorherigen Entscheidungen rückgängig zu machen. "Es gibt niemanden, der Charlie nicht retten wollte", sagte er, will aber auch diesmal sachlich entscheiden: "Ich habe nicht auf der Basis von Tweets zu entscheiden oder auf der Basis dessen, was in den Medien gesagt wird." Seine Entscheidung, sagte der Richter, werde er möglicherweise nicht sofort verkünden.

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