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Kultur

Todesurteil für Aum-Sektenchef

Er prophezeite den Weltuntergang und brachte den Tod. Nun wurde Shoko Asahara selbst zum Tode verurteilt. Der Gründer der Aum-Sekte gilt als Drahtzieher des Giftgasanschlags auf die Tokioter U-Bahn vor neun Jahren.

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Shoko Asahara: Die korrupte Gesellschaft zerstören

Shoko Asaharas Verbrechen sind in der japanischen Kriminalgeschichte ohne Beispiel. Der Anschlag auf mehrere Züge der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 machte ganz Japan fassungslos. Fünf Aum-Jünger zerstachen mit angefeilten Regenschirmspitzen Plastiktüten mit Sarin. Damals starben zwölf Menschen, Tausende wurden verletzt.

Berufung gegen Todesurteil

Das Tokioter Bezirksgericht befand den halb blinden Asahara am Freitag (27.2.) für schuldig - in allen dreizehn Anklagepunkten. Demnach hat Asahara nicht nur den Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn zu verantworten. Insgesamt soll er Drahtzieher mehrerer Morde und Mordversuche gewesen sein, die seine Jünger für ihn verübten. Von den 189 wegen Aum-Verbrechen angeklagten Menschen haben japanische Gerichte bereits elf zum Tode verurteilt. Asahara war der letzte Angeklagte, dem Japan den Prozess machte. Seine Anwälte legten sofort Berufung gegen das Urteil ein.

Mord als Loyalitätsbeweis

Über Asahara gibt es unglaubliche Geschichten. Anhänger würden mit bizarren Riten traktiert. Für viel Geld habe er sein Blut und Badewasser sowie Elektrodenmützen zur Kommunikation mit seinen Hirnströmen verkauft. Gefolgschaft habe er mit Drogen und Folter erzwungen. Asahara verlangte angeblich Morde als Mutproben und Loyalitätsbeweise. Opfer von Riten würden in riesigen Mikrowellenherden beseitigt.

Yogaübungen gegen die Leere

Dabei schien die Aum-Sekte in ihren Anfängen harmlos. Vor 20 Jahren gründete Shoko Asahara, mit bürgerlichem Namen Chizuo Matsumoto, den Verein Aum e. V. Seine Mitglieder sollten dort mit Hilfe von Yogaübungen "psychische Kräfte" erlangen. Besonders bei jungen Menschen traf Asaharas Lehre ins Mark. Er nutzte das spirituelle Vakuum, das in den wirtschaftlichen Boom-Jahren Japans entstanden war. Die Jugendlichen fühlten sich in der neuen, leistungsorientierten Gesellschaft nicht mehr wohl und suchten eine Ersatzheimat. Die bot ihnen Asahara. Er galt als Vaterfigur - als jemand, mit dem man über alles reden kann. Ruhig auch mal über das letzte Baseballspiel.

Glaubensmix und Apokalypse

Dann die Kehrtwende in Asaharas Denken. Die Sekte sollte nicht länger "Aum-Gemeinschaft der Magier vom Berge" heißen, sondern "Aum-Höchste-Wahrheit". Ziel war eine streng geführte religiöse Gemeinschaft. Ihr Guru Asahara propagierte einen Glaubensmix aus Buddhismus, Hinduismus und Zen-Lehren - und reicherte die Lehren mit apokalytischen Prophezeiungen an. Genau wie die Hindugottheit Shiva wollte Shoko Asahara die Welt in einem "kosmischen Tanz" in Schutt und Asche legen - um sie dann neu zu erschaffen.

Reichtum und Macht

Die Welt in Schutt und Asche legen: Das konnte Aum nur bewerkstelligen, indem sie Reichtum und Macht anhäufte. Die Anhänger der Sekte spendeten reichlich. Aum steuerte zum Schluss 37 Unternehmen. Sie betrieb Kliniken und Forschungszentren, Cafés und Fitnessstudios. 1990 trat Asahara mit seiner "Wahrheitspartei" bei den Parlamentswahlen an. Er scheiterte kläglich. Asahara fasste den endgültigen Entschluss, die Gesellschaft zu zerstören. Sie sei korrupt.

Aum begann nach biologischen Waffen zu forschen. Die Sekte versuchte zuerst tödliche Bazillen zu züchten. Später verlagerte sie sich auf die Produktion des Nervengases Sarin - jenes Gas, dass beim Anschlag auf die Tokioter U-Bahn zwölf Menschen das Leben kostete.

Inzwischen hat sich die Sekte umbenannt und aller Gewalt abgeschworen. Trotzdem stehen ihre etwa 1600 Jünger unter scharfer staatlicher Beobachtung. Bürger machen weiter gegen Mitglieder der Sekte mobil. Wütende Mobs vertreiben die Jünger aus ihren Gemeinden. Die Sekte entschuldigte sich am Freitag (27.2) erneut bei den Opfern und versprach, sie zu entschädigen. (dp)