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Afrika

Todesfalle Mittelmeer: In Afrikas Medien spärlich behandelt

Afrikas Medien und Politiker schweigen weitgehend zum Flüchtlingsdrama im Mittelmeer. Ein Blick auf die afrikanische Presselandschaft und ihren Umgang mit dem Leid auf der Suche nach einem besseren Leben.

Erstaunlich zurückhaltend sind Afrikas Medien, wenn es um die Zehntausenden Flüchtlinge geht, die die

Todesreise nach Europa

wagen. "Die Bootstragödie ist nicht nur Europas Problem", ruft da eher einsam der intellektuelle "Daily Maverick" aus Südafrika: "Die Kommunikationsabteilung der Afrikanischen Union (AU) hat viel zu tun dieser Tage: ein Statement zu den Wahlen im Sudan, eines zur Ermordung von Äthiopiern durch den IS, ein anderes zu den ausländerfeindlichen Übergriffen in Südafrika. Ein bisschen Politur für Investoren mit der 'Africa Agenda 2063'. Aber nichts zu den Bootsladungen voller Afrikaner, die alles riskieren, um den Kontinent zu verlassen. Nichts zu den Hunderten Leichen, die im Mittelmeer treiben." Immerhin kläre die AU gemeinsam mit der EU entlang der Schleuserrouten Flüchtlinge auf. "Die AU versucht die Migranten in den Auffanglagern davon zu überzeugen, dass auch in Europa nicht das Schlaraffenland auf sie wartet. Das ist ein guter Anfang, aber mehr auch nicht."

Das Flüchtlingsdrama ist auch Afrikas Problem

Überschriften vielgelesener Blätter wie "The Star“ aus Johannesburg, "Pretoria News" oder "New Vision" aus dem ugandischen Kampala suggerieren eher Ferne und Fremdverantwortung : "EU zum Handeln gegen ertrinkende Migranten aufgefordert", heißt es da, oder: "EU stimmt für mehr Rettungsmaßnahmen" und: "Keine Ausreden mehr, warnt die EU".

Illegale Einwanderer Fotos von Angehörigen der Opfer von Bootsunglücken Flash-Galerie Photo: DW

Die Opfer bleiben meist namenlos

Eine nicht-repräsentative Analyse zeigt, dass über die ausländerfeindlichen Attacken in Südafrika etwa zehn Mal mehr berichtet wurde als über die Todesfalle Mittelmeer. Beide Entwicklungen hängen zusammen: Auf der Suche nach Glück, Arbeit, Freiheit oder wenigstens Stabilität treibt es Migranten ebenso in den Norden wie ans Kap der Guten Hoffnung. Eine Willkommenskultur vermisst man hier wie dort. Und auf beiden Hälften der Erdkugel schüren radikale Kräfte mit einer undifferenzierten "Das-Boot-ist-voll-Logik" das Feuer. Und doch lösen die Übergriffe in Südafrika afrikaweit Empörung aus, während das tausendfache Ertrinken im Mittelmeer kaum debattiert wird. Die Kapstädter Zeitung "Cape Times" widmet sich immerhin ausführlich den Schmugglerbanden, zitiert einen lachenden Menschenhändler aus Eritrea, genannt "Der General", mit dem zynischen Satz: "Sie werfen mir vor, dass ich zu viele Menschen an Bord nehme, dabei sind sie es doch, die so eilig wegwollen“. Ein anderer Menschenhändler, ein Äthiopier mit dem Decknamen Ghermaya, brüstet sich, wie gut es laufe dieses Jahr: "Ich habe schon 7000 bis 8000 rübergeschickt", zitiert ihn die "Cape Times". Angeblich hat Ghermayas Netzwerk in nur zwei Jahren 100 Millionen Euro damit verdient.

Der "Sud Quotidien" aus Senegal geht den Motiven der jungen Glückssucher auf den Grund: "Ihre Schlagwörter lauten 'Dschihad', 'Barcelona oder sterben' – das sagt viel. Hauptsache weg – egal was passiert. Das offene Meer als Synonym für die Suche nach Erfolg. Der Tod riecht nach Paradies. Sie benutzen den Begriff Dschihad, um das Unaussprechliche zu beschreiben: Sie nehmen ein gefährliches Abenteuer im Kauf, um das Glück der Familie, die zu Hause bleibt, zu sichern. Was sie bewegt, ist nicht greifbar. In ihrer Verzweiflung erleben die Flucht-Kandidaten ein großes Glück. Sie stehen zwischen zwei Feuern: Armut und Krieg. Der Geschmack von Gefahr ist ihre letzte Hoffnung. Sie sind geboren, um zu sterben."

Wozu brauchen wir die AU?

Die simbabwische Exilzeitung "The Zimbabwean" wirft Afrikanischer wie Europäischer Union gleichermaßen Versagen vor. "Die EU zaudert, unsere Kinder vor Menschenhändlern zu retten. Sie wird sich nicht auf eine Öffnung der Grenzen verständigen. Und der beklagenswerte Zustand der afrikanischen Regierungen, angeführt von Ikonen wie Robert Mugabe, wird weiter eine Flüchtlingsflut Richtung Europa treiben. Die Entwicklungshilfe nach Afrika ist weitgehend vergeudet. Einige dieser Milliarden sollten direkt für UN-Schutzzonen, etwa in Nordafrika, ausgegeben werden, wo Flüchtlinge aufgefangen, versorgt und ausgebildet werden – während ihre Asylanträge nach Europa bearbeitet werden."

African Union Gipfel in Addis Abeba im Januar 2015, Südafrikas President, Jacob Zuma (R) in einem Portrait mit afrikanischen Staatschefs Photo: EPA/SIYASANGA MBAMBANI / GCIS / HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Afrikanische Staatschefs auf dem AU-Gipfel in Addis Abeba Januar 2015

"The Observer" aus Uganda vermisst eine klare gemeinsame Haltung Afrikas: "Nach mehr als zehn Jahren medialem `Afrika erhebt sich´-Getöse brauchen unsere Erfolgsgeschichten einen Realitätscheck. Und die Wirklichkeit lässt uns fragen, ob Afrikas Führer in der Lage sind, die Geschicke des Kontinents so zu steuern, dass wir nicht länger die Lachnummer der Welt sind. Bedauerlicherweise gibt ihre bisherige Reaktion wenig Anlass zur Hoffnung. Die Afrikanische Union führt nicht, wie sie es sollte, und kein einziger nationaler Führer, bis auf Robert Mugabe, macht den Mund auf. Wo und wann lädt die AU zu einem Flüchtlingsgipfel? Wie sieht der AU-Masterplan zur Migration aus? Wo ist die gemeinsame Verpflichtung der afrikanischen Führer, das Leid ihrer Völker zu beenden?"

Das bewegt auch "La Nouvelle Tribune" aus Benin: "Die sogenannte Afrikanische Union sollte die Einheit der Afrikaner und deren hoffnungsvolle Zukunft symbolisieren. Aber sie hüllt sich in Schweigen, ist in wichtigen Fragen völlig abwesend. Die AU ähnelt den vielen Organisationen des Kontinents, voll von Bürokraten.

Robert Mugabe in Südafrika Photo: dpa

Robert Mugabe, derzeit Vorsitzender der AU: zu viele andere Themen auf der Agenda

Hunderte und Aberhunderte Afrikaner fliehen vor Konflikten und

Armut, die die eigenen Regierungen verursacht haben

, um auf See zu sterben.

Wenn Europa eine Lösung sucht

, folgt es nur dem eigenen Interesse: eine Invasion von Migranten zu vermeiden. Wer kann das der EU vorwerfen? Aber auch in dieser Debatte ist unübersehbar, dass ausgerechnet die eigentlich von dem Drama am meisten betroffene AU abwesend ist. Diese unerträgliche Situation lässt die Afrikaner fragen: Wozu brauchen wir überhaupt die AU? Wenn Sie eine Antwort haben, schicken Sie sie bitte an uns."

Die teils heftigen Diskussion in den sozialen Netzwerken, gerade auch bei der Deutschen Welle zeigen, wie sehr diese Frage die Menschen bewegt: Was tut Afrika eigentlich selbst gegen das Flüchtlingsdrama?

Mitarbeit: Lina Hoffmann

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