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Politik & Gesellschaft

Tod per Fernbedienung

Drohnenangriffe sind fast schon alltäglich. Unbemannte Kampfflugzeuge spielen eine immer stärkere Rolle in den Planungen der Militärs. Noch haben Menschen die Hand am Drücker. Der Trend geht aber zum autonomen Roboter.

Eine Drohne vom Typ Reaper auf einem Flugfeld nahe der afghanischen Stadt Kandahar (Foto: dpa)

Kein Pilot an Bord, dafür bis zu 14 Raketen: Drohne vom Typ Reaper

Es war ein ungewöhnlich kleines Flugzeug, das Anfang Februar 2011 über der kalifornischen Luftwaffenbasis Edwards aufstieg. Gerade einmal knapp 12 Meter lang, sah es aus wie eine Pfeilspitze - und es flog ohne Piloten: Die X-47 B des Rüstungsherstellers Northrop Grumman hat ihre dreijährige Testphase begonnen. X-47 B, dahinter verbirgt sich ein robotisches Waffensystem, das für komplett autonome Einsätze entwickelt worden ist und das eine Last von zwei Tonnen Bomben und Raketen tragen kann. Der computergesteuerte Pfeil ist zudem eine Tarnkappendrohne, das heißt, er ist im Radar nur sehr schwer zu orten. Er soll weitgehend unbemerkt von Flugzeugträgern aufsteigen, dann seine Ziele suchen und wieder zurückkehren - alles vorab programmiert und ohne dass ein Mensch noch eingreifen müsste.

Prototyp der neuen Drohne X-47B im Jahr 2004 auf der Luftfahrtschau im englischen Farnborough (Foto: AP) Photo/Dave Caulkin)

Vollautonome Killermaschine: Tarnkappendrohne X-47B

Vervielfachung der Drohnenangriffe

Die X-47B ist nur das neueste Beispiel eines seit Jahren erkennbaren Trends: Weg von Soldaten auf dem Schlachtfeld, hin zu ferngesteuerten oder gleich voll-autonomen Systemen. Erst seit zehn Jahren werden Drohnen nicht mehr nur als Aufklärungsflugzeuge eingesetzt, sondern auch als Angriffswaffen. Vor allem in Pakistan haben die USA den Einsatz von Drohnen vervielfacht: Zwischen 2004 und 2007 gab es lediglich neun Angriffe. 2008 waren es dann bereits 33, ein Jahr darauf 53 und im vergangenen Jahr verdoppelte sich die Zahl noch einmal auf 118 Drohnenangriffe. Die Schätzungen über die Zahl der Toten schwanken zwischen gut 600 und knapp 1000.

Jürgen Altmann, Physiker an der Universität Dortmund, Gründungsmitglied des International Comitees for Robot Arms Control ICRAC (Foto: DW/Matthias von Hein)

Gründungsmitglied der ICRAC: Jürgen Altmann

"Man kann sich nicht vorstellen, dass die USA im gleichen Umfang bemannte Kampfflugzeuge nach Pakistan hätten schicken können," sagt Jürgen Altmann zu dieser Entwicklung. Der Dortmunder Physiker ist Gründungsmitglied des Internationalen Komitees zur Kontrolle von Roboterwaffen (ICRAC). Die Tatsache, dass die Flugzeuge relativ klein sind und keine Mannschaft an Bord haben, erleichtert es nach Altmanns Ansicht Pakistans Regierung, dem Drohnenprogramm stillschweigend zuzustimmen. Für Altmann ist deshalb klar, "dass die Schwelle zum Einsatz von solchen Waffensystemen niedriger ist, als wenn man bemannte Flugzeuge schicken würde".

Krieg ohne Risiko?

Die enorm gestiegene Rechenkraft von Computerchips, moderne Kamera- und Sensortechnik lassen Realität werden, was gestern noch der Traum von Generälen war: Krieg zu führen ohne Risiko für die eigenen Soldaten. Noel Sharkey, Professor für Robotik und künstliche Intelligenz an der britischen Universität Sheffield, weist darauf hin, dass nicht nur die Zivilisten der anderen Seite weiterhin gefährdet sind: "Auch für unsere eigenen Zivilisten ist diese Kriegsführung nicht ohne Risiko, weil asymmetrische Kriegsführung neuen Terrorismus schafft. Denn die Leute werden sich nicht einfach ergeben, nur weil wir die bessere Technologie haben."

Das Roboterfahrzeug Gecko des Herstellers Base Ten GmbH im Mai 2010 bei einer Präsentation (Foto: AP))

Krieg ohne Risiko nur für die Militärs: Kampfroboter

Wettrüsten und technologische Aufholjagd

Vor allem aber setzt ein weltweites Wettrüsten mit Drohnen ein. Über 50 Staaten haben bereits Aufklärungsdrohnen gekauft oder selbst entwickelt. Darunter Staaten wie Israel und Deutschland, China, Russland und Iran. Viele arbeiten an bewaffneten Versionen. Die Kostenvorteile gegenüber herkömmlichen Kampfjets sind bestechend: Eine US-amerikanische Drohne vom Typ Reaper MQ 9 - kostet nur zehn Millionen Dollar, kann aber mit 14 Hellfire Raketen bewaffnet werden. Zum Vergleich: Ein einziger F-22 Kampfjet kostet rund 150 Millionen US-Dollar. Auch die Ausbildung der Joystickpiloten kostet nur einen Bruchteil der Ausbildung eines Kampfpiloten.

Und je mehr Staaten auf Drohnen setzen, desto mehr beschleunigt sich der Trend hin zu voll-autonomen Systemen. Friedensforscher Altmann aus Duisburg beunruhigt, dass militärische Logik schnellere Systeme geradezu erzwingt. Die Übertragung des Signals von der Drohne über Satellit zur Basisstation und zurück inklusive der Reaktionszeit des fernsteuernden Piloten kann durchaus einige Sekunden dauern - Zeit, in der ein autonomes System das ferngesteuerte bereits vernichtet hätte. "In bestimmten Situationen will man auf jeden Fall autonom reagieren können, um das eigene System funktionsfähig zu halten", fasst Altmann zusammen.

Katastrophen im Automatikmodus

Noel Sharkey

Warnt vor den Gefahren des Roboterkriegs: Noel Sharkey

Der Zwang zu immer kürzeren Reaktionszeiten im Konfliktfall führt zu mehr Automation - und die wiederum gelegentlich zu Katastrophen: Zum Beispiel identifizierte das vollautomatisierte Flugabwehrsystem AEGIS an Bord des US-Kreuzers Vincennes am 3. Juli 1988 ein voll besetztes iranisches Passagierflugzeug als feindliches Kampfflugzeug. Der Airbus wurde quasi automatisch abgeschossen. Die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten ist aber eine zentrale Forderung der Genfer Konvention - und ein Schwachpunkt robotischer Systeme.

Peter Warren Singer von der US-amerikanischen Denkfabrik Brookings Institution hat sich 2009 in einem Buch kritisch mit der Weiterentwicklung von Militärrobotern auseinandergesetzt: "Roboter werden nicht wütend, wenn ihr Kumpel getötet wird. Sie verüben keine Verbrechen aus Rache oder Vergeltung - und das ist der Grund, aus dem viele Kriegsverbrechen begangen werden. Aber für einen Roboter ist eine 80-jährige Großmutter im Rollstuhl dasselbe wie ein Panzer: Beide sind nur eine Folge von Nullen und Einsen."

US-Zerstörer Vincennes im Juni 2003 im Golf von Thailand (Foto: U.S. Marine Corps)

290 Tote durch Fehlentscheidung des Systems: Der US-Zerstörer "Vincennes" schoss 1988 eine iranische Passagiermaschine ab

Befehlsverweigerung von Robotern

Der Roboterforscher Ronald Arkin vom Georgia Institute of Technology sieht in der Emotionslosigkeit der Roboter gerade ihre besondere Stärke. Arkin ist überzeugt, Systeme schaffen zu können, die Menschen im Schlachtfeld überlegen sind. Arkin möchte Robotern die Genfer Konvention programmieren. Und sie sollen Befehle verweigern können, die im Gegensatz zu den Kriegsrechtskonventionen oder den Rules of Engagement (Einsatzregeln) stehen. Der Bremer Computerwissenschaftler Hans-Jörg Kreowsky sieht da grundsätzliche Probleme, "weil niemand weiß, was das überhaupt bedeutet: Ethische Überlegungen in die Programmierung einzubeziehen. Ethik ist schlicht nicht algorithmisch definiert. Und dann kann man es auch nicht bauen."

Die Trends in der technologischen Entwicklung des Militärs mögen sich anhören wie Science Fiction - ihre Anwendung und ihre Folgen sind es nicht.

Autor: Matthias von Hein
Redaktion: Beate Hinrichs

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